In Leinfelden stehen jetzt Brutboxen für bis zu 150 Vögel zur Verfügung. Doch die Tiere müssen zunächst mit Futter angelockt werden. Später werden dort die Eier ausgetauscht.

Den meisten Passanten ist es nicht entgangen: Seit etwa drei Wochen steht der neue Taubenwagen auf einem Grünstreifen in der Nähe des Bahnhofs in Leinfelden. Taubenfreunde sind derzeit damit beschäftigt, die Vögel rund um den Bahnhof von einem Umzug in den Taubenwagen zu überzeugen. Wie das gelingt, erklärten die beiden Ehrenamtlichen des zuständigen Tierschutzvereins Tierfreunde Filderstadt, Josefine Bohn und Jennifer Winkler, beim Vor-Ort-Termin.

 

Noch geht es im Taubenwagen gemächlich zu. Nur wenige Tiere haben den Wagen als neue Heimat angenommen. Doch das soll sich in den kommenden Wochen ändern. Bis zu 150 Tiere könnten in den kleinen Brutboxen Platz finden. So unscheinbar der graue Taubenwagen von außen wirkt, er ist optimal auf die Bedürfnisse der Vögel ausgelegt. Der Wagen hat alles, was sich die Tierfreunde des Tierschutzvereins gewünscht haben. „Das ist die High-End-Version“, freut ich Jennifer Winkler. Neben den Brutboxen gibt es eine „Krankenstation“, die Eingangsvoliere. Dort können kranke oder verletzte Tiere zur Pflege und Genesung eingesperrt werden.

Ein weiteres Highlight ist die raubtiersichere Zugangsschleuse. Die Tauben kommen hindurch, größere Raubvögel nicht. Auch andere Räuber wie Katzen, Füchse, Ratten, Waschbären oder Marder sollten die Zugangsklappe eigentlich nicht erreichen können. Im Umfeld des Taubenwagens haben Winkler und Bohn noch keine für Tauben besonders gefährlichen Raubvögel gesehen. Es gebe nur einen Bussard, der jedoch kaum in der Lage sei, eine gesunde Taube zu fangen.

Der Wagen hat 25 000 Euro gekostet

Die Stadt hat den Wagen für rund 25 000 Euro gekauft. Ursprünglich war ein Taubenturm geplant gewesen, was wohl wesentlich teurer geworden wäre. Der Taubenturm wurde aber aus Kostengründen zunächst ersatzlos gestrichen. Das Taubenproblem am Bahnhof stieß aber vielen Stadträten bitter auf, sodass sie mindestens einen Taubenwagen einforderten. Ein großes Problem ist, dass die Tauben am Bahnhof zuweilen von Menschen gefüttert wurden. Diejenigen, die den Tieren beispielsweise trockenes Brot oder andere Essensreste gäben, meinten es wohl gut, so Bohn. Tatsächlich täten sie den Tieren damit aber keinen Gefallen. Inzwischen weisen Schilder darauf hin, die Tauben nicht zu füttern. Hinzu komme, dass die Essensreste auch Ratten anlockten. Sorgen, dass die Tauben verhungerten, müsse sich niemand machen. „Die Tiere bekommen hier hochwertiges Futter“, versichert Bohn.

So sieht der Wagen von außen aus. Foto: pib

Dass die Arbeit der Tierfreunde erfolgreich ist, ist auf dem Dach eines Parkhauses im Norden von Echterdingen zu sehen. Dort gibt es bereits seit einigen Jahren ein Taubenhaus, das von vielen der rund 250 Tiere des Schwarms in Echterdingen als Brutstätte genutzt wird. Ehrenamtliche kümmern sich dort um gutes Futter, saubere Unterkünfte und frisches Wasser. Und zwischendurch tauschen sie die Eier der Vögel aus, sodass sich die Tiere nicht immer weiter vermehren. Ähnlich soll es auch in Leinfelden laufen.

Der Schwarm in Leinfelden ist etwas kleiner als in Echterdingen. Neben dem Bahnhof brüten viele Tauben auch auf den Dächern der umliegenden Gewerbebetriebe. Der Tierschutzverein sei aber in Kontakt mit den Unternehmen, die offen für die Arbeit der Tierschützer seien, betont Josefine Bohn.

Und wie werden die Tiere am Bahnhof nun von einem Umzug in den Taubenwagen überzeugt? Mit Futter. Über mehrere Wochen werden die Tauben angefüttert. Dabei wird die Distanz zum Taubenwagen immer weiter verkürzt, bis die Tiere irgendwann am Taubenwagen gefüttert werden können. Von da an sollte es ein Selbstläufer werden. „Wo eine Taube ist, da gehen andere auch rein. Irgendwann wird es voll“, so Winkler.

Damit der Taubenwagen dauerhaft angenommen wird, muss er intensiv unterhalten werden. Etwa 20 Liter frisches Wasser sind täglich nötig, 75 Kilogramm Futter braucht der Schwarm pro Woche. Ehrenamtliche kümmern sich abwechselnd um den Wagen. „Jeden Tag ist jemand von uns hier“, sagt Winkler. Rund eineinhalb Stunden täglich müssen aufgewendet werden. Für die laufenden Kosten kommt der Tierschutzverein mit finanzieller Unterstützung der Stadt auf.

Woher die Tiere kommen

Unterstützung
Wer die Tierschützer unterstützen möchte, darf sich an den Tierschutzverein Filderstadt wenden – entweder mit einer Geld- oder Sachspende oder für die ehrenamtliche Mitarbeit. Darüber hinaus suchen die Tierfreunde noch jemanden für einen Minijob für den Taubenwagen. Kontaktdaten und die Kontoverbindung sind auf der Homepage www.tierschutz-filderstadt.de abrufbar.

Tiere
Die heutigen Stadttauben sind wohl meist freilebende Haus- und Brieftauben, die einst aus Felsentauben gezüchtet wurden und die in freier Natur nur schlecht zurechtkommen würden. Die genaue Herkunft ist aber nicht geklärt.

Bestand
Obwohl die Tierschützer in der Vergangenheit in Echterdingen tausende Eier tauschten, verringert sich die Größe des Schwarms nicht. Einige Tiere des Schwarms finden immer wieder Brutmöglichkeiten an unzugänglichen Orten an den Gebäuden im Echterdinger Norden. Darüber hinaus finden immer wieder Tauben von außerhalb, beispielsweise verirrte Brieftauben, ihren Weg an Leinfelden-Echterdingen, wo sie sich dem heimischen Schwarm anschließen.