Die Stadt Stuttgart ist Hinweisen nachgegangen und auf katastrophale Haltung von Reptilien gestoßen. Auch Experten aus München sind entsetzt über das Ausmaß.
Animal Hoarding, das massenhafte nicht artgerechte Halten von Tieren, kennt man meist von Hunden, Katzen oder Kaninchen. Einen Fall der anderen Art hat die Stadt Stuttgart nun gemeldet: Fachleute der Veterinärbehörde und der unteren Naturschutzbehörde haben Riesenschlangen in einem Wohnhaus gefunden. Die Bedingungen beschreiben die Experten mit „katastrophal“. 13 Tiere waren bereits tot, 34 krank und ausgehungert. Die Stadt hatte nach Hinweisen aus der Bevölkerung das Wohnhaus aufgesucht.
Bei der Ankunft war schon klar: Was hier passiert ist, ist besonders schlimm – Verwesungsgeruch von den toten Tieren drang aus dem Haus. Es wird nun gegen die Halter wegen des Verdachts auf Straftaten gegen den Tier- und Artenschutz ermittelt.
Noch ist nicht sicher, ob die geretteten Tiere überleben
Die längste der toten Schlangen maß 1,60 Meter. Die noch lebenden seien abgemagert und lethargisch gewesen. Die Haltungsbedingungen insgesamt stuften die Verantwortlichen als „inakzeptabel“ ein, weswegen die sogenannte Fortnahme der Tiere angeordnet wurde. Sie kamen nach München in eine spezielle Auffangstation für Reptilien – ein klassisches Tierheim ist für solche Exoten nicht ausgestattet.
Die Leiterin der Stuttgarter Veterinärbehörde, fand deutliche Worte: „Nach Zahl und Zustand der Tiere ist dies bei Reptilien der gröbste Verstoß seit Jahren“, sagt Jana Lohmann. Bei Reptilien sei es äußerst selten – ihre Haltung ist nicht so verbreitet wie etwa Katzen und Hunde. Die meisten, die sich für diese Tiere entscheiden, arbeiten sich gut ein und haben ein besonderes Interesse. In den zurückliegenden drei Jahren habe man in Stuttgart nur bei sechs Schlangen und drei Schildkröten wegen schlechter Haltung eine Fortnahme anordnen müssen, so Lohmann.
Die Münchner Experten von der Auffangstation kamen nach Stuttgart, um die Tiere artgerecht zu versorgen und transportieren. Am Ziel angekommen, habe sich bei der Eingangsuntersuchung „ein Bild des Schreckens“ geboten. Markus Baur, der Leiter der Auffangstation, sagte: „Wir bekommen hin und wieder ein Tier, das schlecht beieinander ist, aber dieser Bestand ist das Schlimmste, was wir seit Jahren gesehen haben.“ Baur ist Fachtierarzt für Reptilien.
Das Eingreifen der Behörden nennt er einen „Volltreffer für den Tierschutz – absolut angemessen, dass die Stuttgarter Behörden durchgegriffen haben. Das ist ein Lichtblick für die verbleibenden Tiere. Es ist aber noch nicht abzusehen, wie viele überhaupt überleben werden.“ Der Bestand der Überlebenden hat sich schon reduziert: Man habe ein Tier eingeschläfert, weil ihm nicht mehr zu helfen war.
„Verheerender Zustand: Schlangen stürzen sich auf Wasserschalen“
Auch die weiteren Tiere seien in „teilweise verheerendem Zustand“, viele seien ausgemergelt und „pergamentartig ausgetrocknet“, schilderte Baur. In ihrer neuen Umgebung hätten sie sich „auf die bereitgestellten Wasserschalen regelrecht gestürzt und verlassen sie gar nicht mehr.“ Neben der Unterversorgung stellten die Veterinäre auch Narben, Verletzungen und Abzesse fest, auch ein starker Parasitenbefall liege vor, der wohl schon lange nicht mehr behandelt worden sei. Die Mehrzahl der Schlangen leide aufgrund dessen an einer Blutarmut, verursacht durch Milben.
Der Befund kann noch schlimmer werden: Eine Laboruntersuchung werde nun zeigen müssen, ob auch Viruserkrankungen noch hinzu kommen. Der Verdacht darauf bestehe. Das würde die Überlebenschancen der Schlangen noch weiter mindern.