Tödlicher Raser-Unfall in Ludwigsburg Blitzer sind eben keine „Wegelagerei“

Der Wagen des mutmaßlichen Unfallverursachers: Die Polizei geht von einem illegalen Rennen aus. Foto: KS-Images/Karsten Schmalz

Wenn es darum geht, Mitmenschen zu einer vernünftigeren Fahrweise zu bringen, kann jede und jeder Einzelne mit Dagegenhalten und Zivilcourage was erreichen, meint unsere Polizeireporterin Christine Bilger.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Keine Strafe der Welt, kein lebenslanger Entzug der Fahrerlaubnis kann je wieder gutmachen, was die Angehörige der Opfer des Unfalls in Ludwigsburg in diesen Stunden durchleben. Zwei Frauen, 22 und 23 Jahre jung, wurden mitten aus dem Leben gerissen – eine Floskel, oft verwendet, und in diesem Fall mit all ihrer Bitternis zutreffend. In Sekundenbruchteilen wurden zwei junge Frauen getötet, weil – mutmaßlich – zwei Männer sich zum Spaß ein PS-Duell liefern wollten.

 

Nun werden schnell Rufe nach Gesetzesänderungen, Strafverschärfungen und sonstigen drastischen Maßnahmen laut. Man sehnt sich nach der Schärfe der Schweizer Verkehrsüberwachung, wo notorischen Rasern auch einfach mal das Auto abgenommen werden kann.

Das ist nachvollziehbar, wird aber den nächsten Unfall kaum verhindern. Schon jetzt ist klar, dass bei derlei Fehlverhalten eine Mordanklage dräuen kann, aber Abschreckung genug ist das offenbar nicht. Und es ist nachgebessert worden – seit 2017 hat die Justiz den Paragrafen für Autorennen, um im Nachgang zu richten. Auch ist schon jetzt ein lebenslanger Fahrerlaubnisentzug möglich – steht im Strafgesetzbuch.

Die Verkehrsüberwachung muss engmaschiger werden, das ist ein Auftrag an die Polizeibehörden und die Polizei, sich noch mehr um das Problem mit den Rasern und Posern zu kümmern. Es muss ein aktives Hinschauen geben, keine öffentlichwirksamen angekündigten Schwerpunkte wie den Blitzermarathon.

Aber man muss auch viel früher ansetzen – und nicht nur nach den Gesetzeshütern und den Gesetzgebenden rufen. Wenn das nächste mal jemand einen Blitzer als „Wegelagerei“, einen Strafzettel als „Abzocke“ bezeichnet, ein anderer sich ungerecht behandelt fühlt, weil er die Pappe für vier Wochen los ist: Dagegenhalten. Auch das ist Zivilcourage. Wenn ein PS-Protz in der Innenstadt mit seiner teuren Karre herum röhrt, den Auspuff knattern lässt, das Heck ausbrechen lässt, dann kann man das auch mal der Polizei mitteilen. Und statt eines „Boah, geile Karre!“ kann man auch ein „Muss das sein?“ äußern, vor allem, wenn noch beeinflussbare Kinder anwesend sind.

Was läuft falsch bei der Definition von Männlichkeit über PS?

In diesem Zusammenhang muss man auch auf einen Begriff kommen, der bei vielen Männern gar nicht gut ankommt: Toxische Männlichkeit. Eine PS-Parade, ein Kräftemessen, alles nur, um sich zu beweisen, wer der coolere Macker ist, das steckt hinter den Autorennen, wie dem Tod der Frauen in Ludwigsburg vermutlich eines vorangegangen war. Es sind fast ausschließlich Männer, die so ein Verhalten an den Tag legen – nicht von ungefähr sind 76 Prozent der in Flensburg registrierten Verkehrssünder laut einer Statistik des Verkehrsministeriums Männer. Was läuft falsch in einer Gesellschaft, wenn man sich über ein so unsinniges Verhalten als Mann definieren muss?

Moralapostel? Petze? Spaßbremse? Mag sein, dass man sich das dann schimpfen lassen muss, wenn man sich so zu Wort meldet. Aber: Das ist gleich vergessen. Die Folgen eines schweren Unfalls hingegen belasten ein Leben lang.

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