Torjäger von Frisch Auf Göppingen Nationalmannschaft? Marcel Schiller äußert sich unmissverständlich

Linksaußen Marcel Schiller: Der 34-Jährige ist der Toptorjäger von Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen. Foto: Pressefoto Baumann

In seiner 13. Saison stellte Marcel Schiller mit 16 Treffern einen Torerekord auf. Wo liegen für den 34-Jährigen von Frisch Auf Göppingen die Gründe? Wie lange bleibt er noch am Ball?

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Frisch Auf Göppingen sammelte in der Handball-Bundesliga zuletzt 10:2 Punkte in Serie. Toptorjäger Marcel Schiller schätzt vor dem baden-württembergischen Derby gegen die Rhein-Neckar Löwen (23. April, 19 Uhr/EWS-Arena) die Lage ein.

 

Herr Schiller, was haben Sie sich nach ihren 16 Toren zuletzt beim 34:29-Sieg in Leipzig gegönnt?

Wir hatten vier Tage frei, ich war mit meiner Familie bei schönem Wetter am Bodensee. Was will man mehr? Wobei ich mich über meine zwei vergebenen Siebenmeter in dem Spiel immer noch aufrege.

Auch so reichte es für Sie in Ihrer 13. Bundesligasaison zum persönlichen Torerekord. War Ihnen das sofort klar?

Ich dachte, dass ich 2021 gegen Coburg schon einmal 16 Mal getroffen hatte. Meine Mutter hat dann nachgeschaut, und es waren damals nur 14. Daher war ich doch überrascht.

Was bedeutet Ihnen solch ein Rekord?

Das ist immer schön, aber mir war einfach wichtig, dass wir dieses Spiel gewinnen und bestätigen konnten, dass wir uns in der Erfolgsspur befinden. Grundsätzlich ist mir wichtiger, konstant Leistung zu bringen, als Ausrutscher zu haben.

Sie spielen mit einer Wurfquote von 80 Prozent die effizienteste Saison Ihrer Laufbahn. Was sind die Gründe?

Ich bin diese Saison komplett frei im Kopf. Es gibt so viele Faktoren, dass ich einfach nur spiele und genieße, mir keine Gedanken um andere Sachen mache. Eine solche Leichtigkeit kommt mir und meinem Spiel immer entgegen.

Ist einer der Faktoren, das für Sie abgehakte Thema Nationalmannschaft?

Definitiv. Für mich ist das Thema durch. In das Muster mit vielen jungen Spielern passe ich einfach nicht mehr rein. Ich habe mir immer den mega Druck gemacht, wieder den Adler auf der Brust zu tragen. Das war mein größtes Problem. Dadurch konnte ich nicht frei aufspielen.

Marcel Schiller mit Trainer Ben Matschke. Foto: Pressefoto Baumann

Sie betonen, dass Sie körperlich fitter sind als vor zehn Jahren. Wie schaffen Sie das mit 34?

Mein Körper ist mein Kapital. Ich lege viel Wert auf ausgewogene Ernährung und schiebe, wenn immer nötig, Extraeinheiten.

Wie sehr kommt es Ihnen entgegen, dass Sie selbst eine Ausbildung zum Physiotherapeuten abgeschlossen haben?

Über die Dauer meiner Karriere hat mir das schon sehr geholfen. Ich kann zum Phyisio gehen und exakt sagen, was ich für das jeweilige Problem brauche. Das ist ein wichtiger Faktor.

Wie wichtig ist der Faktor, dass Sie im niederländischen Nationalspieler Rutger ten Velde auf Ihrer Position im Verein einen Konkurrenten auf Augenhöhe haben?

Rutger macht seine Sache vorne und hinten top. Auch was die Statistik betrifft, liegen wir als Duo sehr weit vorne in der Liga. Klar, dass wir als Team vom Konkurrenzkampf profitieren.

Der dänische Rechtsaußen Hans Lindberg spielte noch mit 42 in der Bundesliga. Wie lange haben Sie noch vor am Ball zu sein?

Jetzt habe ich erst einmal noch Vertrag bis 2028. Wenn ich merken würde, meine Motivation lässt nach oder mein Körper lässt mich im Stich – dann höre ich sofort auf. Aber wenn alles passt, dann setze ich mir kein zeitliches Limit. Warum auch? Wenn man sein Hobby zum Beruf macht, und alles passt, wäre ich doch dumm, mit 36 aufzuhören.

In der Saison 2024/25 zog sich Ihre Vertragsverlängerung bis Ende Februar 2025 so zäh wie Kaugummi. Letztendlich gab es den Kompromiss, Sie zunächst für ein Jahr zu binden. Wie hart hat sie das getroffen?

Das war eine brutal schwierige Zeit. Die ersten zehn Saisonspiele damals waren die schlechtesten meiner Karriere. Trainer Ben Matschke war neu, wollte seinen Stempel aufdrücken. In dieser Phase habe ich noch einmal sehr viel umgestellt.

Was genau?

Ich hatte an Muskelmasse zugelegt und war dadurch schwerer. Dann habe ich versucht, Gewicht zu reduzieren. Denn jedes Kilo, das ich mehr auf die Waage bringe, merke ich. Und zwar überall. An Schulter, Achilles-, Patellasehne, es zwickte am ganzen Körper. In solch einem Zustand komme ich nicht an mein Leistungslimit. Also habe ich wieder etwas verändert – durch Zusatzeinheiten und Ernährungsumstellung. Der Lohn: Im November 2025 hat man meinen Vertrag dann gleich um zwei Jahre verlängert.

Warum läuft es bei zuletzt 10:2 Punkten in Serie insgesamt so gut bei Frisch Auf?

Da kommen viele Faktoren zusammen. Natürlich sind wir insgesamt besser eingespielt. Die Abwehr ist top, die starken Torhüterleistungen kommen hinzu. Das ist die halbe Miete. Und dann macht es vor allem unser Spielmacher Elias Newel überragend. Er hat das Zepter im Angriff in der Hand, was lange Zeit das Problem darstellte.

Was macht Newel denn besser als Ludvig Hallbäck, der im Winter im Tausch mit Ole Pregler zum VfL Gummersbach ging?

Ich finde, Elias steuert das Spiel top. Er ist abgezockt, geht da hin, wo es wehtut, arbeitet viel für die Mitspieler, wovon die Mannschaft insgesamt profitiert. So haben wir auch mehr Abschlüsse vom Kreis. Wenn er werfen muss, wirft er. Aber er spielt die Sachen nicht für sich. Ich will Ludvig nichts vorwerfen, aber Elias belebt mit seiner frischen Art unser komplettes Spiel. Und auch Ole kommt immer besser rein, er ist ein smarter Spieler, der das Spiel verstanden hat.

Dann kommen die nur fünf Punkte besseren Rhein-Neckar Löwen am 23. April gerade recht?

So ein Derby ist immer speziell, gerade gegen die Löwen geht es immer heiß her. Bei ihnen herrscht derzeit viel Unruhe. Und so wie wir aktuell drauf sind, müssten wir das daheim gewinnen.

Um am Ende wo zu landen?

Am Anfang der Winterpause haben wir uns das Ziel „30 Punkte plus“ gesetzt, jetzt haben wir 26. Mein Ziel ist es auf jeden Fall, unsere drei Heimspiele zu gewinnen. Ich bin auch sicher, dass wir auswärts noch etwas holen können. Dennoch wird es schwer, besser als Neunter zu werden. Wenn wir den Abstand zu den top Acht weiter verkürzen, haben wir unser Ziel erreicht.

Marcel Schiller (re.) und sein Linksaußen-Kollege Rutger ten Velde. Foto: Baumann/Julia Rahn

Was wollen Sie mit Frisch Auf noch erreichen, zumal der Ausstieg von Hauptsponsor Teamviewer am Saisonende sicher sein soll und das die Perspektive nicht verbessert?

Wir wollen einfach konstant im einstelligen Tabellenbereich bleiben. Jeder weiß, welches Potenzial im Verein steckt. Jeder weiß, dass finanziell nicht so viel möglich ist, wie in den Jahren zuvor. Und jeder ist sich auch bewusst, dass es mit Blick auf die Mittel und Möglichkeiten der Konkurrenz immer schwieriger wird, nach Europa zu kommen. Dass wir uns sportlich aber auf einem sehr guten Weg befinden, das steht für mich außer Frage.

Marcel Schiller

Karriere
Marcel Schiller wurde am 15. August 1991 in Dettingen/Erms geboren. In der A-Jugend gewann er mit dem TV Neuhausen/Erms die deutsche A-Jugendmeisterschaft im Finale gegen den TV Kirchzell (damals mit Nationalmannschaftskeeper Andreas Wolff). Mit dem TVN stieg Schiller 2012 in die Bundesliga auf. Seit 2013 trägt der Linksaußen den Dress von Frisch Auf Göppingen. 2016 und 2017 gewann Schiller mit dem Traditionsclub den EHF-Pokal. Sein Vertrag läuft bis 2028.

Persönliches
Schiller ist verheiratet mit Doro. Das Paar hat die Söhne Leo (7) und Max (5). Der gelernte Physiotherapeut ist ein großer Basketball-Fan. Sein Lieblingsclub in der NBA sind die Golden State Warriors. (jüf)

Weitere Themen

Weitere Artikel zu FRISCH AUF! Göppingen Interview