Bandenkrieg 2012 in Esslingen Brutale Gewalt zwischen Red Legion und Black Jackets

, aktualisiert am 21.12.2022 - 09:56 Uhr
Noch in der Nacht zum 22. Dezember 2012 sicherten Spezialisten der Kriminalpolizei mehrere Stunden lang Spuren am Esslinger Obertor. Foto: /7aktuell.de

Zwei Tage vor dem Weihnachtsfest 2012 erschütterte eine brutale Auseinandersetzung zwischen den Banden Red Legion und Black Jackets die Stadt Esslingen. Ein 22-Jähriger stirbt durch Messerstiche. Die Geschichte des Bandenkriegs. 

Weihnachten verbinden die Menschen gemeinhin mit Harmonie, Besinnlichkeit und Ruhe. Doch in Esslingen war im Jahr 2012 das Fest der Liebe und des Friedens zwei Tage vor Heiligabend von brutaler Gewalt unterwandert worden.

 

In der Nacht zum 22. Dezember, ein Samstag, lieferten sich zwei verfeindete Banden eine tödliche Auseinandersetzung, die bis heute weit über Esslingen hinaus tief in der Erinnerung verankert ist. Mitglieder der Gangs von Red Legion und Black Jackets gingen vor einer Shisha Bar am Obertor – nur unweit des Ortes, wo an diesem Abend der weithin bekannte Esslinger Weihnachts- und Mittelaltermarkt ausgeklungen war – mit Messern, Baseballschlägern und Schlagringen aufeinander los.

Bei der Straßenschlacht, an der insgesamt mindestens 30 Männer beteiligt waren, wurde ein 22-jähriges Jacket-Mitglied erstochen, acht weitere Männer wurden teils schwer verletzt – darunter der damals 21 Jahre alte Bruder des Getöteten. Es war bis dahin der Höhepunkt der Eskalation zwischen den zwei im Rotlichtmilieu und der Türsteherszene aktiven Rockerbanden, die die Gebietsvorherrschaft in der Region jeweils für sich beanspruchten.

Ermittlungen an den Weihnachtsfeiertagen

Die Anhänger der Black Jackets hatten in dem Lokal den Geburtstag eines Kumpels gefeiert, ehe sie gegen 23.45 Uhr unter einem Vorwand aus der Bar gelockt und unvermittelt von den sich in der Überzahl befindlichen rund 20 Red Legions attackiert wurden. In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten fahndete die Polizei auf Hochtouren nach den Tätern. Für viele Beamte fiel Weihnachten 2012 aus, 35 Polizisten der Sonderkommission „Obertor“ ermittelten auch während der Feiertage.

Ein Sprecher der Polizei erklärte, es wäre „fatal, würde man die Ermittlungen erst danach fortsetzen“. Die Arbeit zeitigte durchaus Erfolg, denn noch in der Nacht und am Folgetag des blutigen Gewaltexzesses nahm die Kriminalpolizei drei Tatverdächtige im Alter zwischen 20 und 26 Jahren fest. Sie stammten aus dem Landkreis Esslingen und waren der Polizei bereits bekannt.

Kein Wunder, denn die Fehde der beiden Banden beschäftigte die Ermittler in der Region Stuttgart schon seit einigen Jahren. Immer wieder waren deren zwischen 18 und 25 Jahre alten Mitglieder durch ihre große Gewaltbereitschaft und Brutalität aufgefallen. So etwa am 26. Juni 2009 in Esslingen, als mehr als 20 Mitglieder der Black Jackets auf dem Innenhof der Waisenhofschule eine Gruppe von 15 Männern überfallen und mit Schlagstöcken, Baseballschlägern und Eisenstangen traktiert hatten. Ein unbeteiligter 26-Jähriger war dabei beinahe zu Tode gekommen, er lag wochenlang im Koma.

Massive Sicherheitsmaßnahmen an den Prozesstagen

Wegen des vorweihnachtlichen, tödlichen Überfalls am Obertor im Jahr 2012 , den die Red Legion danach auf der Internetplattform Facebook lapidar als „sportliche Auseinandersetzung“ bezeichnet hatten, mussten sich letztlich 18 Tatverdächtige im Alter zwischen 23 und 28 Jahren in mehreren Prozessen vor dem Landgericht Stuttgart wegen gemeinschaftlichen Mordes verantworten. Die meisten von ihnen wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Im Hauptprozess waren teils massive Sicherheitsmaßnahmen vonnöten. Mehr als 100 Polizisten und Polizistinnen sperrten an einem Verhandlungstag im September 2013 das Justizviertel zeitweise ab, um ein Aufeinandertreffen der Red-Legion-Leute und Mitgliedern der Black Jackets zu verhindern. Die Polizei hatte zudem auf den Zufahrtsstraßen Autos gestoppt,die ihnen als Fahrzeuge von Black-Jackets-Mitgliedern bekannt waren. Bei diesen Kontrollen stellten die Einsatzkräfte unter anderem eine Axt und eine Machete sicher.

Wer setzte die tödlichen Messerstiche?

Wer dem Opfer die tödlichen Messerstiche tatsächlich zugefügt hatte, war nicht aufzuklären. Zwei damals 23 und 26 Jahre alte Angeklagte wurden Ende 2014 zwar wegen Mordes zu achteinhalb Jahren Jugendstrafe beziehungsweise zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch im Jahr 2016 kippte der Bundesgerichtshof (BGH) die Urteile. In einem Revisionsverfahren wurden die beiden Männer wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt, weil die tödlichen Stiche den beiden Angeklagten nicht zugerechnet werden konnten, hieß es in der Begründung des 1. Strafsenats des BGH.

Das Land Baden-Württemberg griff bereits im Juni 2013 gegen die Red Legion durch und verhängte gegen die berüchtigte Bande ein Vereinsverbot. Zuvor waren sechs Wohnungen von Führungsmitgliedern durchsucht worden, bei den Razzien wurden unter anderem Bankunterlagen, Datenträger, Messer, Schlagwerkzeuge, Anabolika und Marihuana sichergestellt. Das Verbot der Bande, die von der Polizei ebenso wie die Black Jackets als „rockerähnliche Gruppierung“ bezeichnet wurde, stützte sich laut dem baden-württembergischen Innenministerium nicht allein auf die Tat in Esslingen.

„Wir dulden in Baden-Württemberg keine Gewaltexzesse von Rocker- oder rockerähnlichen Gruppierungen“, erklärte der damalige Innenminister Reinhold Gall (SPD). Die Ermittlungen nach dem tödlichen Vorfall hätten gezeigt, dass schwerste Straftaten geplant, begangen und durch die Vereinsführung geduldet worden seien.

Gibt es eine Nachfolgeorganisation der Red Legion?

Doch trotz des Verbots stand immer wieder im Raum, die Red Legions seien – unter anderen Namen – weiterhin kriminell aktiv. Etwa im Rahmen einer Art Bandenkrieg, bei dem im Februar des Jahres 2020 in Nürtingen ein 19-Jähriger von mutmaßlich drei Angreifern durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt wurde.

Wenige Tage später kam es in Plochingen zu einer Attacke, bei der auf zwei Männer im Alter von 21 und 29 Jahren eingestochen und einer zudem am Bein von einer Pistolenkugel getroffen wurde. Die Polizei konnte einen Zusammenhang zwischen den Taten herstellen. Offenbar ging es um Revierstreitigkeiten innerhalb einer Gruppierung, die sich Team Red nennen soll, in Anlehnung an die verbotene Straßengang Red Legion.

Allerdings ging ein Experte des Landeskriminalamts davon aus, dass man es hier nicht mit einer Nachfolgeorganisation der kurdisch geprägten Red Legion zu tun hatte. „Es gab zwar immer wieder Zusammenschlüsse und auch personelle Überschneidungen. Aber mit dem Verbot 2013 ist auch die feste Struktur der Red Legion zerschlagen worden“, fasste er die Erkenntnisse der Polizei zusammen.

Rote Legionäre und Schwarze Jacken

Red Legion
Die Red Legion zählte mehr als 100 Mitglieder meist kurdischer Herkunft, die hauptsächlich in Stuttgart aktiv waren. Ihr erstes Logo war ein Gorillakopf, der später durch einen Totenkopf ersetzt wurde. Die Bande beteiligte sich am Machtkampf im Rotlichtmilieu und in der Türsteher-Szene. Sie war vor allem in der Region Stuttgart, den Landkreisen Esslingen und Ludwigsburg aktiv. Auch Rauschgift- und Waffenhandel wurde der Gang vorgeworfen. Ehemalige Mitglieder der im Jahr 2013 verbotenen Red Legion sammelten sich später unter dem Namen „Stuttgarter Kurden“, bevor die Organisation Bahoz ein Sammelbecken für militante Anhänger wurde.

Black Jackets
Die Black Jackets wurden 1985 gegründet und waren in bis zu zwölf Ländern mit sogenannten Chaptern (Orts- oder Landesclubs) vertreten. Ihre Mitglieder stammten ursprünglich aus der Türkei, aus Italien und dem ehemaligen Jugoslawien. Das Symbol der Black Jackets ist der Kopf einer Bulldogge mit Nietenhalsband, das ausschließlich auf schwarzen Jacken getragen wird. Auch Mitglieder der Schwarzjacken saßen in der Vergangenheit regelmäßige auf den Anklagebänken diverser Gerichte.

Weitere Themen