Tour de France im Fokus Lipowitz in Lauerstellung
Florian Lipowitz, der Radprofi aus Laichingen, hat ein starkes Frühjahr hinter sich, das ihm großes Selbstvertrauen gibt – auch für die schwierigen Aufgaben bei der Tour de France.
Florian Lipowitz, der Radprofi aus Laichingen, hat ein starkes Frühjahr hinter sich, das ihm großes Selbstvertrauen gibt – auch für die schwierigen Aufgaben bei der Tour de France.
Die zweitwichtigste Rundfahrt des Radsport-Kalenders beginnt an diesem Freitag in Nessebar. Der Giro d’Italia führt inklusive der drei Auftaktetappen in Bulgarien über 3466 Kilo- und fast 50 000 Höhenmeter, endet am 31. Mai in Rom und hat ein Problem: Was das Interesse angeht, ist der Abstand zur Tour de France riesengroß – erst recht in diesem Jahr. Das liegt am Dänen Jonas Vingegaard (29), der so klar favorisiert ist, dass es nach Ansicht vieler Experten nur darum geht, wie groß am Ende in der Ewigen Stadt sein Vorsprung sein wird. Es liegt aber vor allem an den Fahrern, die nicht da sind.
Tadej Pogacar (27), der Superstar der Szene, peilt nicht wie 2024 das Double aus Giro- und Tour-Erfolg an, sondern konzentriert sich nach einem anstrengenden Frühjahr mit Siegen bei drei (!) Monumenten darauf, mit seinem fünften Triumph bei der Frankreich-Rundfahrt zu den Rekordgewinnern Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain aufzuschließen. Olympiasieger und Zeitfahr-Weltmeister Remco Evenepoel (26) ist etwas ausgelaugt und will bis zur Tour de France gar kein Rennen mehr bestreiten. Paul Seixas wird überraschend beim Grand Depart am 4. Juli in Barcelona am Start stehen. Darauf liegt ab sofort sein Fokus, der Giro passt folglich nicht in den Einsatzplan. „Es entspricht nicht meiner Mentalität oder meiner Vision vom Radsport, bei der Tour nur dabei zu sein, um Erfahrung zu sammeln“, meinte das französische Supertalent zu den eigenen hohen Ambitionen, „ich bin erst 19, aber das Alter ist weder ein Hindernis noch eine Ausrede.“ Und dann gibt es ja auch noch Florian Lipowitz (25).
Sprüche wie von Seixas sind nicht das Ding des Laichingers. Der Mann von der Schwäbischen Alb lässt lieber Taten sprechen. Im Sommer 2025 fuhr er bei seiner ersten Tour-Teilnahme gleich aufs Podium, er wurde Dritter hinter Pogacar und Vingegaard. Das Duo, das seit 2021 die ersten beiden Plätze der Frankreich-Rundfahrt unter sich ausmacht, dürfte auch diesmal schwer zu schlagen sein. Offen ist, ob es Lipowitz gelingen kann, näher an sie heranzurücken. Er selbst hält das für möglich. „Im Vergleich zum letzten Jahr“, sagte er, „habe ich mich verbessert.“
Der beste deutsche Rundfahrer, der früher Biathlet war und erst seit 2023 Radrennen auf höchstem Niveau bestreitet, wartet zwar weiter auf seinen ersten Sieg in der World-Tour. Die Ergebnisse des Frühjahrs aber sind vielversprechend. Bei der Katalonien-Rundfahrt im März kam Florian Lipowitz auf Rang drei, im Baskenland sowie bei der Tour de Romandie wurde er Zweiter – geschlagen nur von Tadej Pogacar, der bei dem Rennen in der Schweiz gleich drei Etappen vor Florian Lipowitz gewann, von dem attackierenden Deutschen aber vor allem bei der Bergankunft am Schlusstag gefordert wurde. „Er ist schon ein bisschen am Limit gewesen“, sagte Lipowitz über den Slowenen. „Ich war in der Tat beeindruckt“, entgegnete Pogacar leicht verwundert über die neue Angriffslust des Konkurrenten, „ich hatte Schmerzen, das muss ich zugeben, glücklicherweise konnte ich an seinem Hinterrad überleben. Florian hat einen richtig guten Job gemacht.“ Ähnlich dachte Zak Dempster.
Der Sportchef von Red Bull-Bora-hansgrohe ist mit der bisherigen Saison von Florian Lipowitz vollauf zufrieden, die Planungen, in denen der Giro d’Italia nie vorgesehen war, gingen auf. „Wir haben den erhofften Formreiz im Frühjahr gesetzt, er ist extrem konstant gefahren“, erklärte der Australier, „daraus hat er viel Selbstvertrauen gezogen. Diesen Weg gehen wir nun in den kommenden zwei Monaten konsequent und mit der nötigen Ruhe weiter.“ Dazu gehört eine kurze Auszeit in der schwäbischen Heimat, ehe es ins Höhentrainingslager in die Sierra Nevada und zur Slowenien-Rundfahrt (17. bis 21. Juni) geht. Es folgt ein weiteres kurzes Trainingslager, die nationale Meisterschaft lässt Florian Lipowitz deshalb aus. Alles ist auf die Tour de France ausgerichtet. Bleibt nur noch die Frage nach der Rolle.
Vor einem Jahr wurde Florian Lipowitz Dritter, obwohl er nicht der klare Anführer seines Teams war und sich zunächst noch an seinem Co-Kapitän Primoz Roglic orientieren musste. Auch diesmal wird Red Bull-Bora-hansgrohe wohl eine Doppelspitze ins Rennen schicken, obwohl Florian Lipowitz mehrfach gezeigt hat, dass er im Hochgebirge stärker ist als Remco Evenepoel. Weshalb Ex-Profi Jens Voigt, mittlerweile TV-Experte bei Eurosport, voll auf Lipowitz setzen würde. „Er war zuletzt in der Romandie unglaublich stark, aus Sicht von Pogacar ist er gefährlich nahe dran“, sagte der 17-malige Tour-Teilnehmer, „Lipowitz zeigt keine Anzeichen von Müdigkeit oder Motivationsproblemen. Egal, wo er am Start steht: Er ist der zuverlässigste und beste Klassementfahrer bei Red Bull. Das wird auch bei der Tour so sein.“
Ob es tatsächlich so kommt? Die Antwort gibt es in zwei Monaten. Wenn schon längst niemand mehr über den Giro d’Italia spricht.