Trägerwechsel bei Schulbegleitung Lehrerinnen über die Arbeit im Ausnahmezustand – „irgendwie den Tag überleben“

Nicole Dangel (links) hilft einer Assistenz mit einem Schüler – Helena Eller (rechtes Bild links) ist aktuell ebenfalls stark gefordert. Foto: MSS; Volland

Kinder, die aggressiv sind oder sich vieles nicht mehr zutrauen. Hospitanten, die wieder absagen. Ein „Normalbetrieb“ nach Ostern ist für die Lehrerinnen aktuell nicht vorstellbar.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Es ist ein Moment, den Claudia Ebert nicht so schnell vergisst: Die Religionspädagogin spielt Gitarre und singt mit Drittklässlern das Sonnenlied, das sie so lieben. Da verpasst ihr ein Junge eine Ohrfeige, „völlig unvermittelt“, wie sie sagt. So etwas hat sie zuvor noch nie erlebt. Bei dem Jungen handelt es sich um eines der Kinder, die mangels Schulbegleitung viele Wochen zuhause bleiben mussten.

 

146 Kinder waren von der fristlosen Kündigung des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) am 4. Februar in Stuttgart betroffen. Die Stadt wirft dem Träger grobe Pflichtverletzungen vor und hat Strafanzeige gestellt. Wobei Claudia Ebert nicht von 146 betroffenen Kindern sprechen würde, denn „jedes einzelne Kind“ an den Schulen sei betroffen, betont die Schulseelsorgerin der Helene-Schoettle- und der Margarete-Steiff-Schule.

Normalität sei „lange nicht in Sicht“

Drei Kolleginnen aus den beiden sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren sind mit bei dem Gespräch dabei, um die Folgen darzulegen, mit denen sie seither umgehen müssten. Die vier wollen dem Eindruck entgegentreten, das Problem habe sich sehr bald an den Schulen erledigt. Diese könnten der Stadt zufolge nach den Osterferien „annähernd in den Normalbetrieb“ zurückkehren – so hat es Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer im Sozial- und Gesundheitsausschuss gesagt. Davon gehen die Pädagoginnen überhaupt nicht aus.

Claudia Ebert singt gerne mit den Kindern. Foto: webvisio

Normalität sei „lange nicht in Sicht“, meinen die Lehrerinnen. Echter Unterricht sei weiter nicht möglich. Es hätten immer noch nicht alle Kinder eine Schulbegleitung, viele Hospitationen platzten, für einzelne Kinder sei sogar erst ab Mai eine Kraft in Aussicht gestellt worden.

Sie gehe „mindestens von Pfingsten“ aus, bis es besser werde, meint Helena Eller, Sonderpädagogin an der Helene-Schoettle-Schule, der die Wochen im Ausnahmezustand sehr zusetzen. Sie sei immer gerne zur Arbeit gegangen, aber gerade sei das anders. Bei ihrer Kollegin Despina Vasiliadou hat sich die Situation in der Klasse zwar aktuell verbessert, weil zwei gewohnte Schulbegleiter zurückkehren konnten, die nicht eingearbeitet werden müssen. Aber auch Vasiliadou trägt schwer an den Wochen zuvor, das sitze „tief in den Knochen“. Sie sei nur am „Feuerlöschen“ gewesen und habe gedacht: „Irgendwie musst du den Tag überleben.“

Für Familie hat Wegfall des Praktikums „hohe Tragweite“

„Ich bin hochgradig gestresst, laufe an der Kante“, sagt auch Nicole Dangel, die an der Margarete-Steiff-Schule arbeitet. Ihr setzt zu, was diese Zeit mit ihren Schülern macht. Sie berichtet von 18 Jahre alten Zwillingen, von denen nur einer wieder eine Begleitung habe. Sie selbst müsse die neue Kraft intensiv unterstützen. Zum Beispiel muss sie helfen, Lukas aufs Fahrrad zu setzen, was wichtig für seine Förderung sei. Der alte Schulbegleiter konnte das alleine. Er war aber auch vor Einsatzbeginn zwei Wochen lang von einem Träger geschult worden. Diese Schulung falle bei den neuen Kräften weg.

Elias, der zweite Zwilling, traue sich nun nicht mehr aufs Rad, Lukas nicht mehr aufs Rollbrett. „Sie kriegen die alte Routine nicht mehr hin“, berichtet Dangel. Ein dritter Schüler könne mangels Schulbegleiter ein geplantes Praktikum nicht wahrnehmen. Dabei gehe es um die Anschlussversorgung nach der Schule. Für die Familie habe das eine „hohe Tragweite“. Der Junge sei aktuell sehr unruhig und auch „fremdaggressiv“.

Hospitanten bekämen „falsches Bild“ von den Kindern

Über eine Zunahme an Aggressionen bei den Schülerinnen und Schülern berichten auch die anderen. Ein Schüler von Despina Vasiliadou soll den Kopf gegen die Wand geschlagen haben, als er nicht kommen durfte. Als er zurückkehrte, habe er die anderen gezwickt. Helena Eller glaubt, dass viele Hospitationen auch deshalb nicht klappen, weil die Menschen „ein falsches Bild von den Kindern“ bekämen. So herausfordernd wie gerade verhielten sie sich nämlich sonst nicht.

Ärgerlich sei, wenn Hospitationen kurzfristig abgesagt werden, meint Claudia Dangel, schließlich bestelle man für den Tag die Schüler ein. Bei ihnen seien viele Hospitanten schnell wieder weg, wenn sie hörten, dass auch bei den großen Jungs Körperpflege dazu gehöre. Einen ausgewachsenen Menschen zu wickeln traue sich nicht jeder zu.  Ein Schulbegleiter unterschrieb zwar trotzdem den Vertrag. „Aber nach zweieinhalb Tagen war er wieder weg“, sagt sie.

Die Auseinandersetzung zwischen Stadt und Träger

Stadt
Die Stadt Stuttgart erhebt schwere Vorwürfe gegenüber dem ASB Stuttgart. Die fristlose Kündigung sei notwendig gewesen, weil der Träger Leistungen abgerechnet habe, die er nicht erbracht habe. Im Raum steht zum Beispiel, dass doppelte Abrechnungen gestellt worden sein sollen, dass auch für Kinder, die noch gar keine Schulbegleitung an ihrer Seite hatten, Geld abgerechnet worden sein soll, dass Fachkräfte abgerechnet worden sein sollen, obwohl FSJ-Kräfte beschäftigt wurden. Die Stadt hat am 12. Februar Strafanzeige gestellt.

Träger
Der ASB Stuttgart hat die Betrugsvorwürfe zurückgewiesen. Stundenzettel, die sie von den Schulen bekommen hätten, seien fehlerhaft gewesen. Man wisse nur von einer doppelten Abrechnung, die man selbst sofort storniert habe. Der ASB hat eine Unterlassungserklärung erwirkt, weil die Stadt fälschlicherweise behauptet hatte, dass der ASB eigenmächtig seine Kräfte ab dem 5. Februar abgezogen habe und bis 28. Februar hätte weiter betreuen können.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart