Der VfB Stuttgart erstrahlte schon vor einem Jahr in neuem Glanz. Nun ist innerhalb kürzester Zeit auch noch ein Titel hinzugekommen. Was viel mit Sebastian Hoeneß zu tun hat.
Es gibt Dinge – auch im teils unberechenbaren Fußball-Business –, die sind vorhersehbar. Und so war es kein Wunder, als plötzlich die Tür zum Medienzentrum aufging und eine wilde Horde Fußballer hereinpolterte. Sebastian Hoeneß war gerade dabei, das Finale des VfB Stuttgart um den DFB-Pokal zu analysieren, da übergossen ihn seine Spieler mit Bier und Sekt. Und: Sie drückten ihrem Coach dann auch ganz schnell den goldenen Pokal in die Hand. Hoeneß nahm den Pott zwischen die Hände, stemmte ihn nach oben – und beendete damit spontan die Pressekonferenz kurz vor Mitternacht am Samstagabend.
Was sollte er auch noch sagen?! Das, was der 43-Jährige in den zurückliegenden zwei Jahren geschafft hat, spricht ja ohnehin für sich. Und es war vieles – aber ganz und gar nicht vorhersehbar.
Die Geschichte ist mittlerweile gut bekannt. Im April 2023 übernahm der damals seit fast einem Jahr vereinslose Coach eine Mannschaft am Tabellenende der Fußball-Bundesliga. Er führte sie noch in die Relegation, dort zum Klassenverbleib. Danach geschah das, was viele bis heute für eine Art Fußball-Wunder halten.
Gemeinsam bauten der Vorstandschef Alexander Wehrle, der heutige Sportvorstand Fabian Wohlgemuth und der Coach Sebastian Hoeneß das Team ein wenig, aber entscheidend um, erzeugten aber vor allem einen neuen Spirit, verpassten dem VfB wieder eine spielfreudige Identität. Die auch den Erfolg zurückbrachte. 73 Punkte, Vizemeisterschaft, Rückkehr in die Champions League. Danach lief die Saison zwar nicht ganz so rund wie erhofft – und wie es möglich gewesen wäre. Aber der Pokalsieg ist nun die vorläufige Krönung eines Mannes, den sie in Stuttgart längst als König bezeichnen.
Die Spieler des VfB Stuttgart überfallen ihren Coach bei der Pressekonferenz. Foto: Pressefoto Baumann
„Baut dem Mann ein Denkmal“, forderten Fans im Netz nach dem 4:2 im Pokalfinale gegen Arminia Bielefeld. Sebastian Hoeneß sagte nur: „Ich bin überglücklich und stolz auf die Jungs.“ Seine Jungs, die er stets gerne im Vordergrund sehen möchte: „Es ist ihre Bühne. Sie sind es, die am Ende die Spiele gewinnen.“ Oder auch mal knifflige Situationen meistern müssen.
So wie im Endspiel, als ein früher Lattentreffer der Bielefelder den VfB schockte – der dann aber schnell für klare Verhältnisse durch die Treffer von Nick Woltemade, Enzo Millot und Deniz Undav sorgte. Millot machte in Hälfte zwei das 4:0, es schien alles klar, ehe es doch noch einmal spannend wurde durch den Treffer von Julian Kaina und das Eigentor von Josha Vagnoman. „Da hast du“, meinte Hoeneß, „plötzlich ganz komische Gedanken im Kopf.“
Dreimal Hoeneß und der Pokalsieg
Sie waren schnell verflogen – und machten Platz für die Glückseligkeiten des Abends. „Es sind viele Emotionen“, sagte Hoeneß nach dem ersten großen VfB-Triumph seit der Meisterschaft 2007. Und in der Stadt, in der seine Trainerkarriere bei Hertha Zehlendorf begonnen hat. „Teilweise“, ergänzte er, sei da nun auch „Leere“. Weshalb er in seinem größten Moment den Kontakt zur Familie suchte. Zu seiner eigenen, zu seinem Bruder, zu seinen Eltern.
Dieter Hoeneß, sein Vater und Berater, gehörte dann wenig später zu den frühen Gratulanten. „Ich bin wahnsinnig stolz und freue mich riesig für Sebastian“, sagte der früher so erfolgreiche Fußballprofi und -manager. Er betonte: „Der erste Titel ist der schönste.“ Dieter Hoeneß hat einige davon gewonnen, Sebastians Onkel Uli noch mehr. Nun hat das Hoeneß-Trio den Pokalsieg als interfamiliäre Erfolgsverbindung.
„Heute haben wir etwas geschafft, das für ewig bleibt“, sagte Fabian Wohlgemuth nach dem gewonnenen Finale. Und hob noch einmal den Anteil des Trainers und dessen Teams hervor. Es habe vor diesem Duell David gegen Goliath zwischen dem Erst- und dem Drittligisten gegolten, die richtige Balance zu finden. „Das“, sagte der Sportvorstand des VfB, „hat unser Trainer mit großer Bravour und der richtigen Ansprache überragend gemeistert.“
Weshalb das sportliche Führungsduo des VfB nun nicht nur den Briefkopf neu bestückt hat, sondern auch wieder durch Europa reisen darf. In der kommenden Saison, davon gehen alle aus, werden die Spieler profitieren von den Erfahrungen, die sie in der vergangenen Spielzeit mit der neuen Drei- oder gar Vierfachbelastung gemacht haben. Selbes gilt auch für den Trainer, der sich weiterentwickeln kann und will.
Er sei hier noch nicht fertig, hat er vor einigen Monaten gesagt. Und dass er weiter das Gefühl habe, genau am richtigen Ort zu sein. Da hatte er gerade seinen Vertrag vorzeitig verlängert – was in der Branche als Riesenleistung der VfB-Führung wahrgenommen wurde.
Sebastian Hoeneß und der VfB – diese Erfolgsgeschichte kann und soll also noch weitergehen. Mit neuen Impulsen, wohl auch dem einen oder anderen neuen Spieler. Aber eher nicht: mit einer neuen Frisur.
Als der VfB 1997 bis dahin letztmals Pokalsieger geworden war, hatte sich der damalige Coach Joachim Löw eine Glatze rasieren lassen. Darauf angesprochen, lächelte Sebastian Hoeneß und meinte: „Der Jogi hatte damals wie heute ja volles Haar.“ Er selbst habe dagegen ja „schon eine halbe Glatze. Ich weiß nicht, ob es dann Sinn ergeben würde, sich eine ganze rasieren zu lassen.“
Sicher konnte er sich allerdings nicht sein. Denn nicht immer ist im Fußball alles vorhersehbar.