Trans Kind aus dem Kreis Esslingen Wenn die siebenjährige Tochter zum Jungen wird

„Er hat einen Mädchenkörper und eine Jungsseele“, so beschrieben es Toms Eltern in einem Brief an Bekannte und Verwandte. Foto: KI/Midjourney/Montage: Pichlmaier

Dass es sich in seinem Körper nicht wohlfühlt, merkt Nina Fischers Kind schon früh. Wie sie es durch die Transition begleitet – und warum ein Elternabend mit am schwersten war.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Julika Wolf (jwo)

Eigentlich hat Nina Fischer aus dem Kreis Esslingen sich immer Söhne gewünscht. Nachdem die ersten beiden Kinder Mädchen wurden, war sie sich bei der dritten Schwangerschaft ganz sicher: Dieses Mal wird es ein Junge. Vielleicht, sagt die 39-Jährige heute, war das mehr Hoffnung als Ahnung. Doch die Ärzte stellten fest: Es wird wieder ein Mädchen. „Das war schon ein Schlag ins Gesicht“, sagt sie. Natürlich war sie gleichzeitig froh, dass ihr Kind gesund zur Welt kam.

 

Sieben Jahre später hat sich dieser vermeintliche Wunsch auf eine ganz eigene Weise erfüllt. Denn dieses Kind heißt heute Tom. Den Namen, den Nina Fischer und ihr Mann ihm bei der Geburt gaben, hat Tom hinter sich gelassen. Seit etwa einem halben Jahr wissen alle in der Familie, beim Fußballtraining und in der Schule: Tom ist ein Junge – und er möchte auch als solcher leben. Doch einfach war dieser Weg nicht.

Trans Junge: Mit zwei fing er an, sich gegen Mädchenklamotten zu wehren

Für seine Mutter war schon früh ersichtlich, dass Tom einen Hang zu Jungssachen hat. Mit zweieinhalb wehrte er sich das erste Mal gegen die Mädchenklamotten seiner größeren Schwestern, die in seinem Kleiderschrank lagen. Zunächst versuchte Nina Fischer noch, sich durchzusetzen. Bis er sich so penetrant weiterte, dass sie irgendwann mit ihm den Schrank aussortierte. „Mit viereinhalb oder so waren nur noch Jungsklamotten im Schrank“, sagt sie.

Auch sonst orientierte Tom sich immer zu den Jungs. Beim Fußball lief das super. Aber nicht immer sei er vorbehaltlos aufgenommen worden. Die anderen hätten ja gewusst, dass Tom – damals noch unter seinem alten Namen – ein Mädchen ist.

Fußball liebt Nina Fischers Sohn Tom schon immer. Und er will ganz früh unbedingt ein Hemd haben – so wie Männer das eben tragen. Also hat seine Mama ihm eins besorgt. Foto: Markus Brändli

Schließlich wurden Geschlechtsteile zu einem immer größeren Thema. Er wollte unbedingt einen Penis, und die Aussicht, dass er mal Brüste bekommen würde, fand er schrecklich. So seien immer wieder Gespräche entstanden, sagt Nina Fischer. Sie fragte nach, versuchte, herauszufinden, wie er fühlte und was er dachte. „Mit einem Fünfeinhalbjährigen solche Gespräche zu führen, ist seltsam“, sagt sie. Zwar war sie in ihrem ersten Beruf Erzieherin, bevor sie sich mit einer Reinigungsfirma selbstständig machte. Aber auf so etwas bereitet niemand einen vor – besonders nicht bei den eigenen Kindern. Immer wieder dachte sie sich: „Wie soll ich meinem Kind erklären, dass es keinen Bart und keinen Penis haben kann?“

Vor der Schule setzte sie sich mit ihm hin und erklärte, er dürfe sein, wer und wie er wolle – aber in der Schule würde er sich entscheiden müssen, auf welche Toilette er geht. Sie sagte ihm, dass manche Kinder es komisch finden könnten, wenn ein Kind, das wie ein Junge aussieht, eine Mädchentoilette benutzt. Manche könnten das sogar den Lehrern sagen. „Aber ich hab doch nichts Böses gemacht!“, habe er daraufhin gesagt. Wieder eine Situation, in der Tom nicht sein konnte, wie er sich fühlte.

Was würde die Lehrerin denken, wenn er sich zu den Jungen stellte?

Der Schulbeginn sei die Hölle gewesen. „Er hat nur getobt“, sagt Nina Fischer. Er wollte sich nicht anziehen, nicht hingehen, schlief abends aus Sorge vor dem nächsten Morgen nicht ein. Immer wieder mussten sich die Kinder nach Geschlecht aufstellen. Aber was würde die Lehrerin denken, wenn er sich zu den Jungen stellte, wo sie doch seinen Mädchennamen kannte?

„Mir war klar: Wir schaffen das nicht alleine“, sagt Nina Fischer. Also suchte die Familie sich Hilfe und landete beim Zentrum Weißenburg in Stuttgart. Dort lernte Nina Fischer, dass sie mit ihren Fragen vieles intuitiv richtig gemacht hatte. Schließlich bekam sie den Tipp, einfach mal einen Jungennamen auszuprobieren. Zunächst im kleinen Kreis. Das war in den Faschingsferien. Ab da hieß er bei seinen Eltern und den Schwestern Tom. Nach einer Woche fragte sie nach, wie er sich fühlte. Die Antwort: „Voll gut. Können wir es morgen allen sagen?“.

„Schön“, dachten sich Nina Fischer und ihr Mann – und gleichzeitig: „Und was machen wir jetzt?“ Sie beschlossen, einen Brief zu schreiben und ihn an die Großeltern, die Verwandten und schließlich die Bekannten zu verschicken. „Der Name war sein Wunsch“, steht da zum Beispiel drin. Und: „Man kann es ganz treffend so beschreiben: Er hat einen Mädchenkörper und eine Jungsseele.“ Von ihrem Umfeld bekamen sie viel Unterstützung. „Die Zeit war sehr emotional und herausfordernd“, sagt sie. Hier war er schon als Tom, dort noch unter dem weiblichen Namen bekannt.

Fehlte noch die Schule. Nach den Ferien vereinbarte Nina Fischer Gespräche mit den Lehrkräften. Die hatten schon festgestellt, dass Tom seit den Ferien – seit er den neuen Namen trug – viel motivierter sei. „Das hat uns noch mal bestärkt, dass wir das Richtige tun“, sagt Nina Fischer. Auch das steht im Brief an die Freunde und Verwandten: „Wir sehen jeden Tag aufs Neue ein fröhliches, selbstbewusstes, phantasievolles und extrovertiertes Kind herumrennen, seit er sein darf, was er innerlich ist.“

Mutter eines trans Kindes: Der Elternabend war mit am schwersten

Auch von der Schulleitung hätten sie die volle Unterstützung gehabt. Noch am gleichen Tag schickte Nina Fischer den Informationsbrief auch in die Whatsapp-Gruppe der Klasseneltern. Am nächsten Tag dann erzählte sie der Klasse, dass Tom ab jetzt Tom heißt. Das hatte er sich so gewünscht.

Der Elternabend eine Woche später sei anstrengend gewesen. Bereits in der Woche davor hätten sich laut den Elternvertretern Fragen aufgetan. Die Schulleitung überließ es der Familie, sich dazu zu äußern oder nicht – sie tat es. Muss das so früh sein? Wie geht es euch damit? Denkt jemand an die Jungs, die sich jetzt mit ihm in einer Umkleidekabine umziehen müssen? Solche Fragen seien aufgekommen. „Komische Sachen, eigentlich“, sagt Nina Fischer. Immer wieder habe sie sich gefragt, was die Eltern das eigentlich kümmere. Immerhin gehe es um die Kinder.

Bei der Trans-Pride in Stuttgart haben Anfang September Hunderte für die Rechte von trans Menschen demonstriert. Eine der Botschaften: „Du darfst werden, wer du bist“. Foto: Lichtgut

Eine Mutter sei ihr zur Seite gesprungen. „Sie hat mehr oder weniger gesagt: Rafft Euch mal!“, sagt Nina Fischer. Auch andere hätten das bestätigt. Rückblickend sagt sie: „Das war der schwerste Teil“. Nicht die Großeltern, nicht die Verwandtschaft. Letztlich denkt Fischer, die Eltern waren überfordert.

So wie sie das selbst auch ist. Wie jeder andere stellt auch sie sich die Frage, ob ihr siebenjähriges Kind überhaupt schon wissen kann, dass es ein Junge ist. Nachdem sie den Rufnamen geändert hatten, fragte Tom wieder, ob er nun auch einen Penis haben könnte. „Da wurde mir klar: Das geht jetzt erst richtig los“, sagt sie. Ab wann sind Hormontherapien legal? Wann beginnt bei Tom die Pubertät? Und will er später womöglich Kinder? Wie sollen ihr Mann und sie solche Entscheidungen treffen für ihr siebenjähriges Kind?

Kathrin Bach ist Kinder-Psychotherapeutin und beschäftigt sich seit 2018 mit dem Thema Transidentität – inzwischen ausschließlich. Mehr als 700 Menschen hat sie in dieser Zeit begleitet. Die meisten jungen Menschen kommen zu ihr, „wenn die Pubertät so richtig am Zuschlagen ist“. Dennoch begleitet sie auch jüngere Kinder.

Inwiefern können die denn schon einschätzen, dass es sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt? „Ab dem zweiten Lebensjahr gibt es erste Geschlechtszuordnungen“, sagt sie. „Also: Die mit den langen Haaren sind die Mädchen, die mit den kurzen sind die Jungen.“ Ab dem dritten Lebensjahr würden Kinder wissen, zu welchem Geschlecht sie gehören. „Zwischen dem vierten bis zum siebten Lebensjahr wird die Geschlechtsidentität immer konstanter und tiefer“, sagt sie. Zu diesem Zeit könne sie als Therapeutin das beobachten und begleiten.

Kinder-Psychotherapeutin Kathrin Bach hat schon mehr als 700 Menschen bei ihrer Frage nach der geschlechtlichen Identität begleitet. Foto: Kathrin Bach

Mit der Zeit würde sie gemeinsam mit dem Kind und den Eltern erarbeiten, wie es weiter geht. Und je nachdem ein Indikationsschreiben an einen Endokrinologen verfassen, bevor es mit der Pubertät so richtig losgeht. Der könne bestimmen, wie weit die Pubertät schon fortgeschritten ist. „Ab einem bestimmten Punkt kann man gegebenenfalls eine Hormonblockade einsetzen“, sagt sie. Die sei erst mal auch reversibel. „Man kauft sich Zeit.“

Selbst von Therapeuten hört die Mutter: „Weiß er das denn schon?“

So ähnlich machen das Nina Fischer und ihre Familie. Im Herbst hat Tom einen Termin beim Endokrinologen, wo sie wieder alle Fragen loswerden können. Außerdem suchen sie verzweifelt nach einem Therapieplatz. Doch selbst in diesen Praxen bekomme sie immer wieder zu hören: „So jung? Weiß er das denn überhaupt schon?“

Zu dieser ganzen Unsicherheit kommen ihre eigenen Gefühle. Zwar stehen die für sie hinter Toms Wohl. Und doch sind sie ganz schön kompliziert. Immerhin hat sie nun endlich den Jungen, den sie sich immer gewünscht hatte. Eine Babyzeit mit einem Sohn hatte sie trotzdem nie – und weint ihr ein Stück weit hinterher. Gleichzeitig trauert sie um das Mädchen, das irgendwie weg ist. Aber bis zu welchem Punkt ist das gerechtfertigt? Schließlich ist es immer noch ihr Kind. „Komische Gefühle“, so fasst sie das zusammen.

Und doch: „Eigentlich macht er uns vor, wie es geht“, sagt sie. Ein Foto mit seiner Patentante, auf dem er noch wie ein Mädchen aussieht, will er behalten. Und auch seine Babyfotos schaut er sich mit Begeisterung an. „Damals war ich noch klein und da war ich ein Mädchen“, so erkläre Tom das. Und so lernen auch Nina Fischer und der Rest der Familie Schritt für Schritt, mit der Situation umzugehen.

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