Im Oktober wird Flo 18 Jahre alt. Dann kann der Teenager selbst entscheiden, ob er offiziell als Junge leben will. Elke Schuster, die Mutter, hat vor diesem Tag Angst. Aber sie spürt auch Erleichterung. „Es ist dann nicht mehr allein unsere Verantwortung als Eltern, was passiert.“
Hinter den Schusters, die eigentlich anders heißen, liegen drei kräftezehrende Jahre. Das heißt, kräftezehrend war es schon immer mit ihrem intelligenten, energiegeladenen jüngsten Kind Florentine. Aber 2019 sagte Florentine, dass sie ein Junge sei und nun Pubertätsblocker nehmen will, die den Lauf ihrer Entwicklung zur Frau stoppen. „Wie aus dem Nichts ist das gekommen.“ So empfanden es damals die Eltern.
Viel Streit und Tränen
Als unsere Redaktion vor zwei Jahren das erste Mal mit Elke Schuster sprach, war sie überzeugt, dass ihr damals 15-jähriges Kind kein Junge ist. Dass Florentine vielmehr auf einer Suche war. Danach, was sie ausmacht. Wer sie ist. Es gab viel Streit und Tränen. Aber die Eltern blieben hart. Sie stimmten nicht zu, dass Flo in den Körper eingreift.
Wie gehen Eltern damit um, wenn das Kind sagt, dass es sich nicht seinem Geburtsgeschlecht zugehörig fühlt? Eines von 400 Kindern ist den Statistiken zufolge transgender, das sind 0,25 Prozent. Aber aus Kliniken, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben, heißt es, dass die Zahlen Minderjähriger, die sich im falschen Körper fühlen und Hilfe suchen, in den vergangenen Jahren gestiegen sind. Manche sprechen von einer Verfünffachung. Es seien vor allem biologische Mädchen, die kommen. Im Endokrinologikum Hamburg beispielsweise hat sich die Zahl der Erstvorstellungen in den vergangenen 20 Jahren von rund 20 auf 100 pro Jahr gesteigert. Zwei von drei Anfragen kommen von biologischen Mädchen.
Ein Zeitgeistphänomen?
Über die Gründe gibt es Streit: Heranwachsende outen sich überhaupt und früher, weil es kein Tabu mehr ist, sagen Trans-Verbände und auch führende Mediziner. Andere hingegen sehen einen Hype dahinter, ein „Zeitgeistphänomen“. In den sozialen Medien würde Kindern und Jugendlichen, vor allem Mädchen, die nicht dem typischen Stereotyp entsprechen, Trans-Sein als Lösung ihrer Problemen angeboten. Diese Position vertritt zum Beispiel der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Alexander Korte, aber auch Feministinnen wie Alice Schwarzer. Einen Namen für das Phänomen gibt es auch: Rapid-Onset Gender Dysphoria (ROGD). Es gibt allerdings auch Studien, die dieses Phänomen nicht nachweisen können.
Ebenso wie sich der Streit über die Gründe verhärtet, verhärtet sich auch die Frage, wie man damit umgehen soll. Während die einen davor warnen, zu früh in den Körper junger Menschen einzugreifen, warnen die anderen vor den psychischen Schäden, wenn man es nicht tut. Die internationalen Leitlinien empfehlen den frühen Eingriff etwa mit Pubertätsblockern.
Welche Entscheidung sollen Eltern treffen? Elke Schuster und ihr Mann sind auch heute noch überzeugt, dass Flo ein Mädchen ist. Sie haben sich dem Elternnetzwerk Trans Teens Sorge Berechtigt (TTSB) angeschlossen, das davor warnt, zu früh den medizinischen Weg zur Geschlechtsangleichung zu gehen. Natürlich gäbe es Kinder und Jugendliche, die trans sind, sagt Elke Schuster. Aber das müsse gut abgeklärt sein. „Die Pubertät ist eine Reifezeit. Man muss Kindern doch diese Zeit lassen, ohne in den Körper einzugreifen“, sagt die Mutter dreier Kinder.
Die meisten sind gefestigt
Auch Klaus-Peter Lüdke schließt nicht aus, dass manche Jugendliche, die sich trans fühlen, eigentlich auf einer zermürbenden Suche nach der eigenen Identität sind. Manchmal könne auch eine Depression dahinterstecken, sagt Lüdke. Er ist Vorstand des Vereins Trakine, der von Eltern und Familienangehörigen minderjähriger Trans-Kinder gegründet wurde und eine Anlaufstelle für andere Mütter und Väter sein will. Von einem „Trans-Trend“ spricht Klaus-Peter Lüdke allerdings nicht. Die Beratungen, die sie bei Trakine leisten – rund 400 im Jahr –, würden das nicht abbilden.
Die Eltern informieren sich
Lüdke hat die Erfahrung gemacht, dass die meisten Kinder und Jugendlichen sehr gefestigt in ihrer Transidentität sind. Häufig werde sie schon im Kleinkindalter sichtbar und halte sich bis ins Erwachsenenalter. Klaus-Peter Lüdke rät Eltern, Töchter und Söhne ernst zu nehmen, wenn sie sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlten. Kinder bräuchten Begleitung. Ihre Wünsche nach einem anderen Rufnamen oder anderer Kleidung sollten Eltern erfüllen. Für die wiederum sei es wichtig, sich beraten zu lassen, sich mit anderen betroffenen Eltern auszutauschen, sich einzulesen. Je nach Fall könne eine therapeutische Begleitung für das Kind sinnvoll sein. Lüdke hält auch Pubertätsblocker in manchen Fällen für richtig. „Eltern und Kinder bekommen Zeit herauszufinden, ob es wirklich Richtung Geschlechtsangleichung gehen soll“, sagt Lüdke.
Es ist nicht so, dass die Schusters Flo nicht ernst genommen hätten. Als das Thema in die Familie drängte, nahmen sie Kontakt zur Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität auf, deren Beraterin nach 20 Minuten Gespräch mit Flo attestierte: „Auf jeden Fall trans.“ Für die Schusters ein unseriöses Vorgehen.
Die DGTI sagt dazu: „Die Beratenden attestieren niemanden etwas. Ein Attest, eine Diagnose liegt in der Zuständigkeit von Therapeut*innen und Ärzt*innen. Wir empfehlen nur solche Fachkräfte, bei denen diese Diagnose nicht schon feststeht, bevor ein*e Patient*in die Praxis betritt.“ Die Die Aussage „auf jeden Fall trans*“ könne „so nicht gefallen sein“, ist die DGTI überzeugt.
Die Schusters hörten lieber auf ihr Gefühl für Flo als auf die DGTI. Sie gehen Flos Wege mit, soweit sie das vermögen. Aber sie ziehen auch klare Grenzen. Sie nennen ihr Kind Flo und versuchen Personalpronomen zu vermeiden. Sie kommentieren weder die wechselnden Haarlängen und Farben noch den Kleidungsstil. Sie akzeptierten, dass Flo eine Zeit lang Bustiers trug, die ihre Brüste flach drückten. Einen Schulaustausch nutzte Flo, um im Ausland als Junge zu leben.
Im Ausland probiert Flo sich als Junge aus
„Ich glaube, das war ganz heilsam, weil Flo gemerkt hat, dass das nicht so leicht ist. Dass sie schlecht Anschluss an andere Jungen gefunden hat“, erzählt die Mutter. Seither bezeichnet sich Flo nicht mehr als männlich, sondern als nonbinär, also keinem Geschlecht zugehörig. Überhaupt beobachtet die Mutter, dass das Thema Trans bei Flo nicht mehr die zentrale Rolle spielt. Der Freundeskreis hat sich wieder geweitet, Flo steckt viel Energie in die Anti-Coronaleugner-Bewegung. Bei der Psychologin, zu der Flo ging, erwähnte sie nicht mehr, dass sie ihr Geschlecht in offiziellen Dokumenten ändern will. Mit Flo selbst zu sprechen, war nicht möglich.
Zu dieser Entwicklung sagt die DGTI: „Trans* und nicht-binär schließen sich gegenseitig nicht aus. Insofern bedeutet die von den Eltern beschriebene Entwicklung ihres jugendlichen Kindes keinen Ausschluss einer Transidentität, ebenso wenig wie ein Verzicht auf körperverändernde Maßnahmen einen Hinweis darauf gibt, ob jemand trans* ist oder nicht.“
Die Eltern fühlen sich bestätigt
„Sie probiert sich weiter aus “, ist der Eindruck der Mutter. Sie fühlt sich durch die Entwicklung darin bestätigt, dass es richtig war, einer medizinischen Transition nicht zuzustimmen. „Wenn wir vor drei Jahren mit Pubertätsblockern angefangen hätten, wäre Flo jetzt schon voll auf dem Weg Richtung operativer Veränderungen“, ist die Mutter überzeugt. Tatsächlich gehen die meisten Jugendlichen, die mit Pubertätsblockern beginnen, danach die teils irreversiblen Schritte, nehmen also Hormone oder lassen sich operieren.
Für sie und ihren Mann sei es der richtige Weg gewesen, ihrem Kind zu zeigen, dass die Eltern es weiter lieben, aber nicht jeden Weg mitgehen, sagt Elke Schuster. Nun hofft sie, dass Flo mit 18 so gereift ist, für sich den richtigen Weg zu nehmen. Es ist jetzt nicht mehr ihre Entscheidung.
In einer früheren Version des Artikel waren die Statements der DGTI noch nicht enthalten.
Hilfe für Eltern
Deutscher Ethikrat
Der Deutsche Ethikrat empfiehlt seit 2020, „Nutzen und Schaden der medizinisch-therapeutischen Maßnahmen, die im Einzelnen umstritten sind, in jedem individuellen Fall sorgfältig“ abzuwiegen. Also die möglichen Risiken und Nebenwirkungen eines Eingriffs in den Körper mit den eventuell psychischen Folgen, die es für einen jungen Menschen hat, wenn er seine Transidentität nicht ausleben kann. Psychiater sagen, dass man Trittbrettfahrer, die nur auf einen Trend aufspringen, im Rahmen therapeutischer Gespräche relativ zuverlässig identifizieren könne. Andererseits werden mittlerweile immer mehr Fälle von sogenannten Detransitoren bekannt, die die Geschlechtsangleichung wieder rückgängig machen wollen.
Selbstbestimmungsgesetz
Die Pläne der rot-grün-gelben Bundesregierung sehen vor, dass Volljährige mit einer Erklärung beim Standesamt ihr Geschlecht und den Namen ändern können. Bisher braucht es dafür zwei psychologische Gutachten. Das Gesetz soll dieses Jahr verabschiedet werden. Kritik gibt es unter anderem daran, dass Familiengerichte die Entscheidung der Eltern aufheben können. Kritisch eingestellte Elternverbände befürchten eine Klagewelle von Teenagern gegen ihre Eltern. Manche Feministinnen kritisieren, dass biologische Männer so in Räume von Frauen eindringen.
Beratung
Elternnetzwerke bieten Beratung an. Sie sind in ihrer Einstellung sehr unterschiedlich: www.trans-kinder-net.de; www.transteens-sorge-berechtigt.net