Trauer in Leonberg Eine streitbare Kämpferin
Von der Leonberger Bausparkasse bis zur KZ-Gedenkstätten-Initiative: Die Gewerkschafterin und Kommunalpolitikerin Renate Stäbler ist in hohem Alter gestorben.
Von der Leonberger Bausparkasse bis zur KZ-Gedenkstätten-Initiative: Die Gewerkschafterin und Kommunalpolitikerin Renate Stäbler ist in hohem Alter gestorben.
Eine Menschenfreundin, Kämpferin und Mahnerin ist nicht mehr. Die einstige Politikerin, Gewerkschafterin und Historikerin Renate Stäbler ist im Alter von 86 Jahren verstorben. Eine Frau der lauten Worte ist Renate Stäbler nie gewesen – aber das musste sie auch nicht sein. Ihre leisen Töne fanden auch Gehör, denn das Herz dahinter schlug mit Überzeugung für die Sache. Streitbar und meist in der Opposition, mit einem Herz, das so links schlug, dass Rechte aufhorchten und manchmal sogar ihre Genossen erschraken, das war Renate Stäbler.
Geprägt wurde sie von einem sozialdemokratischen und antifaschistischen Elternhaus, einem „roten“ Großvater, den die Nazis ins KZ Heuberg gebracht haben. „Weil ich das Engagement für die Mitmenschen und die Tradition, sich politisch einzumischen, mit in die Wiege gelegt bekommen habe, bin ich mit 23 Jahren aus Überzeugung der SPD beigetreten“, sagte Renate Stäbler einst. Aus der gleichen Überzeugung hat sie 1967 aus Protest den Sozialdemokraten für zwei Jahre den Rücken zugekehrt, weil die erste große Koalition die Regierungsgeschäfte übernommen hatte.
Nach dem Abitur und der Ausbildung zur physisch-technischen Laborantin wollte die Stuttgarterin eigentlich studieren, doch in der Baufirma des Vaters wurde eine Assistentin gebraucht. Im Jahr 1969 kam sie nach Leonberg, wo in der Leonberger Bausparkasse ein „Finanzierungssachbearbeiter“ gesucht wurde. 1972 wurde sie in den Betriebsrat gewählt und avancierte schnell zur Gesamtbetriebsratschefin. Bis 1998 war sie Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat der Leobau. Wichtige Betriebsvereinbarungen trugen ihren Stempel: Frauenförderpläne, betriebliche Altersversorgung der Teilzeitbeschäftigten (99 Prozent Frauen), Rationalisierungsschutzabkommen, Vereinbarungen zur Gestaltung der Bildschirmarbeitsplätze, flexible Arbeitszeiten.
Konflikte hat Renate Stäbler nie gescheut, sie ist an ihnen gewachsen. Das Streitbare haben die Menschen an ihr geschätzt. „Ich war immer für Power, aber nie für Gewalt“, hatte das 1,55 Meter große Energiebündel einmal gesagt. Für ihr ehrenamtliches Engagement ist Renate Stäbler 2007 auch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.
1971 ist Renate Stäbler der Arbeiterwohlfahrt beigetreten. Etwa 20 Jahre lang war sie aktives Mitglied im Vorstand des Ortsvereins Leonberg, bis sie 2017 altershalber ausgeschieden ist. Für ihre SPD hat sie 20 Jahre im Kreistag gewirkt, wo sie die Stelle der Frauenbeauftragten und die Beratungsstelle Thamar mitinitiiert hat.
„Ich bin ein politischer Mensch, da führt kein Weg an der Geschichte vorbei“, hatte Renate Stäbler den Entschluss begründet, im Ruhestand als Gasthörerin Geschichte und Politik an der Universität Stuttgart zu studieren. Das tat sie mit ihrer Partnerin Monica Mather, frühere Redakteurin der Leonberger Kreiszeitung.
Wer sich in Leonberg mit Geschichte beschäftigt, kommt nicht an dem KZ vorbei, das hier in den beiden letzten Kriegsjahren eingerichtet war. So wurden Stäbler und Mather 1999 Gründungsmitglieder der KZ-Gedenkstätteninitiative Leonberg. Renate Stäbler war viele Jahre lang stellvertretende Vorsitzende, zudem war sie die Initiatorin des „Wegs der Erinnerung“ und sie hat Führungen zur KZ-Geschichte begleitet. Beide waren Mitautorinnen des Buches „Konzentrationslager und Zwangsarbeit in Leonberg“.