Der Kontakt erfolgte über eine Dating-Plattform. Doch das persönliche Treffen in Esslingen verlief für einen Mann wohl traumatisch. Der Prozess hat nun begonnen.

Sie wirken sehr jung, unbedarft und unreif. Doch die beiden Angeklagten sollen eine erhebliche kriminelle Energie entwickelt haben: Erpresserischer Menschenraub wird ihnen zur Last gelegt. Anfang Juli letzten Jahres sollen sie einen Mann in Esslingen gequält und gedemütigt haben. Für diese Taten müssen sie sich vor dem Landgericht Stuttgart verantworten.

 

Ihre Biografien ähneln sich. Nach eigenen Beschreibungen der beiden Angeklagten vor Gericht waren ihre bisherigen Leben geprägt von biografischen Brüchen und Schicksalsschlägen, aber auch von verpassten Chancen. Traumatische Erfahrungen während des Bürgerkriegs und während der Flucht aus ihrem Heimatland Syrien haben beide wohl hinter sich. Die Mutter eines der Angeklagten berichtet, ihr Sohn habe miterleben müssen, wie sein älterer Bruder erschossen worden sei und wie während der Flucht auf einem Schlauchboot acht Menschen ertrunken seien.

Sechs weitere Prozesstage sind am Landgericht Stuttgart angesetzt. Das Urteil wird Ende März erwartet. Foto: Marijan Murat/dpa

Auch das Leben in Deutschland ist bei den zur Tatzeit 16- und 18-Jährigen ähnlich verlaufen: Drogenkonsum bereits in jungen Jahren, nach Schwänzen und Fehlzeiten Rausschmisse aus vielen Schulen, falsche Freude, ein Abrutschen in die Illegalität: „Die Drogen haben mich zerstört“, sagt einer der Angeklagten. Auf Fragen ihrer Verteidiger berichten sie von Plänen für die Zukunft, von einem Schulabschluss, Lehren, einem drogenfreien Leben.

Doch derzeit befinden sich beide in Untersuchungshaft. Denn die Staatsanwaltschaft wirft ihnen schwere Delikte vor. Laut Anklageschrift soll sich der zum Tatzeitpunkt 18-Jährige nach einer Kontaktaufnahme über eine Dating-Plattform und einem ersten persönlichen Treffen Anfang Juli 2025 erneut mit einer männlichen Person in Esslingen verabredet haben. Nach einem kurzen Gespräch sei der damals 16-jährige, zweite Angeklagte unerwartet hinzugekommen. Alle Drei seien in ein Waldstück bei Hedelfingen gefahren.

Im Wald, so die Anklageschrift, sollen die Angeklagten ihr Opfer gequält haben. Der Geschädigte sei mit einer Softairpistole bedroht worden, die an seinen Kopf gehalten wurde. Das Opfer soll geschlagen, bespuckt und gezwungen worden sein, erniedrigende Textpassagen zu wiederholen, die gefilmt wurden. Aus Angst habe der völlig verängstigte Geschädigte seinen Peinigern Geld versprochen. Gemeinsam sei man zu einer Bankfiliale in der Pliensauvorstadt gefahren, wo der Mann den Angeklagten 1000 Euro gegeben habe. Danach wurde das Opfer gezwungen, die beiden anderen mit seinem Auto in Richtung Weil zu fahren.

Wenige Tage nach der Tat soll sich laut Anklageschrift einer der Angeklagten erneut gemeldet und 500 Euro verlangt haben. Werde der Forderung nicht nachgegangen, würden die im Wald gemachten Videos veröffentlicht. Der Geschädigte erstattete Anzeige. Nach umfangreichen Ermittlungen, hieß es Mitte Juli 2025 im Polizeibericht, hätten die beiden zunächst nicht namentlich bekannten Beschuldigten ermittelt und in Esslingen festgenommen werden können. Bei den Durchsuchungen sei auch die mutmaßliche Tatwaffe sichergestellt worden. Das Opfer, so führte der Staatsanwalt aus, sei erheblich traumatisiert und leide noch heute unter den Folgen der Übergriffe.

Beiden Angeklagten werden weitere Delikte zur Last gelegt. So soll es auch zu Straftaten im Zusammenhang mit Fahrzeugen und zu Autodiebstahl gekommen sein. Als Polizeibeamte sie bei einer dieser Fahrten in Ostfildern kontrollieren wollten, hätten sie sich eine Verfolgungsjagd mit den Beamten geliefert, in deren Verlauf mehrere andere Fahrzeuge beschädigt worden sein sollen und es zu gefährlichen Situationen im Straßenverkehr gekommen sei.