Die Treuetesterin Therese Kersten stellt mögliche Fremdgeherinnen und Fremdgeher auf die Probe – vor allem in Baden-Württemberg. Im Interview erzählt sie, wie man einen Fremden oder eine Fremde in Versuchung bringt. [Archiv]
Jana Gäng
04.01.2023 - 14:40 Uhr
Betrügt mich mein Partner oder meine Partnerin? Es ist Therese Kerstens Job, das für ihre Kundinnen und Kunden herauszufinden. Sie selbst ließ dieser Verdacht einst nicht los. So sehr nagte er an ihr, dass sie ihrem damaligen Partner hinterherspionierte, sein Doppelleben mit anderen Frauen offenlegte, ihn verließ. Das war vor zwölf Jahren und der Start ihres Business. Heute arbeiten mehr als 3000 Lockvögel für ihre Agentur „Die Treuetester“. Weltweit sind sie im Einsatz, die meisten Aufträge kommen aber aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, sagt Kersten.
Die Lockvögel können die potenziellen Fremdgeherinnen und Fremdgeher über WhatsApp, Instagram oder Mail anchatten, sie per Telefon oder bei einem persönlichen Treffen in Versuchung bringen. Aber immer gilt: Mehr als ein Kuss ist nicht drin, da liegt die Grenze. Den Rest entscheiden Kerstens Auftraggeberinnen und Auftraggeber. Sie erhalten ein Protokoll vom Treiben ihrer Partnerinnen und Partner – und die Antwort auf die Frage: Würde er oder sie fremdgehen?
Frau Kersten, die Feiertage liegen hinter uns. Wünschten sich die meisten da heile Romantik unter dem Mistelzweig?
Ich denke jedes Jahr, dass es an Weihnachten weniger Testanfragen geben sollte. Dass man bis zum nächsten Jahr warten könnte, die Feiertage einfach genießt. Die Zahl bleibt aber gleich, manchmal werden es sogar mehr Anfragen. Warum, ist mir ein Rätsel.
Vor einigen Jahren haben Sie ein Buch über einige Ihrer Fälle veröffentlicht. Darin schreiben Sie, dass viele Menschen sich nicht trauen, die Initiative für einen Seitensprung zu ergreifen, sich aber wünschen, dass jemand auf sie zukommt. Ist es die Regel, dass die Menschen durch Ihren Test fallen?
Wir haben keine Quote, sondern übermitteln die Ergebnisse ohne Bewertung an die Auftraggeber. Für jeden beginnt Untreue zu einem anderen Zeitpunkt. Oft ist das Ziel herauszufinden, ob der Partner sich mit dem Treuetester oder der Treuetesterin treffen würde. Dann wäre das in den meisten Fällen tatsächlich so, dass die Leute untreu sind.
Nie hätte er vorher auch nur daran gedacht, seine Frau zu betrügen, sagte einer Ihrer Testkandidaten zum hartnäckig-flirtenden, umwerfend sexy Lockvogel. Ist Ihre Agent Provocateur-Technik fair?
Ja, was wir jetzt machen, ist fair. Wir überreden niemanden zum Fremdgehen. Wenn ich merke, da blockt jemand ab, dann frage ich vielleicht ein-, zwei Mal nach. Aber nicht ein drittes Mal. Auch beim Aussehen der Tester versuche ich für Realität zu sorgen, ich will keine Venusfalle. Leider senden mir die Auftraggeber oft Bilder von Models als Orientierung für eine passende Testperson. Da frage ich: Gibt es keine alltagsnäheren Bilder?
Und Ihre Kundinnen und Kunden akzeptieren das?
Es gibt welche, die sagen: Ich habe aber bis zu zehn Nachrichten bestellt, dann möchte ich die auch haben! Das tun wir aber nicht. Das grenzt sonst an Stalking.
Diese zehn Nachrichten sind das günstigste Paket in Ihrem SMS/WhatsApp-Test. Wie schafft man das, mit zehn Nachrichten aus dem Nichts einen fremden Menschen in Versuchung zu bringen?
Innerhalb von zehn Nachrichten sieht man meist nur eine Tendenz, ob die Person an der anderen interessiert ist oder sofort abblockt. Was noch nicht heißt, dass sie sich auch treffen würde. Dafür braucht es mehr Nachrichten.
Dann reichen eine plumpe Anmache und ein attraktives Profilbild nicht aus?
Bei manchen ja, aber das sind die Ausnahmen, die nach zwei Nachrichten ein Treffen wollen. Da bin selbst ich überrascht – die würden wahrscheinlich jeden anspringen. Bei den meisten braucht es mehr Vertrauen. Das funktioniert gut über Sprachnachrichten. Die schaffen eine ganz andere Nähe. Vor allem, wenn die Stimme sympathisch und nicht nach der Partnerin oder dem Partner klingt.
Und wie beginnen Sie ein Gespräch mit einem oder einer Fremden, ohne dass der oder die misstrauisch wird?
Das ist individuell. Es gibt die Variante, dass man vorgibt, die Nummer zufällig zu haben. Oder dass man die Person gesehen und dann die Nummer über gemeinsame Bekannte bekommen oder im Internet gefunden hat. Wenn das Instagram-Profil öffentlich ist, können wir Bilder liken oder kommentieren. Manchmal schreibt die Testperson dann auch von selbst. Wir prüfen, ob es Gemeinsamkeiten gibt. Kann man Profilen vorher folgen, denen die Testperson folgt? Wenn der Andere offen ist, klappt das. Man muss auch sagen, gerade Männer sehen oft das, was sie sehen wollen.
Bisher nicht von unserer Seite. Höchstens, wenn der Auftraggeber sich zuhause merkwürdig verhält oder schon immer eifersüchtig ist. Dann vermuten einige Partner, dass sie von einer Freundin der Partnerin oder der Partnerin selbst getestet werden.
Und wenn der Test doch auffliegt? Ist ein solches Misstrauen nicht auch ein guter Grund sich zu trennen?
Man müsste doch bei der Frage ansetzen: Warum vertraut einem der Partner oder die Partnerin nicht? Ich glaube, wenn man dem Partner keinen Grund liefert, wird der auch nicht einfach so testen.
Aber es gibt eine Veranlagung zur Eifersucht. Oder diejenigen, die von einem früheren Partner betrogen wurden.
Das gibt es auch. Aber bei den meisten meiner Fälle ist es so, dass in der aktuellen Beziehung schon etwas vorgefallen ist.
Weil ihr ehemaliger Partner ein Doppelleben führte und sie betrog, kam Therese Kersten auf die Idee zu ihrer Agentur „Die Treuetester“. Foto: Privat
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Ihren Auftraggeberinnen und Auftraggebern die Screenshots der Chatverläufe senden. Da sind teilweise auch intime Fotos dabei. Verletzt das nicht das Persönlichkeitsrecht der Testpersonen?
Wir senden Screenshots von Nachrichten, aber keine Fotos mehr. Auch keine Sprachnachrichten, keine Aufzeichnungen. Wir wollen, dass alles rechtlich in Ordnung ist.
Im Buch gibt es den Fall einer Fremdflirterin, verheiratet, zwei Kinder. Sie will ihren Mann nicht verlassen, sagt aber, er würde sie sofort verlassen, wenn er von ihren Flirtnachrichten wüsste. Warum riskiert man so viel?
Ich glaube, das ist der Reiz des Neuen. Vielleicht auch, dass man sich nicht über die Konsequenzen bewusst ist. Oder aber man kennt sie, aber sie haben keine Priorität. Vielleicht sind die Menschen auch egoistisch und denken nicht an den Partner, wollen das eigene Bedürfnis ausleben. Und vielleicht kommt es ja nicht raus.
Traurig fand ich den Fall von Thorsten, der seine Sexfantasien mit seiner Frau ausleben wollte, aber Angst hatte, dass sie ihn als pervers abstempelt. Haben Sie kein Mitleid mit den Testkandidaten, wenn die sich Ihnen gegenüber arglos öffnen?
Warum bespricht man so etwas Intimes mit irgendeiner Fremden, aber nicht mit der eigenen Partnerin, mit der man seit vielen Jahren zusammen ist? Das ist doch eigentlich traurig an der Geschichte.
Wobei es vielen Menschen leichter fällt, mit Fremden zu sprechen.
Ja, aber wir sollten so fair sein und dem Partner die Chance dazu geben, etwas zu ändern. Offen sagen: Ich habe diese Fantasie und was können wir machen? Auch wenn die Lösung dann ist, dass man sich trennt. Ich sehe leider bei vielen Männern, dass sie aus Scham nicht mit der Partnerin sprechen, es aber mit anderen ausleben.
Sie sagen oft, dass Ihre Kundinnen und Kunden Gewissheit möchten. Geht es den meisten um die Gewissheit, dass der andere treu ist oder die Gewissheit, dass der andere untreu ist?
Schon, dass er treu ist.
Reagieren solche Kundinnen und Kunden geschockt auf den Gegenbeweis?
Es wünscht sich zwar jeder, dass sich das eigene Bauchgefühl nicht bestätigt. Aber wer zu uns kommt, fällt nicht aus allen Wolken, wenn wir die Ergebnisse mitteilen.
Gibt es für Sie einen Anspruch auf diese Gewissheit in einer Beziehung? Dass der oder die Andere sich deswegen transparent machen lassen muss?
Wenn man beidseitig die Grenze hat, dass man nicht mit Anderen sexuelle Nachrichten austauscht oder sich treffen würde, um sexuell aktiv zu sein, dann ist es das Recht des Partners zu wissen, ob diese Grenzen überschritten werden.
Bevor ich die Unterwäsche des Partners oder der Partnerin durchsuche und auf Spermaspuren testen lasse – wäre es da nicht einfacher, ihn oder sie auf meinen Verdacht anzusprechen?
Ja, aber man wacht nicht einfach auf und macht den Test. Das kostet viel Überwindung. Man sucht immer erst das Gespräch. Aber wer gibt denn gerne zu, dass er betrügt? Da kann man sich auch den Mund fusselig reden. Die wenigsten werden sagen: Stimmt, ich betrüge dich. Und dann fällt immer wieder etwas vor und das Misstrauen lässt dich über Wochen und Monate nicht los, du zweifelst an dir selbst. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Das ist eine psychische Belastung. So hat man schneller ein Ergebnis.
Eine Testperson hat sogar Penisbilder an den Lockvogel versendet. Seine Partnerin hat die Beziehung trotzdem nicht direkt beendet. Kann das noch gut gehen, wenn der Andere den Treuetest derart versemmelt hat?
Ich glaube schon. Wenn man in einer Beziehungsphase ist, in der man sich oft streitet, dann kann ein Treuetest auch Anlass sein zu sagen: Wir haben ein Problem, was können wir machen?
Welche Gründe, um in der Beziehung zu bleiben, halten Sie für wenig sinnvoll?
Finanzielle Abhängigkeit spielt gerade bei Frauen eine große Rolle. Die zuhause geblieben sind, aus Liebe zur Familie auf vieles verzichtet haben und in einer Beziehung verweilen, in der sie nicht mehr glücklich sind. Es gibt auch emotionale Abhängigkeiten.
Manchmal hatten Sie Verständnis für den betrügenden Partner oder die Partnerin, schreiben Sie. Was waren das für Fälle?
Es gibt tatsächlich grenzwertige Auftraggeber. Die sehr schroff und fordernd mit mir reden, aggressiv sind. Wenn sie schon mit mir so umgehen, wie ist es dann beim eigenen Partner? Dass der das Weite sucht, wundert mich nicht.
Haben Sie bei manchen Kunden oder Kundinnen das Gefühl, dass sie zu obsessiv und kontrollierend sind, wie Stalker?
Selten, ganz selten.
Es gab aber den Fall, dass ein Kunde die eigene Frau selbst mit GPS-Sender überwacht und Ihnen dann Berge ihrer Unterwäsche für Spermatests gesendet hat. Dem Sie nach einem Labortest mitgeteilt haben, das gemeinsame Kind ist wahrscheinlich nicht von ihm. Haben Sie in solchen Fällen Sorge, was Ihre Enthüllungen anrichten könnten? Dass sie in Gewalt enden könnten?
Ich bin nicht verantwortlich für die Reaktionen des Partners und wir sind, denke und hoffe ich, alle normale Menschen, die ihre Gefühle regulieren können. Wir tracken niemanden und es geht bei uns auch nur darum, ob der Partner treu ist oder nicht. Wenn er untreu ist, ist das sicher schmerzhaft, das steht außer Frage, aber die Welt sollte davon nicht untergehen. Schon allein aus Selbstliebe nicht.
Haben Sie auch mal Kunden abgelehnt, weil Sie ein schlechtes Gefühl hatten?
Ich lehne Kunden ab, wenn es nicht der eigene Partner ist. Wenn sie den Partner eines anderen testen wollen, Schwiegermütter oder Exfreunde. Für mich ist das moralisch nicht vertretbar. Wenn man den eigenen Partner testet, hat man ein berechtigtes Interesse.
Der Test kann zeigen, ob der Partner fremdgehen würde. Aber beruhigt ein bestandener Test jemanden, der oder die so zweifelt, dass er oder sie Sie engagiert?
Ich glaube schon. Es ist zwar nur eine Momentaufnahme, das sage ich ganz klar. Kann sein, dass der Partner bei einem anderen Umstand angesprungen wäre. Aber es kann beruhigend sein, wenn der Partner überhaupt nicht reagiert.
Dann gibt es nicht die Fälle, die sich nach bestandenem Test wieder melden?
Gibt es auch. Aber wenn jemand zwei, drei Mal auf uns zukommt, sage ich ihm, dass wir an dem Misstrauen arbeiten sollten. Das hat nichts mehr mit dem Partner zu tun, sondern mit einem selbst.
Sie machen das seit 2010. Was hat der Job mit Ihrem Menschenbild gemacht?
Nichts. Wirklich nichts.
Aber Sie sagen gerne, ewige Treue gibt es nicht. Das klingt ein wenig desillusioniert?
Ich glaube einfach, dass jeder irgendwann in welcher Form auch immer fremdgeht. Das muss nicht sexuell oder beim aktuellen Partner sein. Nie auch nur an jemand anderes zu denken, zu schwärmen, gewisse Grenzen ein Stück weit zu überschreiten, das trifft doch auf niemanden von uns zu. Es gibt immer einen Moment, in dem man in Versuchung ist.
Zur Person
Geschäftsfrau Therese Kersten, 32, gründete mit 19 Jahren ihre Agentur „Die Treuetester“. Anfangs ein Ein-Frau-Betrieb, übernahm Kersten von Webseite über Marketing bis zum Treuetest alles selbst. Heute arbeiten mehr als 3000 Treuetesterinnen und -tester auf Honorarbasis für sie.
Privatleben Zwar prüft und kennt sie jeden Treuetest, den Lockvogel bei persönlichen Treffen spielt Kersten aber nicht mehr. Therese Kersten ist in einer Beziehung, hat drei Kinder und lebt in Frankreich.