Trickbetrug in und um Stuttgart Masche mit Klemmbrett – schon den „gehörlosen“ Spendensammlern begegnet?

Mit Klemmbrett und Körpernähe: Angebliche Spendensammler in Möhringen am Werk (Archivbild). Foto: Wolf-Dieter Obst

Sie kommen mit Klemmbrett in der Hand und suchen Körpernähe: Unbekannte, die angeblich für Gehörlosen-Einrichtungen sammeln. Was haben sie im Sinn?

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Wie aus dem Nichts ist sie aufgetaucht. Jugendlich, klein, schwarz angezogen, mit Klemmbrett und Spendenliste. Die ältere Frau, die in der Tiefgarage eines Supermarkts an der Rembrandtstraße in Möhringen gerade ihren Einkaufswagen abstellt, ist recht erschrocken. „Da steht plötzlich ein Mädchen neben mir, wie aus dem Boden geschossen“, sagt sie. Die Unbekannte hält ihr ein Klemmbrett hin, darauf ein Schreiben mit deutscher und EU-Flagge. Fett gedruckt steht da, dass Geld für Gehörlose und Sprachgeschädigte gesammelt werde. Auch die Jugendliche spricht nicht.

 

Die Masche ist seit Jahren bekannt, und doch werden vor allem ältere Passanten immer wieder überrumpelt. Dass sie im Visier stehen, ist kein Wunder – in den Augen der Trickdiebe sind sie spendenwilliger. Und leichter abzulenken. „Sie war auch sehr nett und hat mir eine Einkaufstasche zum geparkten Auto getragen“, sagt die Degerlocherin, die zur Mittagszeit bei sonnigem Wetter in Möhringen gerade ihre Einkäufe erledigt hatte. Die Klemmbrett-Masche ist ihr nicht bekannt – sie ist dennoch misstrauisch.

Das Klemmbrett hat noch eine weitere Funktion

Auf dem Klemmbrett befindet sich eine angebliche Spendenliste mit Unterschriften. Mal sind 50 Euro, mal sind fünf Euro eingetragen. Das soll wohl den Eindruck erwecken, dass bereits fleißig für den guten Zweck gespendet wird. Doch das ausgesuchte Opfer reagiert anders als gedacht: „Ich habe immer wieder gefragt, wo da eine Adresse oder Telefonnummer der Gehörlosen-Einrichtung steht, für die da gespendet werden soll“, sagt die Seniorin. Sie weigert sich, ihren Geldbeutel zu zücken.

Die Polizei bittet um Hinweise, wenn Passanten von angeblich taubstummen Personen nach Spenden gefragt werden. (Symbolbild) Foto: dpa/David Inderlied

Und das ist ganz gut so. Denn den Klemmbrett-Betrügern geht es mit ihrer Masche nicht allein um einen Spendensammlungsbetrug. „Manchmal geben sich die Täter mit der illegalen Spendensammlung zufrieden, aber wenn es die Situation zulässt, wird das Klemmbrett als Sichtschutz und Ablenkung eingesetzt, um an noch mehr Geld zu kommen“, sagt ein Beamter der Kriminalprävention.

... und weg ist der 50-Euro-Schein

Im Stadtteil Fasanenhof ist vor einigen Wochen die Tiefgarage eines Supermarkts am Europaplatz der Tatort, als ein angeblich taubstummer Mann einer 32-Jährigen ein Klemmbrett unter die Nase hält. Für „Handicap International“ – eine tatsächlich existierende, aber offenbar missbräuchlich genannte Organisation – gibt sie eine Unterschrift und 20 Euro. In Gärtringen (Kreis Böblingen) soll auf dem Parkplatz eines Lebensmitteldiscounters eine 56-Jährige für eine Taubstummenschule spenden. Die Täterin, etwa 20 Jahre alt, bekommt nur einen Münzgeldbetrag. Ein paar Tage vorher ist ein junger Mann in Ditzingen (Kreis Ludwigsburg) erfolgreicher, als ihm ein eine 80-jährige Frau vor einem Lebensmitteldiscounter einen 50-Euro-Schein übergibt. Sie will zwar nur zehn Euro spenden – doch das Rückgeld bekommt sie nicht heraus. Der komplett schwarz gekleidete Mann verschwindet.

Die Täter stammen nach bisherigen Erfahrungen der Polizei zumeist aus Südosteuropa, gehören in der Regel einem ganzen reisenden Trupp an. Sprachlosigkeit ist praktisch – man wird nicht in Diskussionen verwickelt. Werden sie erwischt, bleibt zumeist nicht viel hängen. Die Geldbeträge, die bei Festnahmen sichergestellt werden, sind so niedrig, dass ein Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt werden müsste. Die Beute wird als Sicherheitsleistung einbehalten, ein Platzverweis erteilt, beim Amtsgericht ein Zustellungsbevollmächtigter bestellt. Dann sind die Täter wieder verschwunden.

Spurlos verschwunden ist auch die Jugendliche aus dem Supermarkt-Parkhaus in Möhringen. Die ältere Degerlocherin hatte nur kurz zu ihrem Auto geschaut, „dann war sie blitzschnell weg“. Immerhin: keine Beute. Ob die Jugendliche in Schwarz noch woanders aufgetaucht ist?

Die Polizei kennt den aktuellen Möhringer Fall nicht – die Betroffene hat keine Anzeige erstattet. „Eine Meldung wäre schon deshalb wichtig, weil sich mehrere Taten womöglich zusammenführen ließen“, sagt Polizeisprecher Stephan Widmann. Außerdem sei die Tätergruppe womöglich noch in der Umgebung. Die Telefonnummer, die man also wählen sollte, ist ganz einfach zu merken: 110.

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