Trickfilme sind nur was für Kids und Familien? Wer das noch glaubt, hat sich wohl noch nie intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Denn Animation ist so viel mehr als nur die perfekte Disney-Welt: Sie verarbeitet politische und gesellschaftliche Probleme, vermittelt auf ihre ganz eigene Art Emotion und Tiefe und kann gleichzeitig auch schweren Themen wie Kriegserlebnisse und Traumata bildlich darstellen, ohne sie direkt zeigen zu müssen.
Wir haben mit Annegret Richter, der programmatische Leitung des Internationalen Trickfilmfestivals in Stuttgart, über das Programm am kommende Wochenende gesprochen - und warum Trickfilme auch etwas für junge Erwachsene sind.
Stadtkind: Annegret, du arbeitest beim Internationalen Trickfilmfestival in Stuttgart. Wie oft begegnest du dem Klischee „Trickfilme sind Kinderfilme“ noch im Alltag?
Annegret Richter: Im Umgang mit Menschen, die wenig Berührungspunkte mit Animation haben, passiert mir das ständig. Deshalb sehe ich es auch als eine Mission dem Publikum zu zeigen, dass Animation viel mehr ist und kann.
Gab es einen Moment oder Film, der dir selbst gezeigt hat, dass Animation viel mehr sein kann?
Ich habe in den 90er Jahren ein Programm mit animierten Dokumentarfilmen gesehen und für mich war es eine Offenbarung, dass Animation so gut zu dem passt, was eigentlich mit Realität und Aktualität verbunden wird.
Was kann Animation erzählen, was Realfilm nicht leisten kann?
Animation hat viel mehr Möglichkeiten und Ebenen die Geschichten und Gefühle darzustellen und auch Subtext einzuflechten, da ja in der Regel alles bei der Animation künstlich und künstlerisch hergestellt wird - vom Charakter, dem Hintergrund bis hin zum Sound Design.
Gibt es Themen, die gerade durch Animation sogar härter oder direkter wirken?
Ich finde Animation kann auch als Filter wirken, wenn eine Geschichte sehr brutal oder furchtbar ist- deshalb eignet sie sich gut, um z.B. Kriegserlebnisse, Gewalt in der Beziehung, Trauma oder Gedanken von Menschen aufzuzeigen, die sonst nicht darstellbar wären. Gleichzeitig wirkt Animation, durch die Komplexität von Bild und Sounddesign sehr emotionalisierend und kann so die Zuschauer viel zielgenauer in die jeweiligen Gefühle für die Situation führen. Das kann sich dann auch sehr direkt anfühlen.
Kannst du ein paar Filme aus dem ITFS-Programm nennen, die genau zeigen, wie „erwachsen“ Animation sein kann?
In unserer International Competition haben wir in diesem Jahr zu einem großen Teil Kurzfilme, die gesellschaftlich relevante Themen behandeln. So zeigt Kiana Naghshineh in ihrem Film „Im Auto Tapes und Butterbrot“ auf sehr moderne Art, wie die Diagnose einer tödlichen Krankheit das Familiengeflecht beeinflusst. Und in „Tonight, I Dream About Water“ wird man in die Angst einer Frau mitgenommen, die erst unbestimmt und dann sehr klar dem gewalttätigen Partner zuzuschreiben ist.
Außerdem: „Bouchra“, ein Film über eine lesbische marokkanische Filmemacherin in New York, bei dem ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter sehr tief und abstrakt in die Gefühls- und Gedankenwelten geht und auch „Allah is not Obliged“, der die Geschichte eines Kindersoldaten aus dessen Sicht erzählt.
Welche Themen werden dort verhandelt, über die man vielleicht überrascht wäre?
Mich selbst überrascht bei den Themen in der Animation fast nichts mehr- es ist ja alles möglich- ich freue mich eher über die Kreativität, mit der einem Thema begegnet wird. Dazu gehört z.B. der Film „Kyiv Cake“ der durch die Animation ein Gefühl für das aktuelle Leben in Kiew gibt.
Welche Rolle spielt Animation aktuell, wenn es um politische oder gesellschaftliche Debatten geht?
Ich glaube, dass Menschen, die Animation machen oft sehr sensible und politische Menschen sind, die ihre Gegenwart und ihre Eindrücke zu gesellschaftlichen Debatten dann in ihren Filmen aufarbeiten. Allerdings dauert Animation in der Herstellung viel länger als ein Dokumentar- oder Live-Action Film und deshalb können die Filme in den seltensten Fällen auf ganz aktuelle Themen reagieren. Aber bei gesellschaftlichen Entwicklungen oder auch zur Einordnung von gesellschaftsverändernden Ereignissen ist Animation ein sehr gutes Abbild unserer gegenwärtigen Situation.
Das heißt, Animation wird als Medium für Kritik und Haltung noch unterschätzt?
Animation wird- dadurch, dass eben die meisten Menschen kaum Berührung mit Erwachsenenanimation haben - fast immer unterschätzt. Das liegt aber auch daran, was im Kino und im Fernsehen angeboten wird. In Deutschland ist es eben vorrangig Animation für Kinder und dann auch noch oft aus den USA und nicht aus Europa. Dabei sind in Europa in den letzten Jahren viele großartige Erwachsenenlangfilme entstanden, die aber leider nie in die deutschen Kinos kommen, weil sich kein Verleih findet.
Das heißt Animation kann Haltung und Kritik, aber dazu braucht es auch eine Auswertung mit Publikum. Wir zeigen zum Beispiel den dänischen Film „Flee“, der 2021 den Europäischen Filmpreis in zwei Kategorien bekommen hat und auch andere großartige Filme, wie unseren Animovie- Gewinnerfilm vom ITFS 2025 „Pelikan Blue“ auf dem Open Air, damit ein breites Publikum Zugang dazu finden kann.
Gibt es internationale Trends oder Länder, die gerade besonders mutige Animationsfilme hervorbringen?
Bei Langfilmen- und das sind ja die Filme, die eher von einem breiten Publikum gesehen werden als die kurzen Filme, liegt es oft weniger am Mut oder an der Kreativität, sondern an den Möglichkeiten der Finanzierung eines Projekts für ein erwachsenes Publikum. Und da gibt es Länder wie China, Spanien und Frankreich, wo diese Projekte mehr finanzielle Unterstützung bekommen als deutsche Produzenten. Mutig finde ich Projekte aus Ländern, in denen Zensur herrscht und wo dennoch immer wieder kritische Themen verhandelt werden, trotz der Gefahr.
Merkt ihr beim Festival, dass sich die Wahrnehmung von Animation langsam verschiebt?
Wir freuen uns über jeden Menschen, der die Chance nutzt, hier beim ITFS Filme zu sehen, die es sonst eben kaum im Kino zu sehen gibt. Denn nur wenn viele Menschen wissen, dass es diese wunderbaren internationalen Animationsfilme gibt, dass es eben noch etwas anderes gibt als Familienunterhaltungsfilm oder Filme mit Schauspielern aus den USA, erst dann kann sich die öffentliche Wahrnehmung verschieben und auch die Möglichkeit das Angebot regulär auch außerhalb von Festivals zu intensivieren.
Was müsste passieren, damit Animation endgültig als Erwachsenenmedium anerkannt wird?
In Deutschland müssten sich die Filmförderungen- allen voran das BKM auch zu Erwachsenenanimation bekennen. Immer wieder werden deutsche Filmprojekte mit sehr fadenscheinigen Begründungen abgelehnt, die zeigen, dass es überhaupt kein Verständnis für Animation außerhalb von Kinderbuchverfilmungen gibt.
Und auch die öffentlich-rechtlichen Sender könnten die Chance nutzen ihre Zielgruppe zu verjüngen, indem Animation für Erwachsene nicht nur punktuell mit einem Projekt, sondern regelmäßig und auch mal auf Premium-Sendeplätzen oder mit mehr Sichtbarkeit in der Mediathek gezeigt wird. Es gibt hier viele Möglichkeiten und mittlerweile auch einige Menschen, die das Potenzial von Animation für Erwachsene erkannt haben. Aber die gelernten Systeme sind sehr schwer zu ändern und so braucht es einen langen Atem.
Viele denken bei Animation sofort an Walt Disney Company oder große Streaming-Produktionen. Was unterscheidet das Festivalprogramm davon?
Wir wollen beim Festival deutlich zeigen, was es neben den großen amerikanischen Studios und den Streamern, die wir mit unseren Kooperationen mit Warner und Disney auch abbilden, noch so gibt - gerade, weil durch die Dominanz der amerikanischen Filme in unseren Kinos kaum Raum für etwas anderes ist und dadurch der Eindruck entsteht, es gäbe nur amerikanische Produktionen. Dabei werden viele tolle Filme gedreht, die aber nie in die Kinos in Deutschland kommen und wir möchten genau das zeigen. Wir bieten Filme an, die es so nicht mehr oder nur auf wenigen anderen Festivals in Deutschland zu sehen gibt.
Warum sollte man dem ITFS dieses Jahr unbedingt eine Chance geben, selbst wenn man bisher nichts mit Animation anfangen konnte?
Animation ist vielseitig und gerade die Kurzfilmprogramme zeigen das auch. Also selbst wenn einem ein oder zwei Filme nicht gefallen, dann hat man noch fünf Filme, die super waren. Und vielleicht ist man auch überrascht oder entdeckt was Neues. Man kann in jedem Fall nur gewinnen. Und wenn man zu den Programmen geht, bei denen Gäste anwesend sind, dann hat man noch die Chance im Q&A mehr über die Filme zu erfahren. Ich empfehle hier vor allem unsere „German Animation“- Programme, bei denen kann man die Vielfalt der deutschen Animation und die Künstler:innen kennenlernen.