Tübingen: Janosch-Schau Janosch gibt Kindern das, was er selbst vermisste
Seine Tigerente ist weltberühmt. Der 95-jährige Janosch lebt zurückgezogen auf Teneriffa. In Tübingen leben seine Zeichnungen jetzt neu auf.
Seine Tigerente ist weltberühmt. Der 95-jährige Janosch lebt zurückgezogen auf Teneriffa. In Tübingen leben seine Zeichnungen jetzt neu auf.
Manchmal liegt die Wahrheit in einem Wort. „Ist das Leben nicht unheimlich schön?“, fragt der Tiger eines Tages den Bären. Der antwortete so schlicht wie differenziert: Ja, das Leben sei „unheimlich und schön.“ Übertriebene Glückseligkeit und Kitsch waren noch nie Sache von Janosch. Wer genau hinhört bei den Figuren aus seinen Kinderbüchern, kann durchaus tiefsinnige Gedanken entdecken.
Damit wurde Janosch weltberühmt, viele Generationen sind mit seiner Tigerente großgeworden. Am 11. März ist er 95 Jahre alt geworden, was das Neue Kunstmuseum Tübingen (NKT) zum Anlass für eine Jubiläumsausstellung genommen hat. Und mancher wird sich beim Rundgang daran erinnern, dass er durch Janoschs Bär im Straßenverkehr gelernt hat, nicht bei Rot über die Straße zu gehen. Aber auch für Erwachsene hat er gezeichnet und gedichtet: „Im Bodensee, im Bodensee stand eine schöne Maid juchhe. Da kam ein Bär gegangen und hat sie eingefangen.“
150 Bücher hat Janosch im Laufe seines Lebens veröffentlicht, ihre Auflage liegt bei rund zwölf Millionen Exemplaren. Ein gigantischer Erfolg für einen, der nicht vom Glück gesegnet war. Heute lebt Janosch zurückgezogen auf Teneriffa, in früheren Interviews hat er aber offen von seiner harten Kindheit erzählt, vom ewig betrunkenen und prügelnden Vater und der ebenfalls gewalttätigen Mutter. Er litt auch unter dem strengen Katholizismus in seiner polnischen Heimat und dem Gefühl, permanent schuldig zu sein.
In der Tübinger Ausstellung kann man einen Stein aus Janoschs Geburtshaus in Zabrze bewundern wie eine Heiligenreliquie. Das Gebäude steht schon lange nicht mehr – und man wüsste gern, wie der Stein es ins NKT geschafft hat. Denn Janosch war stets mit leichtem Gepäck unterwegs – zunächst, als die Familie flüchten musste und in Oldenburg landete. Später lebte er am Ammersee und trank sich den Misserfolg schön. Eines Tages verbrannte er alles, was er besaß, und verließ Deutschland mit nichts als einer Tasche. So wenig wie nötig zu besitzen, war immer sein Lebensprinzip.
Die Tübinger Organisatoren haben sich Mühe gegeben und Janoschs früheres Atelier nachgebaut. Die Ausstellung will den erfolgreichen Autor feiern, verschweigt dabei aber sein Schicksal, das er so grandios meisterte. Nach Krieg, Flucht und einer abgebrochenen Schlosserlehre begann Janosch ein Studium an der Münchner Akademie. Diese, heißt es in der Tübinger Schau lapidar, „muss er verlassen“. Was nicht erwähnt wird, ihn aber schwer traf: Er musste wegen mangelnder Begabung wieder gehen.
Die Gemälde aus diesen frühen Jahren in der Ausstellung zeigen, wie stark er auf der Suche war und verschiedene Stile ausprobierte, figürlich und abstrakt, hier Collagen, dort fast kindliche Szenen. Man sieht, dass seine Vorbilder Klee und Miró waren. Nachdem es mit der Kunst nichts wurde, schrieb er Kinderbücher wie „Die Geschichte von Valek, dem Pferd“ (1960). Auch hier blieb der Erfolg aus, weshalb er eines Tages, einen „Racheakt“ plante: ein Kitschbuch mit einem Kuschelbär, der Freunde hat und eine Reise antritt. „Oh, wie schön ist Panama“ brachte von heute auf morgen den internationalen Durchbruch. Die Geschichte vom Bären, der sich aufmacht, das Glück zu suchen und es am Ende prompt zu Hause findet, machte Janosch zu einem gefragten Mann.
1979 wurde das Buch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Die Tigerente etablierte sich zum Kultobjekt, und seine Motive wurden nun auf Zahnbürsten und Sparbüchsen, Müslischalen und Kinderbrillen vermarktet. Offenbar schläft auch Janosch in Janosch-Bettwäsche geschlafen, zumindest ist das Bett in dem nachgebauten Atelier damit bezogen.
In vielen seiner Geschichten verhandelte Janosch das, was er als Kind nicht erfahren durfte: Vertrauen und Freundschaft. Deshalb wäre es interessant gewesen, ihn nicht nur als gefeierten Autor darzustellen, sondern seine Person plastisch werden zu lassen und inhaltlich tiefer in sein Werk einzutauchen. Seine Kindheit in Polen hat er in mehreren Büchern verarbeitet. Und die Gegenwelten seiner Kinderbücher sind auch gesellschaftliche Kommentare. Autoritäten werden infrage gestellt, kleine Glücksmomente als Rettungsanker benannt. Der Stil ist oft bewusst unperfekt, fast schnoddrig und die Sprache so einfach wie hintersinnig.
Bücher lassen sich ohnehin am besten lesend erleben. In dem Tübinger Privatmuseum reihen sich stattdessen Zeichnungen aneinander – und oft sind die Geschichten so gehängt, dass die Reihenfolge unklar ist und man sich das Schicksal der Bremer Stadtmusikanten selbst zusammenreimen muss. Besonders unbefriedigend ist die Präsentation der Wondrak-Kolumne im „ZEITmagazin“. Janosch beantwortete viele Jahre lang Lebensfragen der Leserschaft. Die Antworten gab er in Form von Illustrationen der Figur Wondrak, einem Mann mit Schnurrbart und Latzhose, begleitet von oft lakonischen oder anarchischen Texten. In Tübingen sind allerdings nur die Zeichnungen zu sehen – ohne den Zusammenhang, in dem sie stehen.
Oft geht es übrigens ums Essen in den 300 „Unikaten“ und den Auflagenobjekten, die im NKT zum Kauf stehen. Genussmomente spielten eine große Rolle in seinen Büchern, heißt es dazu. Auch hier wird kein Bogen geschlagen zu der Einsamkeit und den Entbehrungen, die Janosch so stark prägten. Stattdessen schippert man harmlos daher und verrät dem Publikum: „Besonders liebt er das selbstgekochte Essen seiner Frau Ines, das für ihn bis heute ein Stück Alltag, Ruhe und Glück bedeutet.“
Pseudonym
Geboren wurde Janosch als Horst Eckert. Den Künstlernamen erhielt er zufällig. Als er einen Termin bei einem Verleger hatte, erwartete der einen Janosch. Als sich Eckert vorstellte, meinte der Verleger nur, einerlei, er sei ab sofort Janosch.
Schau
„95 Jahre Janosch“. Neues Kunstmuseum Tübingen, Schaffhausenstraße 123, Tübingen. Bis 17. Mai. Geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr. Das NKT im Internet: www.n-k-t.de.