Türkei Feuermelder defekt, Personal überfordert
Die Ermittlungen zur Brandkatastrophe im türkischen Skiort Kartalkaya lassen in einen Abgrund von Fahrlässigkeiten blicken.
Die Ermittlungen zur Brandkatastrophe im türkischen Skiort Kartalkaya lassen in einen Abgrund von Fahrlässigkeiten blicken.
Den Abgeordneten kommen die Tränen, als eine Kinderstimme in einem Tagungsraum des türkischen Parlaments ertönt: „Mama, ich habe dich sehr lieb.“ Es ist die Stimme des 13-jährigen Doruk, der seiner Mutter diese letzte Nachricht schickte, als er bei der Brandkatastrophe in einem Skihotel im türkischen Kartalkaya im Januar von den Flammen umschlossen wurde.
Seine Mutter Duygu Can spielte dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu dem Brand jetzt die letzten Worte ihres Sohnes vor. „Mein Kind wusste, dass es sterben werde“, schluchzt Can und fleht die Abgeordneten an: „So etwas hätte nie geschehen dürfen.“
Wie sei es möglich, dass in einem von renommierten Reiseanbietern als „sicher und kinderfreundlich“ angepriesenen Hotel 36 Kinder verbrannten, fragt auch Hilmi Altin, der Frau und Tochter verlor. Bei dem Brand am 21. Januar starben insgesamt 78 Menschen, und das Ausmaß der Fahrlässigkeit tritt jetzt im Zuge der Ermittlungen zutage.
Der Expertenbericht für die Staatsanwaltschaft ist vernichtend. Nicht einmal die einfachsten und grundlegendsten Brandschutzvorkehrungen habe es in dem Hotel gegeben, stellten die Experten der Technischen Universität Istanbul in ihrem 189-seitigen Bericht an die Staatsanwaltschaft fest: Keine Sprinkler, zu wenige und defekte Feuermelder, mangelhafte Treppen, Aufzugschächte und Gasventile, zählen die Experten darin auf. Obendrein habe das Hotelpersonal keinerlei Brandschutz-Ausbildung gehabt; die Angestellten hätten die kritischen Minuten nach Ausbruch des Feuers vergeudet und die Hotelgäste ihrem Schicksal überlassen.
Das Feuer brach nach Feststellung der Experten um 3.17 Uhr im Hotelrestaurant im vierten Stock aus, und zwar an einer Grillplatte am Frühstücksbuffet, wo morgens Eier und Omeletts zubereitet wurden. Der Grill war trotz nächtlicher Stunde eingeschaltet und überhitzte sich, weil der Thermostat an der automatischen Abschaltfunktion defekt war. Das Personal in der Küche bemerkte den Rauch im Restaurant nicht sofort; um 3.24 Uhr griff der Brand auf einen Mülleimer über, um 3.26 Uhr Uhr schmolz die Leitung einer Gasflasche durch, und um 3.30 Uhr stand das Stockwerk in Flammen. Das Küchenpersonal war da bereits in Panik geflohen.
„Das Personal hat nicht einmal versucht, den Feuerlöscher aus der Küche zu holen“, sagte der Experte Servet Ibrahim Timur von der TU Istanbul vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss. „Sie wussten nicht einmal, wo der Feuerlöscher ist.“ Ähnlich unverantwortlich reagierten dem Bericht zufolge andere Hotelangestellte, als der Brand sich im Haus ausbreitete. In der Lobby öffneten Empfangsmitarbeiter die Hoteltüren, um den Rauch aus dem Raum zu lüften – und fachten den Brand damit weiter an. Statt Alarm zu schlagen und die Gäste zu wecken, ging der diensthabende Rezeptionist zum Telefonieren vor die Tür.
Öffentliche Empörung riefen Aufnahmen von Sicherheitskameras hervor, die im Zuge der Ermittlungen nun publik wurden. Sie zeigen ein Dutzend Hotelangestellte, die um 3.29 Uhr in die Hotelgarage laufen, um Autos herausfahren – während viele Gäste oben ahnungslos schlafen. Mit vereinten Kräften hätten die Angestellten das Garagentor aufgestemmt, heißt es im Expertenbericht; das offene Tor habe wie ein Kamin gewirkt und das Feuer im Hotel rasend schnell um sich greifen lassen. Innerhalb von Minuten füllte dichter Rauch alle oberen Stockwerke. Nach dem Brandausbruch an der Grillplatte hätte es eine „goldene Frist“ von zehn Minuten gegeben, in der das Hotel hätte evakuiert werden können, bilanzierten die Experten – wenn das Hotel und sein Personal die minimalen Anforderungen an die Brandschutz-Vorschriften erfüllt hätten.
Seit dem Brand sitzen der Hotelbesitzer und rund 20 weitere Tatverdächtige in Untersuchungshaft; die Anklage steht noch aus. Die türkischen Behörden lassen inzwischen landesweit Hotels auf Brandschutzvorkehrungen kontrollieren. Dabei wurde jetzt rund 1200 kleineren Hotels, Pensionen und Gästehäusern in der Provinz Antalya die Schließung angedroht, weil sie keine feuerfesten Türen haben – und sie wegen eines Lieferengpasses auch in absehbarer Zeit nicht beschaffen können. Betroffen seien Ferienbetriebe entlang der Mittelmeerküste von Kas im Westen bis Alanya im Osten und vor allem in der Altstadt von Antalya, sagte der Vorsitzende der Handelskammer von Antalya, Yusuf Hacisüleyman, der Zeitung „Hürriyet“. Die Kammer forderte Aufschub der Schließungen, bis die Türen wieder lieferbar werden, voraussichtlich zum Jahresende; erste Pensionen wurden aber schon versiegelt.