Tüv-Prüfer auf dem Frühlingsfest Wie sicher sind die Fahrgeschäfte auf dem Wasen, Herr Bernhard?

32 Meter über dem Cannstatter Wasen checkt Erwin Bernhard vom Tüv Süd, ob beim Fahrgeschäft „Infinity“ in puncto Sicherheit alles passt. Foto: LICHTGUT

Der Tüv-Prüfer Erwin Bernhard kümmert sich seit 28 Jahren bei den Fahrgeschäften auf dem Cannstatter Wasen um die Sicherheit. Ein Ortstermin beim Fahrgeschäft „Infinity“.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

32 Meter. So hoch muss Erwin Bernhard hinauf, um zu schauen, ob auch das letzte LED-Licht sicher angebracht ist am Fahrgeschäft „Infinity“ von Joep und Carlo Hoefnagels. Gut, dass der Prüfer vom Tüv Süd schwindelfrei und mit einem Klettergurt und Karabinern gesichert ist.

 

Der Diplomingenieur mit der eckigen Brille ist in seinem Blaumann gut als Tüv-Mitarbeiter zu erkennen. Aber die meisten Schausteller, die an diesem regnerisch grauen Nachmittag vier Tage vor der Frühlingsfesteröffnung auf dem Cannstatter Wasen ihre Fahrgeschäfte aufbauen, kennen Bernhard sowieso. Seit 28 Jahren prüft er am Wasen. Sein Handy klingelt oft an diesem Nachmittag, der Mann vom Tüv Süd ist gefragt.

20 „fliegende Bauten“, so heißt das in der Fachsprache, überprüft der Tüv Süd auf dem Cannstatter Wasen. Hohe Fahrgeschäfte wie Achterbahnen, Riesenräder oder Über-Kopf-Schaukeln wie Hoefnagels’ „Infinity“. So will es die Stadt Stuttgart, die diese Gebrauchsabnahme für die „fliegenden Bauten“ vorschreibt. Die Rechnung schickt der Tüv Süd an die in.Stuttgart, die das Frühlingsfest veranstaltet. Die Schausteller zahlen indirekt – mit ihrer Standgebühr. Bei den Buden und kleineren Fahrgeschäften schaut das Baurechtsamt selbst nach dem Rechten.

Vier Stunden brauchen die Tüv-Leute, um ein Fahrgeschäft wie „Infinity“ zu prüfen

Bis zu acht Sachverständige hat der Tüv Süd in der Woche vor dem Fassanstich auf dem Wasen im Einsatz. Bernhard und ein Kollege sind ungefähr vier Stunden beschäftigt, wenn sie ein Fahrgeschäft wie das „Infinity“ auf eventuelle Mängel abklopfen.

Ungefähr einen Tag, sagt Carlo Hoefnagels, braucht er mit zwei Männern, um das riesige Fahrgeschäft aufzubauen. Mit vier großen Lastwagen, darunter zwei Schwertransportern mit Begleitautos, sind die niederländischen Schausteller aus der Nähe von Eindhoven nach Stuttgart gekommen. 150 Tonnen Stahl werden so transportiert. Seit zehn Jahren sind die Hoefnagels’ mit ihren Fahrgeschäften auf dem Cannstatter Wasen zu Gast.

Erwin Bernhard (links) mit dem niederländischen Schausteller Carlo Hoefnagels. Foto: LICHTGUT/Philip Mallmann

Bevor es zur Sicht- und Funktionsprüfung geht, vertieft sich Erwin Bernhard erst einmal in dicke, blau eingebundene Bücher. In den Prüfbüchern finden sich Pläne und alle technischen Unterlagen der Anlage. Anschließend setzt der 61-Jährige den Bauhelm auf und schaut sich die Innereien des Fahrgeschäfts an: Wie ist der Zustand des Unterbaus? Funktioniert die Absenkung vorschriftsmäßig? Worauf der Maschinenbauingenieur genau achtet: „Ist alles ordentlich aufgebaut? Sind irgendwo Risse an den Schweißnähten, Beschädigungen oder Verformungen?“

Zwei Verriegelungen halten besser

Dann geht Bernhard weiter zu den Gondeln und nimmt die Sicherheitsbügel unter die Lupe. Bei Über-Kopf-Fahrgeschäften wie dem „Infinity“ gebe es zwei Verriegelungen, erklärt der Fachmann: eine hydraulische und eine mechanische. Der Gedanke dahinter: Sollte eine versagen, gibt es immer noch die zweite. Nur wenn beide Verriegelungen geschlossen sind, kann die Fahrt starten. „Sonst bekommt der Rekommandeur am Steuerknopf gar keine Freigabe.“ Der Tüv-Prüfer schaut nach, ob beide korrekt funktionieren. Schließlich ist „Infinity“ 125 km/h schnell, 5g Fliehkraft wirken auf den Körper.

April 2025: Auf einer Kirmes in Herne stürzt ein Teil einer Gondel auf einen Besucher und verletzt ihn. August 2025: Sechs Verletzte bei einem Unfall an einem Kettenkarussell in Bayreuth. Oder erst jetzt: Im Wiener Prater entgleist die „Zwergerlbahn“, fünf Fahrgäste werden verletzt – solche Meldungen lesen viele Menschen mit mulmigen Gefühlen.

Fahrgeschäfte auf deutschen Volksfesten, betont Erwin Bernhard allerdings, seien allgemein sehr sicher. Unfälle gebe es selten und sie hingen häufiger mit menschlichem als technischem Versagen zusammen: Leute strecken Arme oder Beine raus, steigen ein, bevor das Fahrgeschäft ganz zum Stehen gekommen ist, manchmal ist Alkohol im Spiel. „Auf dem Wasen ist es sicherer als im Straßenverkehr“, sagt der 61-Jährige. „Wenn Sie auf dem Frühlingsfest angekommen sind, haben Sie den gefährlichsten Teil hinter sich.“

Erwin Bernhard beim Aufstieg am Fahrgeschäft „Infinity“. Foto: LICHTGUT

Wie schwer lastet die Verantwortung, die Sorge, auch wirklich alles richtig gemacht zu haben? „Da wächst man rein“, sagt der erfahrene Prüfer. „In meiner Anfangszeit hat es durchaus schlaflose Nächte bereitet, aber im Laufe der Jahre wurde es besser.“ Erwin Bernhard checkt nicht nur Fahrgeschäfte auf dem Wasen, sondern auch auf der Münchner Wiesn oder in Freizeitparks wie dem Legoland oder dem Schwabenpark. Der Tüv Süd ist international unterwegs. Und für Schausteller wie Carlo Hoefnagels ist es „ein gutes und beruhigendes Gefühl“, wenn der Tüv sagt: Alles ok.

Schausteller beheben Mängel meist sehr schnell

Und wenn nicht alles ok ist? Wenn Erwin Bernhard einen Mangel festgestellt hat, bekommt der Schausteller die Gelegenheit, diesen zu beheben. „Die Schausteller sind gut vernetzt. Sie kommen meistens sehr schnell an Ersatzteile oder holen jemanden von einer Reparaturfirma dazu.“ Schließlich wollen sie vom ersten Wasentag an auch fahren. An jedem Tag, an dem eine Anlage steht, verliert ein Schausteller viel Geld. Ist die Schweißnaht neu gemacht oder das Ersatzteil eingebaut, kommt der Mann vom Tüv Süd noch einmal vorbei und schaut sich die Reparatur ein. Dass auf dem Cannstatter Wasen ein Fahrgeschäft wegen Mängeln mehrere Tage nicht das Go bekam, habe er zuletzt „vielleicht vor zehn, 15 Jahren erlebt“.

Erwin Bernhard ist nach seinem Ausflug zur Spitze des 32 Meter langen „Infinity“-Schwenkarms wieder am Boden und zieht den Klettergurt aus. Früher, erzählt der 61-Jährige, sei er alle Fahrgeschäfte, die er geprüft habe, danach auch noch gefahren. Dann fügt er mit einem leisen Lächeln hinzu: „Aber mit zunehmendem Alter lässt da der Enthusiasmus ein bisschen nach.“

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