Tim Mälzer: „Das Bedürfnis nach dieser Lagerfeueratmosphäre, die für mich der Esstisch ist, das wird bleiben.“ Foto: RTL +
Spitzenkoch Tim Mälzer blickt kritisch auf die Gastronomie. Er erklärt, warum die Branche falsch kalkuliert und welche Rolle Emotionen in Zeiten von KI spielen.
Tim Mälzer meldet sich mit der elften Staffel „Kitchen Impossible“ zurück. Im Interview spricht der Starkoch offen über Motivationslöcher, den Druck einer Kult-Show und die Rolle anderer Protagonisten. Er gewährt überraschende Einblicke hinter die Kulissen und teilt seine unverblümte Meinung zur Zukunft der Gastronomie. Ein Gespräch über Herausforderungen, Freundschaften und die wahre Essenz des Kochens.
Tim Mälzer, Sie hatten 2025 eine kamerafreie Zeit eingelegt, warum?
Ich wollte mir Zeiträume für die wichtigen Dinge des Lebens einräumen, für den privaten Bereich.
Waren Sie an einem Punkt, an dem sie nicht wussten, ob es mit „Kitchen Impossible“ nach zehn starken Jahren überhaupt weitergeht?
Das frage ich mich schon seit der ersten Staffel (lacht). Ich frage mich dann immer mal, ob es den Leuten nicht irgendwann reicht. Ich selbst habe natürlich hier und da auch mal ein Motivationsloch – immerhin lasse ich mich seit über 10 Jahren dabei filmen, wie ich Sachen nicht kann. Da bewege ich mich im Grunde ausschließlich außerhalb meiner Komfortzone. Und das kann ganz schön energieraubend sein. Aber sobald der Schmerz erstmal abgeklungen ist, habe ich wieder Lust darauf.
An diesem TV-Format hat man sich auch schon in anderen Ländern probiert, es hat aber vor allem in Deutschland hohe Einschaltquoten. Manche behaupten, das läge vor allem an Ihnen. Sehen Sie das auch so?
Absolut! (lacht) Nein, worauf es ankommt, ist im Grunde immer die David-gegen Goliath-Situation: Dass ein vielleicht nicht ganz so fitter, dafür aber mit dem Regelwerk sehr vertrauter Koch gegen einen krass guten Gegner antritt. Und nicht in jedem Land gibt es einen Vertreter wie mich, der vielleicht nicht unbedingt der beste Koch seines Landes ist, dennoch aber eine gewisse Relevanz und Ernsthaftigkeit in dem Metier hat und noch dazu den Wettbewerbscharakter mitbringt.
In der neuen Staffel übernimmt Roland Trettl ein paar Folgen. Warum das?
Wieso nicht? Ich habe ja, wie gesagt, eine kamerafreie Zeit genutzt. Darunter sollte der Produktionsablauf aber nicht leiden. Und da Roland vor Jahren schon einmal der Host war, durchaus auch mit einer fachlichen Kompetenz ausgestattet ist und noch dazu gut ankommt beim Publikum, ist die Wahl schnell auf ihn gefallen. Noch dazu sieht er unfassbar gut aus!
Ich gewinne gegen niemanden leichter als gegen ihn (lacht). Spaß beiseite. Uns verbindet schon seit Jahren eine Freundschaft. Wir haben einen ähnlichen Blick auf die Welt, einen speziellen Humor – wir können beide gut über uns selber schmunzeln. Und wir sind beide jeweils auf unserem eigenen Gebiet ein Experte.
Was schätzen Sie an ihm?
Seine Offenheit, seine Beweglichkeit, seine Toleranz. Aber nicht seinen Modegeschmack. (lacht)
In der neuen Staffel gibt es Begegnungen, die sehr persönlich sind. Sie kommen etwa ins Hamburger Restaurant Haerlin zu Christoph Rüffer, seit 2025 mit drei Sternen ausgezeichnet. Wie groß ist eine solche Herausforderung für Sie?
Lustigerweise bin ich der Meinung, dass ich insbesondere die sehr gehobene Küche besonders gut nachempfinden kann. Das liegt daran, dass ich sie mir analytisch erklären kann. Es ist eher eine kontrollierte als eine emotionale Küche. Man kann ganz viele Dinge an der Herangehensweise und der Herstellung erklären. Das nötige Handwerk dazu beherrsche ich ja nun mal als Koch.
Mit Anton Schmaus und Matthias Diether, dem höchstdekorierten Koch Estlands, reisen Sie nach Schottland. Was gibt es dort noch außer Haggis und frittierten Snickers?
Leider werden Länder oft auf zwei, drei banale Gerichte reduziert. Selten wird sich die Mühe gemacht, mal intensiver hinzuschauen. Japan ist weitaus mehr als Sushi, Italien ist weitaus mehr als Nudeln und Pizza, Deutschland ist mehr als Bratwurst und Schweinsbraten. Und so ist Schottland auch weitaus mehr als Haggis. Weitere Gerichte kann man dann ja in der Sendung sehen. (schmunzelt)
Was war persönlich Ihr eindrucksvollstes kulinarisches Erlebnis in jüngster Zeit?
Mein Gastkochen im Hangar-7 und die Zusammenarbeit mit Martin Klein vor Ort. Der respektvolle Umgang miteinander und das Kreieren von Gerichten auf einem Niveau, das mir alleine so wahrscheinlich nicht gelungen wäre – ihm aber wahrscheinlich aufgrund der Emotionalität dahinter auch nicht. Wir haben handwerkliche Perfektion mit unfassbar guten Produkten und einer gewissen Emotionalität zusammengeführt. Eine Dame musste sogar ein wenig weinen bei meinem Hühnerfrikassee – vor Freude.
Es gibt auch eine Folge, in der ausschließlich Frauen antreten, nämlich Viki Fuchs, Elif Oskan und Cornelia Poletto. Liegt es am rauen Ton, dass es so wenig Frauen in der Branche gibt?
Also zunächst mal ist es kein Frauen-Special, sondern ein Triell, ein Dreier-Special. Genauso wenig sprechen wir von einem Männer-Special, wenn nur Köche teilnehmen. Wir sollten inzwischen doch nicht mehr als Männer die Welt der Frauen erklären, sondern in diesem Fall lieber Frauen direkt fragen, warum sie nicht in der Gastronomie im Küchenbetrieb sind. Und wenn sie der Meinung sind, und das stelle ich nicht infrage, dass es das Patriarchat verhindert, dann muss man mehr Wege und Möglichkeiten für Frauen finden, diesem fantastischen Beruf nachzugehen.
Müssen Sie bei „Kitchen Impossible“ eigentlich immer gewinnen?
Nein, gar nicht. Ich verliere nur nicht gerne. Ich gebe mir nicht Mühe, um zu gewinnen. Aber ich tue alles dafür, nicht zu verlieren.
Sie haben ein sehr gutes Gespür für Menschen und sind einer, der dem Volk aufs Maul schaut. Wie sehen Sie die Zukunft der Gastronomie?
Ich kann nur über Menschen reden, die nicht von morgens bis abends von KI großgezogen wurden. Ich trage da eine gewisse Romantik in mir. Und ich glaube, dass es auch noch lange braucht, bis diese Sehnsucht nach einem gewissen Feuerplatz, wie ich es nenne, erloschen sein wird. Kontakt in physischer, psychischer und emotionaler Weise ist ein Urbedürfnis des Menschen – das benötigen wir genauso dringend wie die Luft zum Atmen. Ohne das werden wir keine gesunden Menschen mehr sein. Daher gehe ich davon aus, dass wir auch in fünf Generationen noch von Gastronomie sprechen – auch wenn sich diese an sich verändern wird. Klassische Rollenbilder verändern sich, aber das Bedürfnis nach dieser Lagerfeueratmosphäre, die für mich der Esstisch ist, das wird bleiben.
Braucht die Gastronomie noch mehr Hilfen als die Mehrwertsteuersenkung?
Gastronomie ist ein Wirtschaftsbereich wie andere auch. Nur wurden in der Vergangenheit Fehler gemacht, die dazu geführt haben, dass wir aktuell vor besonderen Herausforderungen stehen. Wir haben es nie geschafft, unser Produkt für den richtigen Preis an die Kunden zu bringen, den wir eigentlich nehmen müssten. Es gibt einfach bestimmte Bereiche, die es immer komplexer, immer komplizierter und aufwendiger machen und damit am Ende auch teurer. Mit steigenden Energiekosten muss sich ja jeder auseinandersetzen. Der Kuchen, von dem immer mehr abgetragen wird, wird nur immer kleiner. In der Gastronomie bedeutet das vor allem für das mittelpreisige bis leicht hochpreisige Segment große Herausforderungen. Eine Elite, die sich sehr viel leisten kann, wird es immer geben. Genauso wie es immer auch preiswertes Essen und ein Bedürfnis danach geben wird. Und in unserer Branche werden halt auch alle Gastronomieformen über einen Kamm geschoren: vom Imbiss bis zum Sternerestaurant, über das Sternehotel zur Betriebskantine bis hin zum Krankenhaus. Das funktioniert in anderen Branchen auch nicht so. Grundlegend habe ich aber das Gefühl, dass sich Gastronomie gerade neu sortiert und orientiert und es sehr viel mehr Verbesserung gibt. Für dieses Thema allein bräuchte es aber ein weiteres Interview.
Kitchen Impossible
Neue Folgen „Kitchen Impossible“, Ab Sonntag, 12. April 2026 um 20.15 Uhr startet „Kitchen Impossible“ mit acht neuen Folgen bei VOX.
Die Duelle und Reiseziele der 11. Staffel 12.04. Tim Mälzer vs. Salt & Silver – Tim Mälzer: Marrakesch (Marokko), Vila Alva (Portugal), Jo & Cozy von Salt & Silver: Le Tampon (La Réuinon), Ericeira (Portugal)
19.04. Roland Trettl vs. Martin Klein Roland – Trettl: Amsterdam (Niederlande), Tórshavn (Färöer-Inseln), Martin Klein: Köln (Deutschland), Helsinki (Finnland)
26.04. Tim Mälzer vs. Alexander Herrmann – Tim Mälzer: Hamburg (Deutschland), Alcúdia (Mallorca), Alexander Herrmann: Rödental (Deutschland), Santa Teresa Gallura (Sardinien)
03.05. Roland Trettl vs. Lukas Mraz Roland – Trettl: Berlin (Deutschland), Bratislava (Slowakei), Lukas Mraz: Karlstad (Schweden), Brasov (Rumänien)
17.05. Tim Mälzer vs. Die Rachingers – Tim Mälzer: Arles (Frankreich), Steinbach am Attersee (Österreich), Philip & Helmut Rachinger: Građani (Montenegro), Bangkok (Thailand)
24.05. Roland Trettl vs. Hans Neuner – Roland Trettl: Frisange (Luxemburg), Tsaghkunk (Armenien), Hans Neuner: Lazise am Gardasee (Italien), Ehrenhausen (Österreich)
07.06. Best-Friends-Edition – Tim Mälzer & Matthias Diether: Edinburgh (Schottland), Tim Mälzer & Anton Schmaus: Kirriemuir (Schottland), Anton Schmaus & Matthias Diether: Pitlochry (Schottland)