TV-Serie „Where’s Wanda?“ Frau Makatsch, Frau Drinda, wie halten Sie’s mit Ihren Nachbarn?

Heike Makatsch (links) und Lea Drinda in der Serie „Where’s Wanda?“ Foto:  

Heike Makatsch und Lea Drinda spielen in „Where’s Wanda“ (Apple TV+) Mutter und Tochter. Anders als die Klatts in der Serie vertrauen sie ihren Nachbarn blind und halten nichts von Überwachung.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

In der Serie „Where’s Wanda?“ (Apple TV+) spielt Lea Drinda ein 17-jähriges Mädchen, das plötzlich verschwindet, und Heike Makatsch ihre Mutter, die zu verzweifelten Maßnahmen greift, um ihre Tochter wiederzufinden. Wir haben die beiden Schauspielerinnen in Berlin zum Interview getroffen.

 

Frau Makatsch, Frau Drinda, ich habe gerade gesehen, wie Sie sich auf dem Flur begrüßt haben. Es sah so aus, als ob Sie sich lange nicht mehr gesehen hätten.

Lea Drinda Echt, dabei haben wir uns gestern erst getroffen!

Heike Makatsch Genau. Okay, aber davor hatten wir uns schon ziemlich lange nicht gesehen. Ich habe mich schon gefragt: Wo ist Wanda, äh, Lea? (lacht)

Eine andere Frage, die die Serie „Where’s Wanda?“ auch stellt, ist: Wer oder was ist der Nuppelwokken?

Makatsch Ah, der Nuppelwokken! Der ist eine Legendenfigur aus dem Ort Sundersheim, in dem die Klatts wohnen. Der Sage nach treibt das haarige Ungetüm in der Gegend sein Unwesen, kommt immer an einem bestimmten Tag im Jahr aus dem Wald, um die schönste Jungfrau des Ortes zu stehlen. Und genau an diesem Tag verschwindet Wanda. Eine Theorie ist dann natürlich, dass das der Nuppelwokken gewesen sein könnte.

Die Klatts verdächtigen stattdessen ihre Nachbarn und beginnen, diese mit allerlei Hightech-Kram zu überwachen. Haben Sie selbst ein besseres Verhältnis zu Ihren Nachbarn als die Klatts?

Drinda Wesentlich besser! Bei mir zu Hause habe ich eine wahnsinnig gute Beziehung zu meinen Nachbarn. Ich finde, es ist etwas Wertvolles, Leute um sich zu haben, die zwar nicht Familie sind, mit denen man aber trotzdem eine gute Verbindung hat und sich respektvoll gegenübertritt. Und wenn man mal Kuchen backen will, keinen Zucker oder kein Salz hat, kann man rübergehen und klopfen. Also in meiner Welt sind Nachbarn liebe Menschen.

Makatsch Ja, in meiner auch. Ich wohne schon seit zwölf Jahren in der kleinen Remise. Ich schaue da auf einen Garten und gegenüber ist das Vorderhaus, und die Leute, die da wohnen, wohnen auch alle schon seit zwölf Jahren dort. Wir teilen uns also seit zwölf Jahren den Garten und den Blick auf den jeweils anderen. Und Gott sei Dank verstehen wir uns alle sehr gut und feiern auch Konfirmationen, Geburtstage oder Jubiläen im Garten miteinander.

Sie fanden Ihre Nachbarn noch nie irgendwie verdächtig?

Drinda Nein, ich vertraue meinen Nachbarn blind. Die haben auch einen Schlüssel von mir. Wenn ich mal meine Katzen nicht füttern kann, dann dürfen die bei mir rein und eine Schüssel hinstellen.

Makatsch Ich habe da auch keinerlei Verdacht. Wir wissen aber ja auch sowieso immer, was bei den anderen los ist, oder wenn es mal Konflikte gibt in den Familien: Wir müssen nur aus dem Fenster gucken. Wir brauchen gar keine Überwachungskameras.

Die Klatts glauben, Sie können durch Überwachung ihr Problem lösen. Damit scheinen sie nicht allein zu sein. In unserer Gesellschaft gibt es viele, die denken, durch Überwachung kann man das Leben sicherer machen.

Drinda Bei den Klatts verstehe ich diesen Impuls irgendwie. Sie fühlen sich verlassen und kommen nicht weiter. Wenn einem die Polizei nicht hilft, kann man schon mal auf so eine Idee kommen. Aber grundsätzlich bin ich kein Fan von der Idee, in einem überwachten System zu leben – auch wenn wir das auf eine gewisse Art und Weise schon tun. Mich überwachen zu lassen, damit ich mich sicherer fühle, finde ich ein schwieriges Konzept.

Makatsch Ja, weil dann das Gefühl für Sicherheit dadurch erkauft wird, dass man ein Klima des Misstrauens schafft und auch die gesamte Bevölkerung oder Bevölkerungsgruppen unter einen Generalverdacht stellt. Ich glaube, dass das für das Gesamtklima einer Gesellschaft negativ ist, und die Überwachung am Ende vielleicht sogar Gefahren schafft. Dadurch, dass so ein Klima des Überwachens, der Sanktionierung und der Ausgrenzung entsteht.

Wie Sie gerade gesagt haben, handeln die Klatts aber aus einem Impuls der Verzweiflung heraus: Ihre Tochter ist spurlos verschwunden. Glauben Sie, Sie würden in einer ähnlichen Situation auch über die Grenzen des Erlaubten hinausgehen?

Makatsch Ich gehe davon aus, dass ich mich ähnlich verhalten würde in so einer Extremsituation. Ich würde mich nicht mehr an irgendwelche Regeln halten, wenn ich mein Kind verloren hätte und davon ausgehen würde, dass ich nur so mein Kind wiederfinden kann.

Drinda Ich habe zwar nicht die Erfahrung einer Mutter, ich weiß nicht, was es heißt, ein Kind so sehr zu lieben, dass man sich selbst derartig aufgeben würde, um für dieses Kind zu kämpfen. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass man da weit über alle Grenzen gehen würde.

„Where’s Wanda“ ist aber trotz des schweren Themas eine Komödie.

Makatsch Es ist ein feiner Grat, den man da bewältigen muss. Das gilt zunächst einmal für den Autor. Da hatten wir das Glück, dass wir einen begnadeten britischen Autor hatten, der die Vorlagen geschrieben hat. Und ich denke, solange die Figuren nie verraten werden in ihrer Not und in ihrem Drama, kann man einiges erzählen an absurden Situationen. Ich denke Komödien sind dann am berührendsten, wenn sie einen dramatischen Unterbau haben, wenn es wirklich um was geht, wenn es einen ernsten Hintergrund gibt. Deswegen finde ich, dass das hier gut funktioniert. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir als Schauspieler jemals eine Szene ohne Wanda im Herzen gespielt haben.

Von „Twin Peaks“ bis „Dark“: In TV-Serien tun sich immer wieder gerade in Kleinstädten Abgründe auf. Das gilt auch für Sundersheim in „Where‘s Wanda?“. Ist die Provinz nicht so harmlos, wie sie oft tut?

Drinda Ich habe zwölf Jahre auf dem Land gelebt. Wenn man durch die Dörfer fährt, durch hügelige Landschaften und die Kühe und Schafe auf den Weiden sieht, denkt man, da ist alles still und idyllisch. Aber in Wirklichkeit geht es da teilweise mehr ab als in der Stadt (lacht). Na ja, das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber es ist da jedenfalls nicht so harmlos und friedvoll, wie es scheint.

Makatsch Auf dem Land ist die soziale Kontrolle stärker. Das bedeutet, man kann sich nur hinter verschlossenen Türen austoben. Das ist wahrscheinlich so wie in einem Dampfdrucktopf zu leben, in dem es mehr und mehr brodelt, weil nach außen hin weiterhin ordentlich die Hecke geschnitten werden muss. Vielleicht habe ich da Vorurteile, aber ich denke, dass gerade in den Kleinstädten hinter der Fassade viel versteckt, viel unterdrückt wird.

Drinda In der Stadt hat man den Vorteil, dass es viele Möglichkeiten gibt, sich auszuleben. Auf dem Land herrscht dagegen vielleicht leichter ein Gefühl der Enge.

Makatsch Und dann fangen Leute an, seltsame Dinge in ihrem Keller zu tun.

Heike Makatsch, Lea Drinda und „Where’s Wanda?“

Schauspielerinnen
Beim TV-Sender Viva begann die Karriere von Heike Makatsch (53) zunächst als Moderatorin. Sie hat inzwischen in vielen Filmen Hauptrollen gespielt und war bis vor einem Jahr auch „Tatort“-Kommissarin. Lea Drinda (23) hatte ihre ersten Rollen mit 16 und fiel besonders in den Serien „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Becoming Charlie“ auf.

Serie
 „Where’s Wanda?“ ist die erste deutsche Serien-Eigenproduktion des Streamingdiensts Apple TV+. In der Serie, die Comedy und Drama vermengt, sind ind weiteren Rollen Axel Stein, Devid Striesow oder Joachim Król zu sehen. Die Serie ist weltweit seit Mittwoch, 2. Oktober, abrufbar. 

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