Grün dominiert in Zell am Ziller. Nicht nur wegen der saftigen Wiesen rund um die Gemeinde im Herzen des Zillertals, sondern auch wegen der rund 300 Fans von Werder Bremen, die das Trainingslager des Fußball-Bundesligisten im Posthotel mit einem Urlaub verbinden. Da geht es beim TVB Stuttgart im nur 450 Meter entfernten Hotel Theresa weitaus beschaulicher zu.
Der neue Trainer Misha Kaufmann sitzt entspannt auf der Terrasse, blickt auf die Berge und fühlt sich fast wie zu Hause in seiner Schweizer Heimat. Der Stress der vergangenen Saison ist Geschichte: Kaufmanns wochen-, ja monatelanger Zoff mit dem ThSV Eisenach um seinen Abschied, der Last-Second-Klassenverbleib seines jetzigen Arbeitgebers am letzten Spieltag der Handball-Bundesliga – alles abgehakt, vergessen, vorbei. Der Blick geht nach vorne.
Wobei für Kaufmann immer klar war, dass er unabhängig von der Ligazugehörigkeit nach Stuttgart kommt. „Ich habe mich für den Verein entschieden, nicht für die Spielklasse. Hier sind die richtigen Charaktere am richtigen Ort. Wir haben die gleichen Interessen, die gleiche Motivation, die gleichen Visionen“, betont der 41-Jährige.
Team peilt Top Ten an
Wie diese Visionen aussehen? „Ich weiß, für was ich jeden Tag aufstehen will“, sagt er etwas ausweichend. Immer wieder fällt das Wort „Entwicklung“. Dass er sich mit dem TVB Schritt für Schritt Richtung Spitze vorarbeiten will, steht außer Frage. Aus der Mannschaft kommt für die neue Saison die Zielsetzung „Top Ten“. Eine forsche Vorgabe mit Blick auf die vergangene Runde, die um ein Haar den Absturz in Liga zwei gebracht hätte.
Kaufmann gefallen solch mutige Aussagen.
Als er im Oktober 2021 seine erste Station in Deutschland antrat, fragte er die Spieler des ThSV Eisenach: „Wohin wollt ihr?“ Die standen seinerzeit mit 2:10 Punkten in der zweiten Liga auf dem vorletzten Platz und antworteten: „Ein Platz zwischen neun und 13 am Ende wäre ganz schön.“ Kaufmann bestätigt im Zillertal, was er daraufhin dem Team entgegnete: „Für eine solche Platzierung werde ich nicht meine Zeit investieren. Dafür gebe ich nicht so viele Opfer, wie dass ich meine Familie, meine Töchter nicht sehe.“
Sein Motto heißt vielmehr: Arbeiten, für Platz eins, arbeiten, um das Bestmögliche zu erreichen. Damals fehlten am Ende der Spielzeit 2021/22 zwei Punkte zum Bundesliga-Aufstieg. Den machte Kaufmann mit den Thüringern dann ein Jahr später klar. Noch viel höher zu bewerten: Es folgte mit bescheidenen Mitteln zweimal hintereinander der Klassenverbleib (Platz 14 und Platz elf).
Ohne zu viel Vorschusslorbeeren zu verteilen: Die Branche ist sich einig, dass das ohne die Person Misha Kaufmann nicht realisierbar gewesen wäre. Emotionen und Leidenschaft lebt er vor. Seine Kreativität kennt keine Grenzen. Seine unorthodoxe Spielweise haben andere Teams inzwischen versucht zu kopieren: Hinten die extrem offensive, aggressive Abwehr, vorne das Agieren mit vier Rückraumspielern – diese speziellen Stilmittel kommen in der Liga immer häufiger vor. Kaufmann beunruhigt das nicht, weil er gedanklich schon einen Schritt weiter ist und flexibel auf Situationen reagiert: „Andere sind noch nicht so weit, daraus können wir uns genügend Vorteile erarbeiten und andere Lösungsansätze finden.“
35 Spielzüge für die Abwehr
Er hat nicht nur für den Angriff zig Varianten, auch für die Abwehr hat er um die 35 (!) Spielzüge in seinem Repertoire. Spielmacher Simone Mengon, Italiens Handballer des Jahres 2024, und Linksaußen Ivan Snajder kennen die meisten davon. Das Duo hat Kaufmann aus Eisenach mitgebracht. Alle anderen müssen die Ideen des Systemtrainers beim TVB noch verinnerlichen. Dabei befindet er sich offenbar auf einem guten Weg.
Routinier Kai Häfner äußert sich jedenfalls schon nach wenigen Tagen in einer Mischung aus Wertschätzung, Hochachtung und Faszination über den neuen Coach: „Alles ist bisher sehr beeindruckend, sehr inspirierend. Alles hat Hand und Fuß.“ Durch die neuen Impulse geht der Linkshänder sogar so weit, dass er sich auch mit seinen 36 Jahren und über 150 Länderspielen noch nicht am Ende der Entwicklung sieht. „Ich freue mich auf den neuen Input, sauge die neuen Dinge auf. Die Art und Weise, wie alles vermittelt wird, ist gewinnbringend und wirkt geradezu ansteckend.“ Die Folge: Häfner hat „mega Bock auf die neue Saison“, die am 31. August (16.30 Uhr) mit dem Heimspiel in der Porsche-Arena gegen den HSV Hamburg beginnt.
Misha Kaufmann geht das nicht anders. Damit er die Mannschaft erfolgreich weiterentwickelt, bringt er Opfer: Seine Frau Dragica sowie die Töchter Kristina (12) und Anastasia (7) leben weiter in Arch zwischen Aarau und Bern. Er selbst hat eine schöne Wohnung in Kernen gefunden. Dort wird er jeden Tag aufstehen, um den TVB Schritt für Schritt nach oben zu bringen.
100 Jahre TVB
Jubiläum
der TVB Stuttgart hat in diesem Jahr ein besonderes Jubiläum: 100 Jahre Handball in Bittenfeld. Gefeiert wird das Vereinsjubiläum im Rahmen des traditionellen Most- und Rettichfests, das vom 25. bis 28. Juli 2025 auf dem Vereinsgelände des TVB in Bittenfeld stattfindet.
Höhepunkt
in sportliches Highlight des Jubiläumswochenendes steht am Samstag, den 26. Juli, ab 18:30 Uhr auf dem Programm: Auf dem Rasenplatz in Bittenfeld wird ein traditionelles Großfeldhandballspiel ausgetragen. Dabei trifft eine Auswahl ehemaliger TVB-Größen, unter anderem mit Jens Bechtloff, Manuel Späth, Michael Spatz, auf eine Mannschaft aus Spielern der aktuellen aktiven 2. und 3. Mannschaft des TV Bittenfeld. (jüf)