Ukraine-Krieg In der unterirdischen Schule von Charkiw

Anna tanzt in der U-Bahnstation, die den Kindern als Klassenzimmer dient. Foto: Till Mayer

Die ostukrainische Stadt steht erneut unter heftigen Beschuss der russischen Armee. Gleitbomben, Raketen und Drohnen zerstören Wohnhäuser und fordern zahlreiche Tote und Verletzte. Die Kinder müssen zum Lernen in den Untergrund.

Der Hamster macht mächtig Tempo. Das Zeichentrick-Tier springt in die Luft, rudert mit den Armen, wackelt heftig mit den Hüften. Anna macht es ihm nach. Ihre Augen strahlen. Der Hamster tanzt in der Pause über den Flachbildschirm. Wer nicht mitmachen will, kann es sich in der Spielecke gemütlich machen oder einfach am Platz sitzen bleiben.

 

Anna ist ein Wirbelwind und braucht Bewegung. Ihr Haare sind zum Pferdeschwanz gebunden. Das Mädchen trägt wie viele der Kinder im Raum eine Wyschywanka als Bluse. Zur bestickten Nationaltracht der Ukraine hat sie eine blaue Jeans an. Patriotismus zeigen in Kriegszeiten schon die Kinder. Die Landesfarben Blau-Gelb findet man daher oft im Klassenzimmer. Motive, die für die Ukraine stehen. Leuchtende Sonnenblumen vor blauem Himmel zum Beispiel.

Die Schule liegt tief unter der Erde in einer U-Bahnstation mit sieben Klassenzimmern, einem Versammlungsraum sowie einem Behandlungszimmer für eine Psychologin und zwei Krankenschwestern. Der Hamster auf dem Bildschirm tanzt gerade in einem Bunker.

Gebannt blickt man in der Ukraine auch auf die US-Präsidentschaftswahl

„Ich finde es schön hier“, sagt die Siebenjährige. Jedes Klassenzimmer ist für 30 Kinder ausgelegt. In ganz Charkiw wird nicht mehr oberirdisch unterrichtet. Zu viele Angriffe aus der Luft hat es schon seit Beginn der Invasion gegeben. Sie kommen aus Russland, das keine 40 Kilometer Luftlinie entfernt liegt. Dort starten ungestört die Düsenjäger, klinken ihre Gleitbomben aus, die Tod und Zerstörung in Charkiw anrichten, bereits große Teile der Energie-Infrastruktur zerstört haben. Raketen-Systeme wie Taurus könnten die Abflugbasen zerstören. Das hätte Folgen, denn die Reichweite von Gleitbomben sind begrenzt. Keine Gleitbomben mehr, das würde viel für die Sicherheit der Menschen von Charkiw bringen. Doch auf Angriffe mit westlichen Raketen auf die Abschussbasen in Russland hoffen alle in der Großstadt vergebens. Das untersagen die Partner aus dem Westen für die gelieferten Waffensysteme. Oder sie liefern sie erst gar nicht, wie Deutschland mit seinem Taurus-System. Gebannt blickt man in der Ukraine auch auf die US-Präsidentschaftswahl. Von deren Ergebnis hängt ab, ob die USA das Kriegsland weiter unterstützen oder nicht.

Gleitbomben können von den Maschinengewehren und Flakgeschützen der Flugabwehr praktisch nicht getroffen werden: Sie sind zu schnell. Durch die Nähe zu Russland ist auch die Vorwarnzeit für Raketen und Drohnen kurz. Deswegen findet der Unterricht in Charkiw online oder unterirdisch statt. Weil es nicht genügend sichere Bunker-Klassenzimmer gibt, kann Anna nur zwei- bis dreimal in der Woche ins unterirdische Klassenzimmer. Dabei entstanden bereits sechs Schulen in Metro-Stationen, alte Bunkeranlagen aus Stalins Zeiten wurden umgebaut.

Unterstützung kommt auch aus Deutschland. Darauf weist eine Sprecherin der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) hin: „In Charkiw hat die GIZ das städtische Gymnasium mit Möbeln und digitalen Lernmitteln wie Computer ausgestattet. 1000 Kinder profitieren davon seit dem Schulstart im September 2024. Bis Dezember 2024 erhalten in Charkiw vier weitere Schulen Mobiliar und Computer sowie -zubehör.“ Die Kosten für diese fünf Schulen in Charkiw kalkuliert die GIZ auf knapp 80.000 Euro.

Die Wände sind blau wie das Meer gestrichen

Annas Klassenzimmer ist langgezogen, die Räume ziehen sich wie ein Schlauch. Eine Wand mit viel Glas trennt sie vom Gang. Ein mächtiges Lüftungssystem sorgt in silbernen Rohren für saubere Luft. Über dem Eingangsbereich wölbt sich ein monumentales Fresko aus Sowjetzeiten. Helden der Arbeit forschen und arbeiten dort in Keramik gebrannt und weiß glasiert. Ein Seitengang führ zu den Toiletten und Waschräumen. Die Wände dort sind blau wie das Meer gestrichen, bunte Fische sind aufgemalt. Für Anna ist es ein wenig, wie durch ein Aquarium zu gehen, sagt sie. Anna liest am liebsten alte Märchen. Sie will einmal Bibliothekarin werden. Ihre Lehrerin Olena lächelt. Die Pädagogin mit den kurzen dunkelblonden Haaren und der bunt bestickten schwarzen Bluse ist stolz auf die Kinder, die sie unterrichtet. Sie werden mit dem Bus aus dem Stadtviertel Saltiwka gebracht. Saltiwka liegt im Norden der Millionenstadt. Es ist das Stadtviertel mit der schlimmsten Zerstörung.

Zu Beginn der Invasion beschossen es die russischen Truppen mit Artillerie und Raketen. Kaum ein Haus, das nicht beschädigt wurde. Nicht wenige wurden zu unbewohnbaren Ruinen. Verrußte Fensterhöhlen, eingestürzte Fassaden. Die 57-Jährige unterrichtet an der Schule von Saltiwka seit dem Ende ihres Studiums. Das war vor 36 Jahren. Saltiwka mit seinen mächtigen Wohnburgen aus grauem Beton ist kein besonders romantischer Ort. Die Pädagogin liebt ihr Viertel trotzdem.

„Für die Kinder ist das nicht leicht. Die Sirenen, die Angst“

Ihre Schule in Saltiwka ist aus weißen Ziegeln gemauert. Die meisten Fenster sind mit Sperrholzplatten vernagelt. Die Fenster dahinter barsten durch die Druckwellen zweier Raketen-Einschläge im nahen Umfeld. „Es ist gut, dass wir hier in Sicherheit die Kinder unterrichten können“, sagt die Lehrerin.

Als am 24. Februar 2022 die großangelegte Invasion Russlands auf die Ukraine begann, verwandelte sich das grenznahe Charkiw umgehend in eine umkämpfte Frontstadt. Die russischen Truppen rückten bis zur Umgehungsautobahn der Stadt vor. Beschossen mit Artillerie die Metropole. Die lag in Reichweite selbst von Mörsergranaten. Rund 80 Prozent der Bevölkerung verließ die Stadt in diesen Wochen und Monaten. Olena blieb. Neben ihrem Haus schlugen Granaten ein. Auch jetzt gehören Angriffe aus der Luft zum Alltag in Charkiw. „Für die Kinder ist das nicht leicht. Die Sirenen, die Angst“, flüstert die Lehrerin. Darum sei es gut, wenn Anna und die anderen Kinder mit dem Hamster tanzen können.

Etwa 30 Kilometer Luftlinie entfernt krachen in aller Regelmäßigkeit die Schüsse der ukrainischen Artillerie. Dumpf klingen die Einschläge des hereinkommenden russischen Beschusses. Sergej dient hier an einem Maschinengewehr, um russische Drohnen vom Himmel zu holen, wenn sie der Stellung zu nahe kommen. Gerade macht es einen mächtigen Schlag. Die Panzerhaubitze seiner Stellung feuert in Richtung Wowtschansk auf die dortigen russischen Stellungen. Von der Stadt stehen nur noch die Gerippe von Häusern. Es ist ein gespenstisches Trümmerfeld. Drohnenbilder zeigen ein Ausmaß an Zerstörung, die an Dresden nach der Bombardierung 1945 erinnert. Die Dörfer darum herum sind weitgehend verlassen, die Gebäude oft schwer beschädigt.

„Was sind das für Menschen, die Kinder zwingen, unter der Erde zu lernen?

Den Krieg kann man von Sergejs Gesicht ablesen. Schwere Augenringe erzählen von Nächten mit wenig Schlaf. Der 50-Jährige redet nicht viel. 2021 habe er als Bauarbeiter in Moskau gearbeitet, berichtet Sergej. „Ich habe dort Häuser aufgebaut. Jetzt zerstören die Russen unsere Städte und Dörfer.“ Man hört die Wut in seiner Stimme.

„Was sind das für Menschen, die unsere Kinder zwingen, unter der Erde zu lernen? Und sie schämen sich nicht dafür.“ Der Soldat schüttelt den Kopf. Er verteidige hier die Sicherheit von Kindern wie Anna. „Ohne Freiheit in einer Diktatur aufzuwachsen. Das darf unseren ukrainischen Kinder nicht geschehen.“ Dafür riskiert er jeden Tag sein Leben. Schon allein die Gefahr, die durch die Kamikaze-Drohnen droht, ist groß. Tag für Tag schwirren sie über den Köpfen der Soldaten. Sergej hat sie schon oft gehört. Seine Kameraden und er müssen dann stets unter den Bäumen bleiben. Unsichtbar für die digitalen Augen, die vom Himmel herab versuchen, Stellungen der Ukrainer aufzuspüren.

Wie lange die Offensive der Russen hier noch aufgehalten werden kann, ist ungewiss. Schon einmal, zu Beginn der Invasion, mussten sich die Menschen, die trotz des Beschusses blieben, für Monate in den Metro-Stationen verstecken. Auch in jener, in der Anna so gerne in ihrem Märchenbuch liest.

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