Glasfront zum Garten statt tristem Tor – der Umbau eines Stuttgarter Hauses von Architekt Thilo Holzer. Vorher- und Nachherbilder von Umbauten in der Bildergalerie. Foto:
Eine Alternative zu Abriss und Neubau ist das Umbauen im Bestand: Preisgekrönt, in aller Munde und für Bauherren und Architekten doch nicht ohne Risiko – Beispiele in Stuttgart.
Wer ein Haus bauen oder umbauen will, sollte abenteuerlustig sein. Mutig, flexibel. Beides birgt Risiken – beim Bau kann einiges schief gehen, verpfuschte Planung oder Ausführung, im schlimmsten Fall beides. Beim Umbauen immerhin hat man ein schon fertiges Gebäude vor sich stehen, in dem Menschen offenbar Jahre oder Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte leben oder arbeiten konnten.
Doch weiß man nie, was sich hinter den Tapeten und unter den Teppichen verbirgt. Ist das alte Gemäuer zudem unter Denkmalschutz, muss man mit den über die Immobilie wachenden Behörden klarkommen, bei alten Bauernhöfen, die vor hunderten Jahren entstanden, existierten zudem keine DIN-Normen und Brandschutzvorschriften.
Architekten erschien das Umbauen häufig auch deshalb weniger verlockend als neu zu bauen, da sie sich mit der Handschrift eines anderen Baumeisters auseinandersetzen mussten statt sich selbst zu verewigen. An den Universitäten beginnt man nun aber – bis auf wenige Ausnahmen, wo das schon länger der Fall ist – Umbau im Bestand zu lehren und dafür zu begeistern.
Die aus Stuttgart stammende und in Berlin lebende Architektin Almut Grüntuch-Ernst, die auch an der Universität Braunschweig als Professorin am Institut für Entwerfen und Gebäudelehre mit den Studierenden Projekte erarbeitet, sagt, angesichts der Klimakrise seien die Herausforderungen und Aufgaben für die nachfolgende Generation enorm. „Große Bedeutung hat das Bauen im Bestand, weil der Begriff in der Entwurfslehre an der Uni aber oft eher abwertend gemeint war, spreche ich lieber vom dialogischen Entwerfen mit Bestand als Ressource.“
Erst ein Gefängnis, jetzt das Hotel Wilmina. Foto: Robert Rieger
Und sie sucht schon seit sie die Universität beendet hat, herausfordernde Arbeiten. „Nichts gegen einen schönen Entwurf auf einer romantischen, freien Wiese. Ich liebe aber sperrige Aufgaben, möchte Kraft und Begeisterung wecken auch für die Aufgaben, die auf die nachfolgende Generation zukommen.“ Wie großartig so eine Aufgabe gelöst werden kann, das hat sie mit dem Umbau eines ehemaligen Frauengefängnisses in ein Hotel bewiesen und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden.
Da das Bauen mit hohem CO2-Verbrauch einhergeht und beim Umbau hingegen viel Substanz erhalten bleiben kann, sogenannte Graue (inzwischen sagt man oft Goldene) Energie dringen nicht nur Architektinnen und Architekten, sondern auch Politik, Stadt- und Umweltschützer auf mehr Bauen im Bestand.
Das soll nachhaltiger sein, liegt im Trend und wird gerne ausgezeichnet – ist aber gar nicht so einfach und für Architekten und Bauherren nicht ohne Risiko. Wenn es gelingt, wertet es aber häufig auch noch das Stadtbild entscheidend auf, wie einige Beispiele Stuttgarter Umbauten zeigen.
Stuttgarter Wagenhallen in neuem Glanz
Lange und heftig waren die Diskussionen ums Geld und wer am Ende davon profitiert. Inzwischen sind alle glücklich über die ausgegebenen 30 Millionen für die Sanierung und den teilweise Neubau der Stuttgarter Wagenhallen, die 1895 als Lokomotiv-Remise errichtet wurden und über die Jahrzehnte diverse Umbauten und Nutzungen erfahren hatten.
Ertüchtigung, Umbau, Reparatur, Austausch, Neubau mitsamt allen möglichen Auflagen wie der Dämmung sowie dem Schall- und Trittschutz wurden vielfach ausgezeichnet. Das Architekturbüro Atelier Brückner hat den Umbau im Kostenrahmen geschafft.
Die Wagenhallen Stuttgart. Foto: Atelier Brückner/Daniel Stauch
Gut investiertes Geld in die 14 000 Quadratmeter Gesamtfläche, die der Stadtgemeinschaft dienen. Thomas Braun, Redakteur dieser Zeitung brachte es in seinem Kommentar im Jahr 2018 auf den Punkt: „Alle Unkenrufe, bei der Sanierung des alten Gemäuers werde die besondere Atmosphäre der alten Industriebrache verloren gehen, haben sich nicht bewahrheitet. Stattdessen haben die Architekten das Kunststück fertig gebracht, die vorhandene Bausubstanz mit den modernen Anforderungen an Brandschutz, Sicherheit und Lärmschutz in Einklang zu bringen.“ Der Eventbetrieb Wagenhallen Stuttgart öffnete Ende September 2018, 2020 kamen eine Tanzschule und der Kunstverein hinzu. Ein eindrucksvoller Kreativ-Ort für die Stadt.
Bürogebäude wird Designhotel
Ein gesichtsloser Nachkriegsbau in der Nadlerstraße wiederum, „Europahaus“ genannt, hat ein feines Kleid aus Naturstein und Putzfassade erhalten und die Stadtmitte entscheidend belebt. Das Gebäude wurde bis auf den Rohbau zurückgebaut und dann umgebaut. Heute treffen sich viele Stuttgarterinnen und Stuttgarter zum Frühstück oder Mittagslunch dort, im Sommer sitzt es sich gut draußen.
Design-Hotel Emilu Foto: Joachim Grothus
„Vom gediegenen Design der Stuttgarter Nobelherberge profitieren darum nicht nur Touristen und Durchreisende, die für ein, zwei Nächte in der Nadlerstraße absteigen, sondern ebenso die Stadt selbst. Auf einmal ist dieser zwischen Garagenbauten eingeklemmte, für seine zentrale Lage reichlich unansehnliche Hinterhof des Rathauses zu urbanem Leben erwacht“, schrieb die Architekturkritikerin Amber Sayah über den Umbau. Wolf Architekten, Blocher Partners und der Bauherr Michael Bräutigam haben dafür inzwischen den Preis für Beispielhaftes Bauen der Architektenkammer Baden-Württemberg erhalten und sind für den Staatspreis Baukultur des Landes Baden-Württemberg nominiert.
Mehrfamilienhaus mit Stadtvillen statt Büro mit Parkplätzen
Durchs Umbauen im Bestand lässt sich auch dringend benötigter Wohnraum gewinnen – 19 Wohnungen und rückwärtig drei Townhouses wurden beim preisgekrönten Umbau eines Ex-Verwaltungsgebäudes mit Parkdeck in der Urbanstraße geschaffen. Umbau statt Neubau ist oft auch deshalb sinnvoller, weil der Bebauungsplan bei einem Neubau an selber Stelle weniger Geschosse erlauben würde. Bauherrin war die Wüstenrot Haus- und Städtebau GmbH, sie beauftragte das Stuttgarter Büro Plan Forward.
In der Urbanstraße: Erst Verwaltungsgebäude, jetzt Mehrfamilienhaus. Foto: Plan Forward/Dietmar Strauss
Architekt Thomas Wadl von Plan Forward sagt zum Thema Umbau und Umwidmung: „Ein Umbau statt Abriss und Neubau ist ökologisch sinnvoller – und ökonomisch, denn bei einem Neubau hätte man das Gebäude aus baurechtlichen Gründen nicht mehr in derselben Kubatur bauen dürfen. Umbauen statt neubauen in den innenstadtnahen Lagen ist ein großes Thema für die Zukunft.“ Und die Passanten freuen sich über die geglückte Fassade des ästhetisch ansprechenden Umbaus. Dafür gab es von der Architektenkammer Baden-Württemberg eine Auszeichnung für „Beispielhaftes Bauen“.
Bürgerhospital: Vom Krankenhaus zum Wohnhaus
Wer am Milaneo vorbei in Richtung Heilbronner Straße fährt oder spaziert und an der Kreuzung steht, sieht ihn in weißem Putz erstrahlen– einen hundert Meter langen Gebäuderiegel, der zum ehemaligen Bürgerhospital im Stuttgarter Norden gehört.
In Stuttgart wandelt sich das ehemalige Bettenhaus des Bürgerhospitals in ein Wohnhaus – mit Aussicht. Foto: Max Kovalenko/Lichtgut
Die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft SWSG hat den Bau drei Jahre lang saniert, es sind 173 vor allem kleine Wohnungen entstanden – also besonders dringend benötigter Wohnraum ist entstanden.
Wie macht man aus langen Gängen und Krankenzimmern ansprechenden Wohnraum? „Wir haben teilweise sehr unterschiedliche Bausubstanz vorgefunden“, umschrieb Projektleiter Frank Riethmüller in einer Besichtigung mit unserer Zeitung dem Redakteur Christian Milankovic, was bei dem Umbau auf der Baustelle im Zwickel zwischen Wolfram- und Tunzhofer Straße Alltag war. An rund 2000 Stellen im Gebäude hatte man die Bausubstanz geöffnet, um sich ein Bild zu machen. Herausforderungen gelöst – im Sommer ist Einzug.
Wachgeküsstes Haus in Degerloch
Der Stuttgarter Architekt Thilo Holzer hat sehr viele ältere Häuser umgebaut, auch sein eigenes. Einen Steinwurf davon entfernt in Degerloch hat er jüngst ein verbautes knapp hundert Jahre altes Haus von seinen Um- und Anbauten befreit und in ein Einfamilienhaus mit Gartenzugang umgebaut, dafür gab’s von der Architektenkammer Baden-Württemberg eine Auszeichnung für „Beispielhaftes Bauen“.
Der Architekt sagt: „Etwas überspitzt formuliert ist der Kauf eines Bestandsgebäudes zu vergleichen mit dem Kauf einer Wundertüte, man weiß nie so richtig was dabei heraus kommt.“
Von Thilo Holzer umgebautes Haus in Stuttgart. Foto: Holzer Architekten/Zooey Braun
Um unschöne Überraschungen zu vermeiden, sei es umso sinnvoller, „das Bestandsgebäude vor dem Kauf mit einem Architekten und Sachverständigen anzuschauen. Der Architekt erkennt die Möglichkeiten, welche ein Hausumbau bietet, der Sachverständige kann etwas zur Substanz des Gebäudes sagen, zu Konstruktion, Schadstoffen, Leitungen, Feuchtigkeit, Schimmel.“
Zwar sind beim Umbau gegenüber einem Neubau Unsicherheiten größer und es passiert mehr Unvorhergesehenes, „dadurch ist auch die Kostensicherheit geringer. “ Da ist dann auch der Architekt gefragt, verunsicherte Bauherren erklärend und beratend zur Seite zu stehen. Dennoch, so Holzer, seien die Herstellungskosten meist geringer als bei einem Neubau. Vom Charme des alten Bestandsgebäudes – und dem guten Gewissen hinsichtlich Ökologie, Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung – zu schweigen.
Den Charme des Alten wahren im Architektenhaus
Wie tiefgreifend saniert wird, hängt maßgeblich mit den Wünschen der Bauherren zusammen. Wer aus einem alten Gemäuer den aktuellsten Stand der Technik einziehen lassen will, raubt dem Gebäude zuweilen seinen eigentümlichen Charme. Das Bestehen auf eine Fußbodenheizung geht dann oft mit Auswechseln der alten Holztüren ein. Ein 1931 entstandenes Wohnhaus im Bauhaus-Stil mit Flachdach, ineinander übergehenden Räumen, großen Terrassen hatten das Glück, dass ihr neuer Besitzer den Charme des einst avantgardistischen Neuen Bauens ausdrücklich schätzte.
Vom Bauhaus-Stil inspiriertes Wohnhaus von Clemens Hummel. Foto: Valentin Wormbs
Auf einer der zahlreichen Stuttgarter Halbhöhen – diese befindet sich im Osten – steht an einem Steilhang eine Villa des Architekten Clemens Hummel von 1931. Der Stuttgarter Architekt Matthias Ludwig und der Bauherr, der es von den Töchtern Hummels kaufte, waren sich einig, so viel wie möglich zu erhalten, der alte Steinboden konnte bleiben, auch die alten Türen. Das verwinkelte Dachgeschoss mit der zuvor kaum zu nutzenden großen Terrasse allerdings ist nun ein luftiger Rückzugsort mit Aussicht auf den Fernsehturm.
Dachgeschoss und Dachterrasse wurde saniert bei dem alten Architektenhaus. Foto: Valentin Wormbs
Auch hier profitiert nicht nur die Architektur und Baukultur, sondern auch jeder Flaneur, der etwa einmal im Stuttgarter Osten in der Richard-Wagner-Straße unterwegs ist. Zwischen all den mehr oder weniger geschmackvollen alten und neuen Villen fällt dieses Haus am Steilhang positiv auf. Das Alte erhalten, verschiedene Zeitschichten sichtbar werden lassen – auch das macht die Qualität und das Gedächtnis einer Stadt aus.
Ist Stuttgart eine Abrissstadt?
Serie In der Serie „Ist Stuttgart eine Abrissstadt?“ zeigen wir, wie viel in Stuttgart in den vergangenen Jahrzehnten abgerissen worden ist, wie Abrisse das Stadtbild verändert haben und was das für die Menschen in Stuttgart bedeutet.