Umstrittene Atatürk-Oper Was macht der Intendant im türkischen Konsulat?
Der Intendant Viktor Schoner hat die türkische Generalkonsulin Makbule Kocak getroffen. Den Eindruck politischer Einflussnahme weist die Stuttgarter Staatsoper zurück.
Der Intendant Viktor Schoner hat die türkische Generalkonsulin Makbule Kocak getroffen. Den Eindruck politischer Einflussnahme weist die Stuttgarter Staatsoper zurück.
Ein Treffen von Opernintendant Viktor Schoner mit der türkischen Generalkonsulin Makbule Kocak hat neue Diskussionen um die geplante Oper über den türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk ausgelöst. Schoner war am vergangenen Donnerstag beim Betreten des türkischen Generalkonsulats in Stuttgart gesehen worden.
Die Staatsoper bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung das Treffen mit der Repräsentantin, die für Passangelegenheiten, aber auch für die Förderung wirtschaftlicher, kultureller und gesellschaftlicher Beziehungen zuständig ist. Es habe „auf beiderseitigen Wunsch“ stattgefunden und sei Teil eines umfassenden Dialogprozesses im Vorfeld der Entwicklung des neuen Werks gewesen, sagt Sprecher Sebastian Ebling. Das Libretto befinde sich derzeit noch in Arbeit. Die Oper über Atatürk bewege sich bewusst in einem Spannungsfeld historischer Traumata, ungelöster Konflikte und konkurrierender Erinnerungskulturen. Gerade die heftigen Reaktionen auf die Ankündigung des Projekts hätten gezeigt, wie sensibel das Thema sei.
Das Gespräch mit der türkischen Generalkonsulin ist laut Ebling lediglich der Auftakt einer Reihe von Kontakten mit unterschiedlichen Akteuren. Geplant seien unter anderem Gespräche mit Vertretern armenischer, kurdischer und alevitischer Gemeinschaften. Wann und mit wem genau in den Dialog gegangen werden soll, ist nicht bekannt. Es sei nicht Zweck solcher Treffen, Einfluss auf die künstlerische Ausrichtung der Produktion zu nehmen. Zu konkreten Gesprächsinhalten äußere man sich nicht. Das zuständige Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst sei in den Prozess eingebunden.
Von dort kommt Rückendeckung. Auf Anfrage erklärt Ministeriumssprecher Roland Böhm, man befinde sich mit der Oper im Austausch und halte es für richtig, dass angesichts der kontroversen Diskussion um die geplante Atatürk-Oper derzeit zahlreiche Gespräche geführt würden oder geplant seien. Dazu gehöre auch das Treffen mit der türkischen Generalkonsulin. „Wir sehen nicht, was gegen einen offenen Meinungsaustausch sprechen sollte“, teilt das Ministerium mit. Hinweise auf eine politische Einflussnahme aus dem Ausland auf die Produktion liegen dem Ministerium nicht vor. Zugleich gelte, dass die Kunstfreiheit und die künstlerische Unabhängigkeit der Staatsoper gewahrt bleiben müssten.
Dennoch befeuert das bekannt gewordene Treffen die Debatte über das Projekt weiter. Kritiker verweisen darauf, dass bereits der Eindruck einer besonderen Nähe zur offiziellen türkischen Position das Vertrauen von Gruppen beeinträchtigen könnte, die die historische Rolle Atatürks und des türkischen Staates deutlich kritischer bewerten. Avra Emin vom Deutsch-Kurdischen Forum äußert gegenüber dieser Zeitung Unverständnis darüber, dass die Gespräche nicht öffentlich angekündigt worden seien. Es sei bemerkenswert, dass der Dialog ausgerechnet mit der türkischen Vertretung beginne. Schließlich seien kurdische Organisationen die ersten gewesen, die öffentlich Kritik an dem Opernprojekt geäußert hätten.
Zudem zeigt sich Avra Emin überrascht von der Darstellung der Staatsoper, wonach Gespräche mit kurdischen Akteuren geplant seien. Von einer entsprechenden Kontaktaufnahme oder Einladung wisse sie bislang nichts. Dies werfe Fragen zur Transparenz des angekündigten Dialogprozesses auf. Auch Diradur Sardaryan, Gemeindepfarrer der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg, der der Oper eine fehlende historische Sensibilität bei diesem Thema attestierte und besonders den Titel „Atatürk – Die Legende von Mustafa Kemal“ kritisierte, hat bisher weder eine Antwort auf die Kritik der Gemeinde noch eine Einladung zum Dialog erhalten.
Die Staatsoper weist durch ihren Sprecher den Eindruck politischer Einflussnahme zurück. Ebling hebt die in Deutschland garantierte Kunstfreiheit hervor, die nicht nur das fertige Werk, sondern den gesamten künstlerischen Entstehungsprozess schütze. Entscheidungen über Inhalt, Dramaturgie und Darstellung lägen ausschließlich bei Intendanz und künstlerischem Team. Die Oper über Atatürk bilde dabei keine Ausnahme.