Unfall am Olgaeck in Stuttgart Nach Unfall beginnt Sicherheitsdebatte

Ein Gutachter und die Polizei werten am Freitagabend die Spuren an der Unfallstelle aus. Der Mercedes soll geradeaus vom Charlottenplatz gekommen sein. Foto: Andreas Rosar/dpa

Am Olgaeck stirbt eine Frau, sieben weitere Menschen werden schwer verletzt: Ein Autofahrer kracht mit einer G-Klasse auf die Verkehrsinsel an der Haltestelle. Nun kommen Fragen auf: Wie sicher ist die Kreuzung? Ist die Lage durch die Absperrung nach dem Unfall noch gefährlicher?

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Ein demolierter Kinderwagen liegt auf dem Hochbahnsteig. Ein Damenschuh liegt auf der Mittelinsel vor der Stoßstange des schwarzen Mercedes. Aus einer geplatzten Einkaufstüte kullert eine zerbeulte Dose Erbsen. Ein kleiner Koffer – gepackt für das Wochenende? – steht daneben. Es sind dies die Habseligkeiten der Unfallopfer, die am Freitag gegen 17.50 Uhr an der Stadtbahnhaltestelle Olgaeck die Charlottenstraße überqueren wollten. Die Gegenstände lassen erahnen, wie die Lebensgeschichten an diesem Abend fortgeschrieben worden wären, wären die Menschen nicht jäh herausgerissen worden – ob auf dem Weg nach Hause mit den Einkäufen oder zum Wochenendausflug mit dem Rollkoffer.

 
Die Unfallstelle Foto: Fotagentur Stuttgart Andreas Rosar

Der Unfall: Ein 42-Jähriger gerät mit seiner G-Klasse auf die Verkehrsinsel – warum, das ist noch unklar. Den Spuren nach fährt er bis zur Treppe, die zum Hochbahnsteig führt. Laut der Polizei ist er vom Charlottenplatz stadtauswärts unterwegs gewesen. Zunächst stand die Vermutung im Raum, er sei von der Olgastraße rechts abgebogen. Das widerruft die Polizei am Samstag. Acht Menschen werden erfasst, fünf sind Kinder. Drei Personen, darunter auch ein Kind, erleiden schwere Verletzungen. Eine 46-Jährige stirbt.

Eine Frau wird an der Unfallstelle reanimiert

Am Freitag um 17.50 Uhr schallen minutenlang Martinshörner durch die Stadt. Rund um den Charlottenplatz herrscht Stillstand. Die Bundesstraße 27 nach Degerloch ist sofort komplett gesperrt. Denn mitten auf der Kreuzung kämpfen Rettungskräfte um das Leben der angefahrenen Menschen. Bei der 46-Jährigen gelingt es, sie mit einem chirurgischen Eingriff am Straßenrand zurück ins Leben zu holen. Sie schafft es noch bis ins Krankenhaus, dort stirbt sie.

An der Unfallstelle wird der Fahrer festgenommen. Im Auto ist auch ein fünf Jahre altes Kind. Der Mann muss mit auf die Polizeiwache. Er ist laut der Polizei unverletzt und kommt in Gewahrsam über Nacht, wird vernommen. Am Sonntag meldet sich der 42-jährige Mann über seinen Anwalt: Er sei „erschüttert, fassungslos und tief betroffen von diesem entsetzlichen Unfall und seinen tragischen Folgen“, teilt der Anwalt Ben M. Irle mit. Gegen den Fahrer wird wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung ermittelt.

Die Zerstörung an der Haltestelle Foto: SDMG

Dann beginnt am Olgaeck das Entwirren der Hinweise, was dort passiert ist. Die Polizei schaltet einen Gutachter ein. Es ist schwül, die Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr arbeiten in Schutzausrüstungen. Eine unwirkliche Stille liegt über dem sonst so wuseligen Verkehrsknoten. Der Gutachter vermisst die Fahrspur, untersucht den Wagen. Eine Polizeibeamtin steckt die persönlichen Gegenstände der Verunglückten in rote Säcke und stellt sie sicher. Menschen, die nichts ahnend auf die Kreuzung zugehen, fragen, warum dort alles dicht ist. Erst denken sie, es gehe nur um ein Auto, das im Weg steht. Erfahren sie aber vom Schicksal der acht Verletzten, ist das Entsetzen groß. „Oh mein Gott, die armen Familien“, entfährt es dem 23-jährigen Samir, der auf dem Heimweg ist und nun einen Umweg nimmt. Die Verkäuferin beim Bäcker und die Imbiss-Betreiber werden gelöchert mit Fragen. Doch die meisten sind erst hochgeschreckt, als es krachte, haben nichts gesehen.

Blumen und Kerzen zum Gedenken an die getötete Frau Foto: STZN ceb

Die Tage nach dem Unfall sind nicht nur die Tage der Trauer und des Schocks, sondern auch der heftigen Kritik. Peter Erben vom Verein Fuß e.V. schaut sich die Stelle auch an. Für ihn ist der Überweg eines der vielen Beispiele dafür in der Stadt, dass Fußgänger immer nur den Platz bekommen, der übrig bleibt: Die Aufstellfläche sei zu klein, die Menschen stünden dort zu dicht gedrängt – auch wenn das natürlich nicht die Unfallursache gewesen sei, wie er betont. Was ihm am Tag nach dem Unfall große Sorge bereitet, ist die Absperrung. Der Übergang ist wegen der fehlenden Geländer komplett gesperrt. Statt aber einen Umweg in Kauf zu nehmen, gehen viele mitten über die Kreuzung. Mehrfach ist das brenzlig. „Wenn die Polizei oder die Verkehrsleitstelle an das Ordnungsamt Bedenken herantragen, wird die Situation am Montag geprüft“, sagt eine Sprecherin der Stadt dazu.

Ist durch die Absperrung eine neue Gefahrenstelle entstanden? Foto: STZN ceb

Aus dem Gemeinderat meldet sich die Grünen-Fraktion. Neben der Anteilnahme am Schicksal der Opfer bewegt auch sie die Frage nach der Verkehrssicherheit – grundsätzlich und aufgrund der Absperrung nach dem Unfall: „Wir müssen prüfen, wie wir Orte wie das Olgaeck für alle Verkehrsteilnehmenden – insbesondere für die schwächsten, die Fußgängerinnen und Fußgänger – sicherer machen können“, so die Fraktionsvorsitzenden Björn Peterhoff und Petra Rühle. Durch die Absperrungen sie die „ohnehin gefährliche Situation am Olgaeck noch weiter verschärft“, worden, kritisieren sie.

Auch das Team von Kidical Mass meldet sich zu Wort. Die Stelle sei mehrfach von Eltern als besonders gefährlich auf dem Schulweg zur Jakobschule eingestuft worden. Die Fahrrad-Interessenvertretung fordert, Kreuzungen wie das Olgaeck „endlich“ umzubauen und flächendeckend Tempo 30 einzuführen – eine Diskussion, die der Unfall neu angefacht hat.

Weitere Themen