Susi Schurr, Anastasios Leontopoulos und Christiane Bayer-Nill (von links) unterstützen Menschen in den ersten Stunden nach einem Unglück. Ihr Einsatz nach dem schweren Unfall in Esslingen-Weil war einer der heftigsten ihrer bisherigen Tätigkeit. Foto: Roberto Bulgrin
Nach Unfällen, Unglücken oder plötzlichen Todesfällen in Esslingen und Umgebung kümmern sich Ehrenamtliche der Psychosozialen Notfallversorgung des Roten Kreuzes um Betroffene – auch nach dem schweren Unfall in Weil waren sie im Einsatz.
Melanie Braun
29.11.2024 - 12:09 Uhr
Susi Schurr war die erste von ihrem Team, die nach dem schweren Unfall mit drei Toten im Oktober an der Unfallstelle in Esslingen-Weil eintraf. Die Lage war sehr unübersichtlich, erinnert sich die Leiterin des Notfallnachsorgedienstes des Esslinger Roten Kreuzes. Es seien sehr viele Leute vor Ort gewesen – Augenzeugen, Betroffene, Angehörige und viele Kinder, aber auch Schaulustige. Nicht bei jeder Person sei klar gewesen, zu welcher Gruppe sie gehört und ob sie seelischen Beistand braucht. Diesen bieten Susi Schurr und ihr Team in Krisensituationen an – auch wenn sie bei Fällen wie diesem dabei an ihre Grenzen kommen.
An jenem Tag im Oktober wurde Susi Schurr um 17.10 Uhr alarmiert, das weiß sie noch genau. Auf dem Weg zur Unfallstelle erfuhr sie, dass es drei Tote gab, darunter zwei Kinder. „Am Anfang waren unheimlich viele Betroffene vor Ort“, erzählt sie. Denn viele Eltern nutzten den Gehweg entlang der Weilstraße, um ihre Kinder zum Training im Sportpark Weil zu bringen – und hatten so von der Tragödie erfahren. „Es gab auch drei Augenzeuginnen, die den Unfall gesehen hatten und mit den Bildern fertig werden mussten“, sagt Schurr. Sie seien von Schuldgefühlen gequält worden, weil sie nur wenige Minuten vor der Kollision auf dem Gehweg unterwegs gewesen, aber heil davon gekommen waren. „Wir haben uns dann erst einmal um die Augenzeugen gekümmert“, so Schurr.
Esslinger Notfallhelfer haben kein Patentrezept
Ein Patentrezept für solche Situationen gibt es nicht, da ist sich Susi Schurr einig mit Christiane Bayer-Nill und dem Jugendreferenten und Diakon Anastasios Leontopoulos, die ehrenamtlich für die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) des Kreisverbands Esslingen des Roten Kreuzes tätig sind. Auch Bayer-Nill und Leontopoulos waren nach dem Unglück in Weil im Einsatz – einem der schwierigsten ihrer bisherigen Tätigkeit für die Notfallhilfe. „Ich bin dorthin gekommen, habe meine Jacke mit der Aufschrift Notfall-Seelsorge angezogen, habe mich vorgestellt und gesagt: Ich bin jetzt für Sie da“, beschreibt Leontopoulos die Situation vor Ort.
Es sei wichtig, die Menschen zu fragen, was man für sie tun könne, denn es sei sehr unterschiedlich, was die Betroffenen in einer solchen Ausnahmesituation brauchten, sagt Schurr. Manche bräuchten eine warme Decke oder ein Getränk, andere vor allem Informationen, die einen wollten den Unfallort unbedingt sehen, die anderen wollten ihn so schnell wie möglich verlassen, manche wollten reden, andere nur schweigen. „Aber in Weil kam absolut gar nichts von den Leuten, da waren einfach nur Betroffenheit, Ängste, Schuldgefühle“, erzählt Schurr. Sie erinnere sich nur an wenige ähnlich heftige Fälle in den 15 Jahren, die sie bei der Notfallhilfe tätig ist.
Die Trainer vom Sportpark Weil hätten unglaublich gut reagiert an dem Abend und das Fußball-Training trotz allem durchgezogen. Das sei für die Kinder sehr gut gewesen – auch wenn es teils fast grotesk angemutet hätte, am Unfallort das Lachen und Rufen vom Sportplatz zu hören. Irgendwann seien dann der Mann und Vater der Verstorbenen sowie die Großeltern und die Patentante der Kinder gekommen. Das sei eine sehr schwierige Situation gewesen, so Schurr. „Wir können den Schmerz nicht wegnehmen“, sagt sie. „Aber wir können die Hand halten, zuhören und sagen: Ich bin da, egal was du jetzt brauchst.“ Leontopoulos ergänzt: „Es geht viel darum, die Situation einfach auszuhalten mit den Menschen.“ Zudem versuche man, das soziale Umfeld zu aktivieren, damit es sich um die Betroffenen kümmern kann, erklärt Christiane Bayer-Nill. „Und wir schauen, welche Hilfe und Beratung die Leute brauchen und wo sie diese bekommen.“
An der Unfallstelle in Esslingen-Weil sind in den Tagen nach der Tragödie zahlreiche Kerzen, Blumen und Kuscheltiere niedergelegt worden. Foto: Roberto Bulgrin
Als die Unfallstelle in Weil geräumt wurde, hätten sie die Angehörigen zu Hause weiter betreut, erzählt Susi Schurr. Auch in den Tagen danach seien sie immer wieder im Einsatz gewesen – etwa beim Sportverein, in der Schule und im Kindergarten. Immer wieder sei es um die Frage gegangen, wie mit dem Vorfall umgegangen werden kann und wie man die Kinder unterstützen kann, die ihren Schulkameraden, Kindergarten- oder Fußballfreund verloren haben. „Eine Unterstützung in diesem Ausmaß ist eigentlich nicht üblich“, sagt Bayer-Nill. Man versuche, da zu sein, bis das soziale Netz greife, bis Freunde, Familie, Kollegen oder Nachbarn sich kümmern könnten. „Wenn die da sind, ist unsere Aufgabe erfüllt“, sagt Leontopoulos. Das könne eine Stunde dauern oder auch mal acht Stunden. In Weil waren es mehr als zwei Wochen, weil man unter anderem auch bei Trauermarsch, Trauerfeier und Beisetzung unterstützt habe. „Aber das war stimmig, weil es der Wunsch der Familie war“, findet Susi Schurr.
Persönliche Rituale der Notfallhelfer aus Esslingen
Doch wie kommen die ehrenamtlichen Helfer selbst mit den schlimmen Schicksalen klar, denen sie bei ihrer Tätigkeit immer wieder begegnen? Neben Unfällen werden sie auch zu Bränden und Suiziden, zu Personensuchen und erfolglosen Reanimationen, bei plötzlichem Kindstod oder für die Begleitung der Polizei beim Überbringen einer Todesnachricht gerufen. „Natürlich ist das manchmal schwer auszuhalten“, sagt Susi Schurr. „Aber keiner vor uns möchte in so einer Situation alleine sein“, erklärt sie ihre Motivation. „Ich gehe immer mit dem Satz in den Einsatz: Es ist nicht mein eigenes Schicksal.“
Zudem gebe es nach den Einsätzen stets die Möglichkeit der Supervision – und jeder von ihnen habe ein Ritual, um einen Einsatz abzuschließen. Für Leontopoulos ist es das bewusste Ablegen der Einsatzjacke und das Schreiben des Einsatzberichts, für Bayer-Nill eine ausgiebige Dusche. Susi Schurr sagt: „Wenn bei mir im Auto Dancing Queen läuft, dann weiß ich, dass der Einsatz vorbei ist.“ Nach dem Unfall in Weil sei das Lied allerdings nicht nur einmal gelaufen.
Unterstützung im Krisenfall
Notfallhilfe Im Landkreis Esslingen bietet sowohl der Kreisverband Esslingen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) als auch der Kreisverband Nürtingen-Kirchheim eine Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV), auch Notfallnachsorgedienst (NND) genannt, an. Die PSNV im Kreisverband Esslingen gibt es laut der Leiterin Susi Schurr seit 28 Jahren, auch die Notfall-Seelsorge der Kirchen ist Teil der PSNV.
Aufgaben Der Notfallnachsorgedienst soll Menschen in Krisensituationen schnelle und unbürokratische psychosoziale Hilfeleistungen bieten ohne Ansehen der Person, Religion oder Nationalität. Die ehrenamtlichen Krisenhelferinnen und Krisenhelfer begleiten Menschen in akuten Notsituationen, und bei Bedarf auch deren persönliches Umfeld, durch Zuhören und Gespräche führen.
Unterstützung Der DRK-Notfallnachsorgedienst arbeitet ausschließlich ehrenamtlich und sucht Menschen, die sich vorstellen können, das Team als Krisenhelfer oder Krisenhelferin zu unterstützen. Die Ehrenamtlichen werden im Rahmen einer speziellen Ausbildung laut DRK umfassend auf die Aufgaben vorbereitet, die sie im Einsatz erwarten.