In Deutschlands bestem Büro lässt es sich nicht nur gut arbeiten, sondern auch schlafen – Ein Besuch am Arbeitsplatz der Stuttgarter Architekten von andOffice, die auch außerhalb ihres Büros interessante Projekte planen.
Der Cousin ging nach durchzechten Nächten und manchmal einfach so mit einem Kissen ins Büro. Es gab dort keine Sessel oder Liegen, dafür schlummerte es sich am Schreibtisch mit Kissenunterlage auch ganz gut. Kündigung? War nicht zu erwarten. Maximal eine leichte Verzögerung bei der nächsten Beförderung. Wer Verwandte in einst sozialistisch geführten Ländern hatte, hat in den 1980er Jahren womöglich schon so eine oder ähnliche wahre oder erfundene Geschichte gehört.
Jahrzehnte später findet sich in einem Architekturbüro im Stuttgarter Westen nicht etwa eine Liege in irgendeiner dunklen Ecke (das bieten längst viele Firmen an), sondern ein komplettes Zimmer zum Nächtigen. Schön, cosy in Rosé-Tönen mit viel Holz, ruhig nach hinten in Richtung Hof gelegen.
Nicht nur dafür aber hat das 340 Quadratmeter große Büro mit dem extravagant geschriebenen Namen andOFFICE gleich mehrere Auszeichnungen erhalten, den des „Besten Arbeitsplatzes Deutschlands 2023“ und von der Architektenkammer Baden-Württemberg den Preis „Beispielhaftes Bauen“. Die Begeisterung der Expertenjurys erschließt sich bei einem Besuch in der Hasenbergstraße 49B.
Das Gebäude stammt vermutlich aus der Gründerzeit, wurde im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört und die oberen Etagen in den 50er Jahren wieder aufgebaut, zuletzt war die Firma Klein & Co. Anlagentechnik dort ansässig. Es schaut von außen recht unspektakulär aus, auch die schwere Eingangstür wirkt robust und fast etwas betont abweisend, jedenfalls kein bisschen fancy. Dann aber betritt man einen großen, lichten Raum mit hellem unbehandeltem Holz.
Innenarchitektur für Cafés und Restaurants
Eine lässige, leicht industriell wirkende, doch einladende Atmosphäre, man könnte hier, würde man die Tische und Stühle tauschen, leicht ein Restaurant, ein Café daraus machen. Dass das Büro interdisziplinärer arbeitet und die Architekten auch Interiorexperten in ihren Reihen haben und auch gastliche Innenräume hervorragend gestalten, zeigten sie unter anderem mit der Gestaltung des Restaurants „Ochsen“ im Stuttgarter Süden und dem äußerst beliebten Café„Gottlieb“ in Bad Cannstatt.
Holz und Naturtöne: Café und Bar „Gottlieb“ in Bad Cannstatt Foto: andOFFICE
Etwa in der Mitte ihres Büros befindet sich eine Art Holzhaus-Skelett, eine Wendeltreppe als Verbindung zum Obergeschoss ist mit Holz ummantelt zum Regal gemacht worden, in dem unter anderem hinter Glasrahmen Auszeichnungen aufgestellt sind, die das Büro für seine Projekte erhalten hat. Viele davon haben auch mit Holz zu tun.
Im Zipfelbachtal am Albtrauf entsteht zurzeit in Holzbauweise ein Naturkindergarten. Das Büro baut Mehrfamilienhäuser in Holzbauweise mit barrierefreien Wohnungen ebenso wie die viel beachteten Hoffnungshäuser für die Bauherren der Hoffnungsträger Stiftung von Konstanz bis Esslingen, in denen auch Geflüchtete wohnen. Die entstehen als serielle Holzbauten und sind nicht nur schnell vor Ort aufzubauen, sondern überzeugen auch ästhetisch und wirken äußerst wohnlich.
Für ihr Wohnquartier in Calw-Wimberg, bestehend aus vier Häusern in sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltiger System- und Holzbauweise mit insgesamt 32 Wohnungen, sind andOFFICE als „ein Musterbeispiel für nachhaltigen und bezahlbaren Wohnraum mit hoher architektonischer und konstruktiver Qualität“ mit der Hugo-Häring-Auszeichnung 2023 des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) in der Kreisgruppe Nordschwarzwald belohnt worden. 2023 haben sie auch den Immobilien-Award 2023 der IWS erhalten und den Preis „Beispielhaftes Bauen“ der Architektenkammer für den Landkreis Calw.
Günstig und qualitätsvoll bauen
„Wir finden es wichtig zu zeigen, dass auch serielles modulares Bauen architektonisch qualitätsvoll sein kann“, sagt der Architekt Thorsten Blatter, neben seinen Kollegen Michael Ertel und Heiner Probst einer der drei Leiter von andOffice. „Ökologisch und nachhaltige Kriterien sind uns wichtig“, fügt Michael Ertel an.
Längst hält das Büro zum Thema auch Vorträge für die Kollegenschaft. Holzbau auch im Büro anzuwenden, scheint also durchaus stringent, da es nicht nur als ökologisch und nachhaltig gilt, sondern zur Firmen-DNA gehört. „Mit dieser Insel in der Mitte markieren wir außerdem, dass dies eine Zone zur Kommunikation, zum Zusammenkommen ist“, sagt Heiner Probst.
Die Chefs haben keinen extra abgetrennten Raum irgendwo, „und die Plätze“, sagt Thorsten Blatter, „haben wir verlost“. Alle? „Ja“, sagt Michael Ertel, „auch unsere“. „Das Büro ist natürlich auch unsere gebaute Visitenkarte, wir zeigen unseren Bauherren, wenn sie uns besuchen, welche Materialien und welche architektonische Haltung wir vertreten“, sagt Thorsten Blatter.
Die Architekten berichten davon nach einem kurzen Rundgang, bei dem auch das großzügige Bad mit Duschen besichtigt wurde, im Besprechungsraum, selbstredend mit einer Kaffee-Tee-Station, die Nische ist mit hübsch auffälligen Französische-Seekiefer-Sperrholzplatten ausgekleidet. Die Wanddurchbrüche und alte Struktur des ehemaligen Handwerksbetriebs sind immer noch sichtbar, machen den Charme des Büros mit aus.
Wie im Separee dominieren hier Rose-und Terrakotta-Töne, auch bei den schicken Leuchten vom Trendlabel Muuto und den Lichtschaltern von Jung. Nicht wirklich eine Farbe, die man mit Architekten in Verbindung bringt, die Gebäude auch im Inneren gern in Nichtfarben Weiß und Schwarz gestalten. „Das war eine lange Diskussion“, sagt Michael Ertel mit einem siegesgewissen Lächeln.
Am Ende einigte man sich auf seinen Favoriten, den leichten Lachston. An dem langen Tisch sitzt man mindestens immer donnerstags gemeinsam beim – selbst gekochten – andLUNCH-Essen. Wenn Heiner Probsts Ehefrau das Essen bringt, sei die Belegschaft besonders glücklich, sagt Thorsten Blatter.
Dass man im Büro im Nebenzimmer nicht nur vertraulichere Büro- und Kundengespräche führen, sondern auch schlafen kann, halten die Architekten für praktisch. „Hier steht doch alles das ganze Wochenende leer, warum sollte man das nicht nutzen?“, sagt Heiner Probst und fügt an: „Wer also privat Besuch und kein eigenes Gästezimmer hat, kann den Gast im Büro übernachten lassen. Oder feiert eine Geburtstagsparty im kompletten Seitentrakt, nicht jeder wohnt ja in großen Wohnungen oder hat Nachbarn, die Partylärm bis in die Nacht dulden.“
Auch Krisenzeiten, das zeigt dieses Konzept, haben etwas Gutes, schieben zumindest Entwicklungen an. Denn seit der Pandemie haben ja viele Firmen in ihre digitale Kommunikation investiert. Sie ermöglicht es den Menschen, mit ihrem Computer daheim überall in der Welt zu arbeiten und gleichzeitig in Kontakt mit ihren Kunden, Kollegen und Chefs zu bleiben.
Warum sollte man also überhaupt noch ins Büro kommen, abgesehen davon, dass Heizkosten gespart werden können? Vielleicht, weil es einfach ein super Büro ist, in dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich gewünscht fühlen und das vielleicht nicht so wohnlich wie das Zuhause ist, aber mindestens so schick. Und weil man im Büro nicht nur arbeiten, sondern eben auch feiern und schlafen kann.
Das Büro
andOFFICE Das Architekurbüro andOFFICE wurde 2009 gegründet. Aktuell sind 23 Mitarbeiter beschäftigt. Geleitet wird das Büro von Thorsten Blatter (47), Michael Ertel (49) und Heiner Probst (52).
Der Name Der Büroname, übersetzt undBÜRO, ist Konzept. Das „and“, und, steht für alle Mitarbeiter. Das „und“ sei, so die Bürochefs, „ein kleines Bindewort mit großer Wirkung. Nicht die Namen der drei Partner sind entscheidend, sondern das Kollektiv.