Ungewöhnlicher Gastrobetrieb in Ditzingen In der Alten Apotheke herrscht nun Siegesstimmung

Mittwochs gibt es im Winterhalbjahr in der Alten Apotheke Eintopf. Foto: Jürgen Bach

Die Macherinnen und Macher des Gastrobetriebs in Ditzingen setzen auf ein ungewöhnliches Konzept – das jetzt preisgekrönt ist.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Wieder und wieder taucht die Schöpfkelle in den Topf. In der Alten Apotheke ist am Mittwoch Mittagstisch – ein gefragtes Angebot. Mindestens 50 Teller Eintopf gehen über die Theke. Acht Leute hätten schon vor der Tür gewartet, berichtet Thirza Albert. Vom Schüler bis zum Senior sei unter den Gästen alles dabei.

 

Thirza Albert gehört zum Team der Süddeutschen Gemeinschaft Ditzingen, eine Gemeinde der evangelischen Kirche. Es hat die ehemalige Apotheke in der Gartenstraße umgebaut und betreibt sie seitdem als Gastrobetrieb. Seit einem Jahr. Den Geburtstag nutzen die Macherinnen und Macher für eine Jubiläumswoche vom 16. Oktober an mit etlichen Angeboten. „Wir tun, was wir immer tun, nur mit Pfiff und viel Klimbim“, sagt Thirza Albert. Um auf sich aufmerksam zu machen.

„Man kennt uns“

Die Angebote werden vom ehrenamtlichen Engagement getragen – wie der gesamte Betrieb im „Wohnzimmer für Ditzingen“. Als solches sehen Thirza Albert und ihr Team die Alte Apotheke. Mit deren Entwicklung sie ziemlich zufrieden sind. Mittlerweile „kennt man uns. Wir haben viele Netzwerke geknüpft“, erzählt Thirza Albert. Die Lokalität, deren Herzstück das Café ist, werde sehr gut angenommen. „Es gab bisher keinen Tag, an dem wir Gäste vermisst haben.“ Konkurrenz zu anderen Betrieben besteht offenbar nicht. „Dafür haben wir auch viel zu selten offen“, sagt Thirza Albert. Es könne der Stadt nur guttun, wenn mehr Leute was anbieten.

In der Gartenstraße finden die Gäste einen persönlichen Ort, einen der Begegnung. Weil jeder kommen können soll – für Kinder ist eine Spielecke eingerichtet –, gibt es keine Preise. Die Gäste zahlen, was sie für angemessen halten. Und wer lieber Salziges statt Süßes mag, bringt es sich eben selbst mit. Die Macherinnen und Macher haben sich auf die Fahne geschrieben, alles zu fördern, was dem Gemeinwohl dient – und Gesprächspartner zu sein. „Wenn es gewünscht ist, setzen wir uns zu den Gästen und unterhalten uns“, sagt Thirza Albert.

Tanzabende kommen prima an

Das hat sich vor allem Martina Schaible zur Aufgabe gemacht, wohingegen Martina Haist beim Einkauf und bei der Logistik den Hut aufhat. Andere backen gern Kuchen oder organisieren Aktionen wie den Kleidertausch mit. Veranstaltungen finden viele statt, auch mit anderen Einrichtungen, aber stets mit „Netzwerkcharakter“. Neu sind Tanzabende. Zum Line-Dance kämen immer mindestens 40 Leute, zum Paartanz bis zu zehn Paare. Barabend ist nun jeden Donnerstag. Da würden vorwiegend Männer mit anpacken. Zurzeit plant das Team Events speziell für Jugendliche.

Insgesamt um die 80 Ehrenamtlichen, auch aus anderen Gemeinden und jenseits der Kirche, stehen hinter der Lokalität, die sich darüber hinaus über Einnahmen und Spenden finanziert. Der laufende Betrieb soll sich selbst tragen. Das funktioniere, so Albert. Die sich darüber freut, dass sich sogar Gäste engagieren. „Die Atmosphäre lädt zum Helfen ein“, findet Thirza Albert.

Team mit Mut zur Lücke

Zudem hätten die Gäste gemerkt, „dass wir keine Profis sind“. Die Lernkurve sei steil gewesen, sagt Thirza Albert. Martina Schaible ergänzt, ein Knackpunkt sei gewesen, aus dem Projektcharakter eine laufende Sache zu machen, Personen für langfristige Aufgaben zu gewinnen. Das Team habe Mut zur Lücke und biete nicht alles an – es will möglichst wenig wegwerfen. „Wir können es nicht jedem recht machen“, lautet die Erkenntnis. Stattdessen gelte es, mit den Leuten, die da sind, zu arbeiten und realistischen Ideen. „Wir müssen unsere eigene Begeisterung zurückschrauben“, meint Albert.

Die Alte Apotheke ist jetzt auch ausgezeichnet. Sie hat den Paul-Lechler-Preis gewonnen. Die Lechler-Stiftung, die seit dem Jahr 2008 innovative soziale Projekte in Baden-Württemberg ehrt, zeichnet in diesem Jahr Projekte und Ideen aus, „die das Für- und Miteinander zum Inhalt haben und neue Formen von Nachbarschaft entstehen lassen“. Die insgesamt sechs Preisträger aus rund 80 Bewerbungen erhalten die mit insgesamt 18 000 Euro dotierte Auszeichnung am 18. Oktober. „Wir freuen uns riesig“, sagt Thirza Albert. Den Preis betrachtet sie als eine Art von Wertschätzung. Zudem steigere er die Bekanntheit der Alten Apotheke und ermögliche weitere Vernetzung. „Es ist ermutigend, dass wir Widerhall finden.“

Mehr Informationen und Öffnungszeiten auf der Webseite www.alte-apotheke-ditzingen.de und auf Instagram: @alteapotheke_ditzingen.

Weitere Themen