Andere Prioritäten gegen den Ärztemangel Land sieht keine Notwendigkeit für ein Uniklinikum in Stuttgart

Das städtische Klinikum (oben) strebt zusammen mit dem Robert Bosch Krankenhaus den Status eines Universitätsklinikums an. Foto: Lichtgut

Zum wiederholten Mal lehnt das Land die Einrichtung eines Uniklinikums in Stuttgart ab. Die Universitätsmedizin sei bereits „sehr gut aufgestellt“. Das Problem sei nicht, dass es zu wenige Ärzte gebe, sondern die Verteilung der Ressourcen.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Der erneute Vorstoß des Klinikums der Stadt Stuttgart, den Status eines Uniklinikums zu bekommen, stößt beim Land nicht auf Gegenliebe. Wie berichtet, unternimmt das städtische Großklinikum diesen Versuch dieses Mal zusammen mit dem Robert-Bosch-Krankenhaus. Gedacht ist ein Modell in Anlehnung an eine der bestehenden medizinischen Fakultäten in Tübingen oder in Ulm.

 

Die zuständigen Landesministerien für Wissenschaft und für Soziales erklären, es sei „am Aufbau einer zusätzlichen Medizinischen Fakultät in Stuttgart zunächst kein Landesinteresse ersichtlich“. Zumal eine „finanziell sehr anspruchsvolle Neugründung eines landeseigenen Uniklinikums gemeinsam mit einer Medizinischen Fakultät erfolgen müsste“, schreiben die Ministerien. Diese Voraussetzungen seien in Stuttgart „nicht gegeben“. Man habe 2018 im Rahmen des Landarztprogramms zur Verteilung von zusätzlich 150 Medizinstudienplätzen die Standortfrage „in einem transparenten Verfahren unter Einbezug externer Sachverständiger“ bereits geklärt. „Die Frage einer Neubewertung stellt sich nicht.“

Das Land ist auch der Auffassung, die Universitätsmedizin in Baden-Württemberg sei „national und international sehr gut aufgestellt“ mit den fünf Standorten Freiburg, Ulm, Heidelberg, Mannheim und Tübingen. Zudem seien „vier der fünf Standorte von Stuttgart aus mit der Bahn in unter einer Stunde zu erreichen“. Deshalb sehe man „keine strukturellen Änderungs- oder Weiterentwicklungsbedarfe“. Überdies sei das städtische Klinikum als Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Tübingen schon „in die Ausbildung von Medizinerinnen und Medizinern eingebunden“.

Das Land verweist darauf, dass der Mittelbereich Stuttgart, zu dem neben Stuttgart auch Ditzingen, Filderstadt, Gerlingen, Korntal-Münchingen und Leinfelden-Echterdingen zählen, mit 433 Hausärztinnen und Hausärzten einen Versorgungsgrad von 96,4 Prozent erreiche, das sei „knapp unter der Vollversorgung“. Man räumt aber ein, dass 41 Prozent dieser Hausärztinnen und Hausärzte älter als 60 Jahre sind und deren Nachbesetzung „ein wichtiger Faktor sein wird, um die hausärztliche Versorgung in Stuttgart weiterhin auf hohem Niveau zu halten“.

In den Ministerien sieht man „Handlungsnotwendigkeiten“ vor allem durch eine „bessere Vernetzung der verschiedenen Sektoren wie auch eine dadurch verbesserte Patientensteuerung“. Man müsse „das Nebeneinander von Unter-, Fehl- und Überversorgung abbauen“, um „die knappen finanziellen und personellen Ressourcen effizient einzusetzen“, ist man beim Land überzeugt. „Das Problem ist nicht, dass es weniger oder zu wenige Ärztinnen und Ärzte gibt. Durch mehr Anstellung und Teilzeit verringert sich die Ressource Arzt-Zeit.“

Was damit gemeint ist, lässt sich verschiedenen Ärztestatistiken entnehmen. So waren bei der Landesärztekammer Baden-Württemberg 2023 insgesamt 75 270 Ärztinnen und Ärzte Mitglied, 2016 waren es noch 65 420, das ist ein Plus von 15 Prozent. Von den 75 270 Medizinern waren 37,8 Prozent im stationären Bereich tätig (28 447) und 28,6 Prozent ambulant (21 516), macht zusammen 66,4 Prozent. Immerhin ein Drittel war in anderen Bereichen oder gar nicht ärztlich tätig.

Der Hausarztbereich hat allerdings einen Rückgang zu verzeichnen: Um minus acht Prozent ist die Zahl der Allgemeinmediziner von 2016 bis 2023 im Land gesunken, von 5389 auf 4963. Zwar hat in dieser Zeit die Zahl der Internisten in der Hausarztversorgung um 19 Prozent zugenommen (von 1731 auf 2067). Nimmt man aber Allgemeinmediziner und Internisten zusammen, kommt man auf ein Minus von 1,3 Prozent. Bedenkt man, dass es wegen der wachsenden Teilzeittätigkeit von Ärzten und der wachsenden Zahl von Ärztinnen heute zwei bis drei jüngere Mediziner braucht, um einen ausscheidenden älteren Arzt zu ersetzen, wird die Lücke noch deutlich größer. Auch die Bundesärztekammer äußerte sich unlängst besorgt darüber, dass „bei den niedergelassenen Ärzten seit Jahren ein Rückgang zu verzeichnen ist“. Seit 2018 habe sich deren Zahl „um beinahe acht Prozent verringert“.

Zahl der Ärzte hat insgesamt zugenommen

Dabei hat die Arztzahl nach der Statistik der Bundesärztekammer von 2003 bis 2023 in ganz Deutschland um immerhin 41 Prozent zugenommen (von 304 117 auf 428 474). Den geringsten Zuwachs hat aber der ambulante Bereich erfahren (plus 27 Prozent auf 168 285). Die Zahl der stationär tätigen Mediziner hat in dieser Zeit dagegen um 52 Prozent zugenommen (auf 221 936). Ganz besonders groß ist das Plus aber bei den Medizinern, die gar nicht ärztlich tätig sind (plus 67 Prozent auf 140 290), sondern vielleicht in der Pharmaindustrie oder beim Medizinischen Dienst einer Kasse arbeiten. Die Zahl der angestellten Ärzte ist seit 2013 um 169 Prozent gestiegen (von 22 304 auf 60 083).

Profitiert hat das deutsche Gesundheitswesen allerdings vom starken Zuzug ausländischer Ärzte. Deren Zahl hat sich seit 2013 mehr als verdoppelt (von 31 236 auf 63 767). Als „positive Entwicklung“ verzeichnet die Bundesärztekammer auch die immerhin „langsam steigende Zahl der Studienplätze“. Das gilt auch für Baden-Württemberg. An den Hochschulen im Land waren im Wintersemester 2013/2014 insgesamt 10 897 Personen in Medizin mit Abschlussziel Staatsexamen eingeschrieben, 2023/2024 dann 12 618, ein Plus von 16 Prozent. Rechnet man dazu noch jene, die das Studium mit einer Promotion abschließen wollen, stieg die Zahl der Medizinstudenten in dieser Zeit von 13 028 auf 17 214, das ist ein Plus von 32 Prozent.

Bürokratie senkt effektiven Ärzteeinsatz

Dazu kommt, dass die Gesundheitsbürokratie den Ärzten in Praxen und Krankenhäusern Zeit raubt. So ist nach einer Studie die Zahl der Patienten pro ärztlicher Vollkraft innerhalb von zehn Jahren um fast 30 Prozent auf noch 99 Fälle zurückgegangen. Das ist auch aus der Sicht von Mark Dominik Alscher, dem ärztlichen Geschäftsführer des Robert Bosch Krankenhauses, ein Problem. „Die Zahl der Patienten im Krankenhaus ist deutlich zurückgegangen – aber die Effektivität ist schlechter geworden, auch wegen der überbordenden Bürokratie“, betont er. „Die Ärzte sind heute die halbe Zeit mit Bürokratie befasst.“ Es gehe deshalb nicht nur darum, mehr Ärzte auszubilden. Auch die Arztzeit am Bett und am Patienten müsse wieder „signifikant erhöht werden“.

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