Beim Startchancen-Programm geht es darum, dass künftig mehr Kinder die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik erfüllen. Foto: picture alliance / Arne Dedert/dpa
Das Lessing-Gymnasium ist als eines von nur zwei Gymnasien in ganz Baden-Württemberg für das Programm ausgewählt worden. Wofür braucht die Privatschule das Geld?
Das Startchancen-Programm gilt als Meilenstein: Innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren sollen insgesamt 2,6 Milliarden Euro in die Schulen fließen, die es am nötigsten haben. Die eine Hälfte des Geldes kommt vom Land, die andere vom Bund. „Wir unterstützen ganz gezielt dort, wo die Unterstützung am meisten gebraucht wird: Bei den Kindern und Jugendlichen, die es aufgrund ihrer Herkunft oder ihres familiären Hintergrunds nicht aus eigener Kraft schaffen können“, wird Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) in einer Pressemitteilung zitiert.
Unter den vielen Schulen, die landesweit für das Startchancen-Programm ausgewählt worden sind, sind nur zwei Gymnasien:
Dass es nur zwei Gymnasien in ganz Baden-Württemberg sind, ist wenig überraschend. Denn tendenziell stammen mehr Schülerinnen und Schüler an dieser Schulart aus bildungsnahen Familien. Dass aber ausgerechnet das Lessing-Gymnasium für das Startchancen-Programm ausgewählt worden ist, hat in der Stuttgarter Schullandschaft für Verwunderung gesorgt.
Von „Widersprüchen“ und einem „Missverhältnis“ ist die Rede
Richtig ist, dass es dort viele Kinder mit Migrationshintergrund gibt. Doch es ist eine Privatschule, die Eltern zahlen Schulgeld. Es hätte andere Gymnasien in Stuttgart-Nord oder Bad Cannstatt gegeben, an denen der Bedarf höher gewesen wäre als ausgerechnet am privaten Lessing-Gymnasium, so die Argumentation. Die Rede ist von „Widersprüchen“ und einem „Missverhältnis“. Auch die Forderung, das Land solle seine Vergabekriterien für das Startchancen-Programm noch einmal überdenken, ist zu hören.
Dies auch, weil der Schule zumindest in der Vergangenheit eine gewisse Nähe zur umstrittenen islamischen Gülen-Bewegung vorgeworfen wurde. Die Schule weist das stets von sich und betont, interreligiös und interkulturell zu sein. 2019 hatten sich die ehemaligen BIL-Schulen in Lessing-Schulen umbenannt, und so deutlich machen wollen, dass man zu Toleranz, Nächstenliebe und Gleichberechtigung der verschiedenen Kulturen stehe.
2013 hat der private Schulverbund das Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik im Hallschlag bezogen. Foto: Piechowski
Das Kultusministerium kann den Unmut in der Stuttgarter Schullandschaft nicht nachvollziehen. Die Vorgehensweise bei der Auswahl und auch die Kriterien, die der Auswahl zugrunde gelegt werden, seien genau definiert, im Internet nachzulesen und genau so angewendet worden, stellt ein Sprecher in einer schriftlichen Stellungnahme klar.
Demnach sind im ersten Schritt den Schulartgruppen auf Basis der zwei Dimensionen Armutsquote und Migrationshintergrund bedarfsorientiert Starchancen-Plätze zugewiesen worden. Die Privatschulen bildeten dabei eine eigene Schulartgruppe, auf die fünf der insgesamt 540 zur Verfügung stehenden Plätze für Baden-Württemberg und damit weniger als ein Prozent entfielen. „Da die Auswahl der Schulen innerhalb der Schulartgruppen stattfand, und öffentliche Gymnasien zur Schulartgruppe der öffentlichen allgemeinbildenden weiterführenden Schulen ohne Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) gehören, standen öffentliche und private Gymnasien bei der Vergabe der Plätze sozusagen ,nicht in Konkurrenz’“, betont das Kultusministerium.
In der Mail heißt es weiter: „Alle ausgewählten Privatschulen hatten hinsichtlich der herangezogenen Kriterien die höchste oder zweithöchste Kodierung; entsprechend ist von einer sozial benachteiligten Schülerschaft auszugehen.“ Hingegen sei die Ressourcenausstattung der Schulen beziehungsweise der Schulträger bei der Auswahl nicht berücksichtigt worden – und zwar weder bei den öffentlichen noch bei den privaten Schulen.
So reagiert das Lessing-Gymnasium
Am Lessing-Gymnasium ist die Freude über den Geldsegen groß. Wie hoch die Summe ist, kann der Geschäftsführer Ömer Akpunar noch nicht sagen. Wofür das Geld ausgegeben werde, wolle die Schulgemeinschaft in der vom Ministerium geforderten Ziel- und Leistungsvereinbarung gemeinsam festlegen. Laut Vorgaben können die Fördermittel verwendet werden für:
eine Verbesserung der Lernumgebung, beispielsweise für die Einrichtung von Laboren und Werkstätten oder das Anlegen eines Schulgartens
die Unterrichts- und Schulentwicklung und die Etablierung passgenauer Förderangebote
die Weiterqualifizierung von Lehrkräften und Investitionen in multiprofessionelle Teams
Den Unmut in der Stuttgarter Schullandschaft kann der Geschäftsführer nicht nachvollziehen. „Wir sind eine Schule im Hallschlag und haben viele Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund oder aus benachteiligten Familien“, sagt Akpunar. Seit einigen Jahren gelte für das Lessing-Gymnasium und die Lessing-Realschule das sogenannte Nachbarschaftsangebot. Das bedeutet, dass Kinder, die in dem Postleitzahlengebiet wohnen, in dem sich auch der Schulverbund befindet, kein Schulgeld bezahlen.
„Wir wollen keine Schule für Reiche sein, sondern allen Kindern eine Chance auf gute Bildung geben“, sagt der Geschäftsführer. Die Lücke in der Finanzierung, die durch das Nachbarschaftsangebot entstehe, versuche man durch Mitgliedsbeiträge und Spenden auszugleichen, was nicht immer einfach sei.
Startchancen für Privatschule?
Startchancen-Programm Das Ziel ist es, Kindern, die wegen Herkunft, Migrationshintergrund und mangelnden Deutschkenntnissen die größten Nachteile beim Lernen haben, bessere Möglichkeiten zu eröffnen. Die geförderten Schulen sollen den Anteil der Kinder halbieren, der die Mindestanforderungen in Deutsch und Mathematik nicht erfüllt. Im Baden-Württemberg nehmen 540 Schulen an diesem Programm teil.
Lessing-Schulen 2013 hat der private Schulverbund das Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik im Hallschlag bezogen, damals noch unter dem Namen BIL-Schulen. 2016 brauchten diese Poilzeischutz, weil sie als Gülen-nah galten und der islamische Prediger Fethullah Gülen beim türkischen Staatspräsidenten Erdogan in Ungnade gefallen war. Eltern sorgten sich um die Sicherheit ihrer Kinder, damals gab es etwa 50 Abmeldungen.