Unschuldig in Haft "Ich heiße halt nicht Kachelmann"

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Seit elf Jahren verbüßt der Stuttgarter Andreas Kühn eine Haftstrafe. Er soll ein Bankräuber sein. Doch Kühn beteuert vehement seine Unschuld.  

Fast ein Drittel seines bisherigen Lebens hat Andreas Kühn hinter Gittern verbracht. Foto: Heiss 2 Bilder
Fast ein Drittel seines bisherigen Lebens hat Andreas Kühn hinter Gittern verbracht. Foto: Heiss

Stuttgart - Auf seinem T-Shirt steht: "Freiheit und Gerechtigkeit für Andreas Kühn." Er trägt einen Aktenordner in den Besucherraum der Justizvollzugsanstalt Heimsheim, prall gefüllt mit Dokumenten seiner Leidenszeit. Spätestens in zwei Jahren öffnet sich für Andreas Kühn, 38, die Gefängnispforte. Doch das reicht ihm nicht.

Herr Kühn, normalerweise werden Straftäter nach zwei Dritteln der Haftzeit entlassen, Sie könnten demnach seit Mai 2009 ein freier Mann sein. Nur weil Sie nach wie vor leugnen, für vier Banküberfälle verantwortlich zu sein, sitzen Sie noch immer hinter Gittern. Warum tun Sie sich das an?

Was würden Sie an meiner Stelle machen?

Ich würde jede Tat zugeben, wenn ich dadurch aus dem Gefängnis käme.

Das mache ich auf keinen Fall. Ich werde kämpfen, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Das habe ich mir geschworen. Ich kann nicht zulassen, dass mir der Staat meine Existenz raubt und dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Ich hatte mich vor meiner Verhaftung gerade als Personenschützer selbstständig gemacht, mein Geschäft lief gut. Ich wollte eine Familie gründen. Alles wurde zerstört. Warum? Weil ein Staatsanwalt dachte, er müsse mich anklagen. Weil ein Richter meinte, er müsse mich einsperren. Für eine Tat, die ich nicht begangen habe. Jemand, der wirklich unschuldig im Knast sitzt, gibt nicht auf.

Wie verlaufen Ihre Tage?

Um sechs Uhr kommt ein Wärter an die Zelle und macht eine Lebendkontrolle, schaut also nach, ob ich mich in der Nacht nicht erhängt habe. Um halb sieben beginne ich meine Arbeit im Lager; ich bin dafür zuständig, die Gefängnisbetriebe mit Material zu versorgen. Um zwölf ist Mittagessen, alle zwei Wochen gibt's das Gleiche. Dann geht's bis halb vier mit der Arbeit weiter. Um zehn vor vier ist eine Stunde Hofgang. Ab 17.15 Uhr haben wir Freizeit, da kann ich duschen, telefonieren, mir in der Gemeinschaftsküche etwas kochen oder mich mit anderen Häftlingen treffen. Um 20.30 Uhr ist Einschluss.

Wie kommen Sie mit dieser Situation klar?

Abgesehen von den beiden Gefängnisseelsorgern gibt es niemanden hier drinnen, mit dem ich regelmäßig Kontakt haben wollte. Am liebsten bin ich in meiner Einzelzelle und höre Songs von Cassandra Steen und Xavier Naidoo. Ansonsten ist der Knast für mich der reinste Psychoterror, ich lebe in ständiger Angst. Ein Gefängnis ist eine eigene Welt mit eigenen Regeln. Wer sich wie ich wehrt, wird schikaniert.

Sie haben sich etwa 120-mal offiziell beschwert, weil Ihnen nicht passt, wie man im Strafvollzug mit Ihnen umgeht.

Soll ich mir alles bieten lassen? Ein Beispiel: Ich hatte im Sommer bereits Ausgang, war fünfmal für ein paar Stunden in Stuttgart. Dann hatte ich eine Anhörung bei einer Richterin. Die Dame meinte, man könne mich nur gefesselt und in Begleitung von Wachleuten in ihr Zimmer lassen. Das hat wiederum meinen Gefängnisleiter veranlasst, mir die Hafterleichterung vorübergehend zu streichen, da ich - wenn das eine Richterin so sieht - eine Gefahr darstelle. Das ist reine Willkür.

Vor drei Jahren hat der Ulmer Anthropologe Friedrich Rösing ein Porträtfoto von Ihnen mit den Aufnahmen verglichen, die eine Überwachungskamera vom teilweise maskierten Täter gemacht hatte. Rösing kam zu dem Schluss, dass es sich um zwei Personen handelt: Haargrenze, Unterkieferwinkel, Ohren, Form der Wirbelsäule et cetera - insgesamt 17 Unterschiede hat er entdeckt.

Wäre Rösing bei meinem Prozess vor elf Jahren als Sachverständiger von meinem damaligen Anwalt gefordert worden, wäre ich freigesprochen worden. Aber damals war ich naiv, ich dachte bis zum letzten Verhandlungstag: Die Sache wird gut ausgehen, ich war's ja nicht. Ich konnte mir keinen Spitzenanwalt leisten, ich heiße halt nicht Kachelmann. Es ist grotesk, dass man als Angeklagter von solchen Dingen abhängig ist. Von Chancengleichheit kann in unserem Rechtssystem keine Rede sein.

Immerhin hat das Oberlandesgericht Stuttgart im Juli 2009 festgestellt, dass es "ausreichend ernsthafte Zweifel an der Richtigkeit der Verurteilung hinsichtlich der Banküberfälle" gebe. Seither wird geprüft, ob ein Wiederaufnahmeverfahren zulässig ist. Warum ist noch immer keine Entscheidung gefallen?

Weil das für die Wiederaufnahme zuständige Landgericht Ravensburg die Sache absichtlich in die Länge zieht. Da wird auf meine Kosten Zeit verschwendet, vielleicht in der Hoffnung, dass ich irgendwann von allein aufgebe. Das wird aber niemals passieren, eher friert die Hölle zu.

Das Landgericht Ravensburg hat im vergangenen Jahr ein Gegengutachten zu Rösings Expertise vorgelegt: Die Freiburger Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen will Sie nicht als Täter ausschließen, da die Bildqualität der Überwachungskamera so schlecht sei, dass eine eindeutige Aussage unmöglich sei.

Mit Rösing und Wittwer-Backofen widersprechen sich zwei Gutachter, die regelmäßig von Gerichten bestellt werden. Je nachdem, wen von beiden der Richter zufälligerweise befragt, wird man verurteilt oder nicht. Dabei kann sich doch jeder Experte irren. Frau Wittwer-Backofen hat beispielsweise in Weimar exhumierte Gebeine untersucht und war sich sicher: "Der Fürstengruftschädel gehört Friedrich Schiller." Nachzulesen in der "Spiegel"-Ausgabe vom 5.Mai 2008. Kurz darauf hat ein DNA-Test ergeben, dass Witwer-Backofen mit ihrer Expertise hundertprozentig falsch lag.

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