Unternehmer – und depressiv Radieschen statt Rendite: Wie ein Millionär zum Robin Hood von Cannstatt wurde

Ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus: Joachim Petzold, Unternehmer und Pionier nachhaltiger Stadtentwicklung. Foto: LICHTGUT

25 Jahre lang ist Joachim Petzold ein erfolgreicher Werbeunternehmer – dann investiert er sein Vermögen in eine grüne Insel. Was steckt hinter dem radikalen Wandel?

Früher hat er Zigaretten, Schnaps oder Energydrinks verteilt, heute verschenkt er Zimt, Schnittlauch oder Eisbergsalat. Großzügig war Joachim Petzold schon immer. Früher mit den Millionenbeträgen aus seiner Marketingagentur, heute mit dem Taschengeld, das er von seiner Frau bekommt – seit er sein siebenstelliges Vermögen 2012 in eine eigene Insel investiert hat.

 

Sanierung ohne Baugenehmigung

Unternehmer kaufen des Öfteren private Inseln mitten in der Karibik. Selten jedoch gründen sie eine gemeinnützige, blühende Kulturinsel mitten im Brachland eines ehemaligen Güterbahnhofs. Selten schaffen sie dort einen urbanen Gemeinschaftsgarten mit mehr als 200 verschiedenen Kräutern, Obst- und Gemüsesorten. Selten verwandeln sie das 3500 Quadratmeter große Areal eines insolventen Clubs ohne Baugenehmigung in eine Begegnungsoase für die Nachbarschaft, Geflüchtete, Kunstaffine, Studierende und Umweltaktivistinnen.

Mitten im Brachland eines ehemaligen Güterbahnhofs hat Joachim Petzold ein Imperium für nachhaltige Stadtentwicklung errichtet. Foto: LICHTGUT

Die Kulturinsel gilt längst als „der“ soziale Treffpunkt in Bad Cannstatt, einem historischen, angestaubten Stuttgarter Stadtbezirk mit Wurzeln bis in die Römerzeit. Neben dem Garten Inselgrün, im renovierten Gebäude des ehemaligen Clubs Zollamt, beschäftigen sich Studierende mit Bitterstoffen in Wildkräutern, aus denen das Künstlercafé ein Stockwerk höher Tee serviert. In einem Konferenzraum diskutieren Fridays-for-Future-Mitglieder mit Winfried Kretschmann, ein paar Türen weiter kochen die „Omas for Future“ mit jungen Syrern Erbseneintopf und Tabouleh. Im Innenhof tanken Porschemanager beim Unkrautjäten Kraft statt Kraftstoff.

Jeden Morgen steht Joachim Petzold mit dem Gedanken auf, Menschen und Welten zusammenzuführen – und seine Welt zu erhalten. Seit 13 Jahren verteidigt er sein Refugium gegen Bürokratiewahnsinn, Bauvorhaben und rechtsextremen Hass. Manchmal stur-, bisweilen hitzköpfig, aber (außer bei Nazis) immer kompromissbereit.

Revolutionär mit Nachsicht

In dem 52-Jährigen steckt ein Revolutionär mit Nachsicht. Bereits sein Vater Werner Petzold vertrat die Ansicht, dass Veränderung im Kleinen, vor Ort, beginnt. In den 1960ern baute der Arzt ein Krankenhaus in Kamerun auf und verliebte sich in eine Missionarstochter. Das Ergebnis ihrer Ehe ist Joachim – ein aufgeschlossener Grenzgänger, ein Macher mit dem Blick für das Machbare, der umsetzt, wovon andere nicht einmal träumen. „Ich kenne niemanden sonst, der für einen gemeinnützigen Zweck alles riskiert und auf so vieles privat verzichtet“, sagt seine Frau Lana Bytschkow.

Was ihn antreibt? „Psychische Probleme“

Was treibt einen Geschäftsmann zu einem solchen Robin-Hood-Unterfangen, das keine Renditen außer grünem Wachstum (im Garten) verspricht? „Psychische Probleme. Ohne meine Depression gäbe es die Kulturinsel nicht“, antwortet Petzold. „Und ohne Lanas Beistand gäbe es heute vermutlich weder die Insel – noch mich.“

Ein schiefes Lächeln, ein kurzes Achselzucken. Dann krempelt er den Saum seiner Jeans hoch, wischt sich Schweiß, Dreck und die wirren grauen Haare aus der Stirn und macht sich bereit für sein neues Projekt. Im Laufe des Tages sollen 15 Pflanzentöpfe eintreffen, gesponsert vom Klima-Innovationsfonds der Stadt.

Mit 50 000 Euro will Joachim Petzold richtig auftischen: Von Erdbeeren über Gurken bis hin zu Meerrettich soll hier „die erste essbare Straße Stuttgarts“ entstehen. Ihr Initiator ist vor Begeisterung völlig von den Socken. In Flipflops und mit Hummeln in der Hose läuft er zwischen Rucola und Radieschen auf und ab, während er auf seine kübelförmige Lieferung wartet. Nebenbei summt er vergnügt „Je veux“. Französisch versteht er nicht, aber die Botschaft der Sängerin Zaz: Liebe ist Luxus. Sporadisch verstummt er und prüft bekümmert die Blätterfarben seiner Pflanzen.

Die Trockenheit setzt ihnen zu. Weil ihm eine bürokratische Haftungsvorschrift einen neuen Wasseranschluss verbietet, bewässert Joachim Petzold seine Sammlung mühselig mit ellenlangen Schläuchen. Drei Stunden und Dutzende Kilometer wandert er dafür täglich durch seinen Garten.

„Meine Arbeit waren Partys“

Extra-Meilen zu laufen ist für ihn der normale Gang seiner Natur. Früher ist er sie gefahren: „Wie mit 300 km/h auf der Autobahn“, beschreibt er sein Leben als Besitzer einer internationalen Werbeagentur. „Meine Arbeit waren Partys. Tagsüber habe ich sie organisiert, nachts besucht.“ Eine intensive Zeit – „zu intensiv“, nennt Petzold sie rückblickend.

Er zündet eine Zigarette an, entschuldigt sich und ruft im selben Atemzug mit dröhnender Stimmgewalt: „Hier drüben hin!“ Der Klang dirigiert vier keuchende Männer samt schwerer Ladung über den Marga-von-Etzdorf-Platz bis ins grüne Eldorado. „Typisch“, bemerkt Franziska Rittel, eine Anwohnerin, die ihre Mittagspause unter einem Feigenbaum verbringt. „Man hört ihn, bevor man ihn sieht“, meist mit dem Kopf in den Blättern. Auch die 47-Jährige ist Petzolds Stimme gefolgt. Seither kommt sie häufig her, zum Gärtnern und Entspannen.

„Wie mit 300 km/h auf der Autobahn“: So beschreibt Joachim Petzold seine „intensive Zeit“ als Werbeunternehmer. Foto: Joachim Petzold / Nino Halm

Karrierestart war Käse

Gärtnern und Entspannen: Für Joachim Petzold lange Zeit Fremdwörter. „25 Jahre habe ich nur für die Agentur gelebt“, sagt er. Sein Einstieg in die Werbeindustrie „war Käse“: Als 22-jähriger Wirtschaftsstudent preist er Frischkäse an, überzeugt Hausfrauen von der cremigen Konsistenz, seine Auftraggeber von seinem Talent und sich von einer glanzvollen Karriere. Bis sie ihn zunehmend anwidert: „Man ist nicht mehr wert als seine Position.“

Auf der Kulturinsel hingegen spielt der Status keine Rolle. Vom Geflüchteten bis zum Porschemanager sind alle gleichermaßen willkommen – außer Eidechsen. Bedrohte Tierarten stehen dem klimainnovativen Quartier „Neckarpark“ mit 850 Wohnungen im Weg, das die Stadt hier errichten will. Ein Vorhaben, das Petzold begrüßt: „Endlich eine Perspektive für Bad Cannstatt.“

Bedrohtes Paradies

Die Kehrseite: Sein Refugium soll weichen. Die Stadt verspricht der mit mehreren Sozialpreisen ausgezeichneten Kulturinsel zwar eine Unterbringung im künftigen Neckarpark. Doch der Bau verzögert sich im bewährten Stuttgart-21-Stil seit einem Jahrzehnt und mit ihm der Beschluss über das Insel-Schicksal.

Überfeiert, leer – und cholerisch

Ihr Gründer zeigt sich trotz finanzieller Sorgen kämpferisch: „Durchhalten ist Teil von Innovation. Lieber gehe ich für etwas Sinnvolles an meine Grenzen statt für Markenprodukte – wie früher.“ Irgendwann habe er seine Werbekampagnen als sinnlos empfunden, sich selbst als „überfeiert und leer“. Gleichzeitig glaubt er damals: Er ist nichts ohne die Agentur, die Agentur nichts ohne ihn. Also betäubt er seine Zweifel mit Arbeit und Alkohol. Gewissenhaft bugsiert er die Firma 2009 durch die Wirtschaftskrise, erreicht die Limits seiner Belastbarkeit, überschreitet sie, bekommt einen Tinnitus, dreht einfach Fernsehen und Musik lauter.

Nachts träumt er von den fälligen Gehaltschecks seiner Dutzenden Angestellten. Tagsüber brüllt er sie an, nutzt seine markante Stimme als Waffe: „Ich war cholerisch. Kein guter Chef. Ich habe meinen eigenen Druck weitergegeben.“

Der klassische Burnout?

Joachim habe als Chef 150 Prozent gegeben, sagt sein langjähriger Freund Thomas Binder aus. Bis zum Zusammenbruch: „Plötzlich konnte er die Rollläden nicht mehr hoch lassen und musste sich direkt wieder hinlegen. Der klassische Burn-out.“

Burn-out: Joachim Petzold hasst dieses Wort. Weil Überarbeitung das einzige psychische Problem sei, das unter Geschäftsleuten akzeptiert werde. Ein Zeichen wahrer Kraftanstrengung, bloß keine Schwäche zugeben. „Eigentlich war ich tief depressiv.“ Täglich sitzt der Unternehmer am Steuer und sieht den Ausweg im Straßengraben. Bis er Anfang 2012 die Kurve kriegt: Er überträgt seine Aufgaben an einen Geschäftsführer und informiert sein Arbeitsumfeld über seinen Zustand. „Viele haben mich danach nicht mehr ernstgenommen.“

Tinnitus statt Telefon

Sein Telefon bleibt schlagartig still, sein Tinnitus tönt umso lauter. Joachim Petzold sucht psychologische Hilfe und sich selbst, auf der „tiefsten Reise“ seines Lebens: „Geld macht nicht glücklich“, sagt er. „Aber immerhin hatte ich genügend, um woanders unglücklich zu sein.“

Erst lernt er auf der Schwäbischen Alb reiten, dann zieht er für ein Jahr allein in ein spanisches Bergdorf. „Dort habe ich nur geschlafen, mit dem Rad Kreise gedreht und mich unablässig gefragt: Welche Werte sind mir wichtig?“

Auswandern oder Weltreise?

Zwischenzeitlich kehrt er für Firmentreffen nach Stuttgart zurück. „Ganz loslassen konnte ich nicht“, gibt er zu. „Aber ich bereue es nicht“. Denn: Auf einem der Treffen begegnet er der Finanzbuchhalterin Swetlana Bytschkow. Es ist der Auftakt einer innigen Beziehung, in der beide dasselbe wollen: einen tiefgreifenden Wandel. Auswandern oder Weltreise? 45,7 Jahre, errechnen die beiden, könnten sie von ihrem Ersparten leben, wenn sie die Agentur verkaufen.

Weltuntergang und Neustart

Doch stattdessen möchte Joachim Petzold seiner Agentur im Herbst 2012 eine neue, nachhaltige Bedeutung verleihen. Es ist das Jahr des prophezeiten Weltuntergangs, eine vielversprechende Vorhersage für den Neustart der Kulturinsel. Um die Finanzierung kümmert sich Lana: „Im Umgang mit Zahlen ist sie unschlagbar“, sagt Petzold anerkennend. Er macht, was er am besten kann: Werbung. Statt für Weltmarken nun für sein Fleckchen Erde.

Damit lockt er schon bald Birgit Haas auf die Insel. Im Gepäck trägt sie die Idee des ersten urbanen Gartens in Stuttgart. „Die gängige Reaktion: Skepsis. Damit verdient man nichts!“, erinnert sich die einstige Büroangestellte. „Joachims Reaktion: Toll, wann fangen wir an?“ Dank Birgit Haas – jetzt Dozentin für essbare Pflanzen an der Hochschule Nürtingen – habe er seine Liebe fürs Gärtnern entdeckt, erzählt Petzold: „Gartenarbeit ist für mich eine Therapie“. Man schaffe etwas im Einklang mit der Natur und übe, Vergänglichkeit zu akzeptieren.

Gärtnern als Therapie

Das Ende einer Paprikapflanze verarbeitet man leichter als das Ende einer 30-jährigen Firma. 2019 schließt Petzold seine Agentur, um sich auf die Kulturinsel zu konzentrieren. Keine leichte Entscheidung und ein Trigger für seine Depression: „Ohne Lana hätte ich das nicht gepackt.“ Während seine Frau den Großteil des Geschäfts abwickelt, geht Petzold stundenlang mit Chili spazieren, seinem kaukasischen Bärenhund. „Sein Bewegungsdrang hat mich aus meiner Lethargie geholt“, erklärt er. Hat er so seine Depression heilen können? Ein Kopfschütteln. „Nein. Die Krankheit verläuft in Schüben. Aber inzwischen kann ich viel besser damit umgehen.“

Joachim Petzold arbeitet weiter sieben Tage die Woche, wie früher. Er tendiert dazu, sich zu (über)fordern, wie früher. Er erhebt seine Stimme, aber nicht wie früher: Jetzt setzt er sie ein, um Menschen zu bestärken. Klar, gelegentlich will er schreien, wenn er sich mal wieder verrannt hat. Wer leidenschaftlich Luftschlösser baut, muss manchmal in die Luft gehen.

Leidenschaftlich – aber nicht mehr ungezügelt

Bekanntlich ist Leidenschaft der Trieb, der Großes, aber auch Leiden schafft. Letzteres kann Joachim Petzold mittlerweile verhindern. Bevor er sich übernimmt und Konflikte eskalieren, geht er dahin, wo der Pfeffer wächst: in seinen Garten.

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