Unternehmer Reinhold Würth, Ehrenvorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe, schreibt gern Briefe. Foto: Mario Heinritz
Mit 91 Jahren ist Reinhold Würth Ehrenvorsitzender im Stiftungsaufsichtsrat – doch schweigen will der Unternehmer nicht. „Er ist ein guter Ratgeber“, sagt Würth-Chef Robert Friedmann.
Auch mit 91 Jahren bringt sich Unternehmerlegende Reinhold Würth noch in die Firma ein. „Es ist sein Unternehmen, sein Baby und das wird es immer bleiben“, sagt Robert Friedmann, wenn er nach der Zusammenarbeit mit Reinhold Würth gefragt wird.
Friedmann hat gerade seine 20. Bilanzpressekonferenz als Sprecher der Konzerngeschäftsführung der Künzelsauer Würth-Gruppe absolviert. Keine Selbstverständlichkeit als familienfremder Manager in einem Familienunternehmen. Doch die Chemie stimmt.
„Professor Würth ist ein guter Ratgeber“, sagt Friedmann. Er habe vitales Interesse nicht nur am Fortschritt des Unternehmens, sondern auch an den Geschehnissen in der Welt. „Dazu meldet er sich, ruft an, befragt uns“, sagt Friedmann. Umgekehrt funktioniert das übrigens genauso, denn auch für die Würth-Manager gibt es Themen, „bei denen wir ihn konsultieren und es gut ist, seine Meinung zu hören“.
„Herr Würth schreibt lieber Briefe“
Anfang 2025 hat Reinhold Würth, der aus einem Zwei-Mann-Betrieb einen Milliardenkonzern geschaffen hat, an die Enkel-Generation übergeben und ist seither Ehrenvorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe. Auch mit Würths Enkeln, Stiftungsaufsichtsratsvorsitzender Benjamin Würth und Sebastian Würth, dem Beiratsvorsitzenden der Würth-Gruppe, gebe es regelmäßige Abstimmungstermine - persönlich und digital. „Mit der jungen Generation geht auch viel telefonisch“, sagt Friedmann. Herr Würth sei da etwas formaler und führe Unterhaltungen gern am Tisch. „Die junge Generation ist kommunikationsfreudiger, Herr Würth schreibt lieber Briefe.“
Benjamin Würth ist seit Anfang 2025 Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe. Foto: Frank Blümler
Der Austausch und die Unterstützung sei sehr gut. Die Eigentümerfamilie sei auch den Weg mitgegangen, keine harten Einschnitte beim Personal zu machen und habe damit bewusst auf Gewinn verzichtet. Ähnlich sei das auch beim Aufbau von hohen Lagerbeständen, obwohl das Liquidität koste. „Wir fühlen uns in diesem Umfeld sehr wohl und ich glaube, dass die Entwicklung des Unternehmens das auch ein bisschen widerspiegelt“, sagt Friedmann.
Reinhold Würth hat sich auch im Geschäftsbericht zu Wort gemeldet – mit mahnenden Gedanken in einem Essay. „Die Bundesrepublik Deutschland steuert auf das Ende des Seins zu und ist in großer Gefahr, in den Modus des Vergehens zu rutschen.“ Er kritisiert mit Blick auf Unternehmen und Deutschland, wo sich Parallelentwicklungen andeuten: „Der Wohlstand ist da, die Work-Life-Balance verschiebt sich immer mehr auf kürzere Arbeitszeiten, mehr Urlaub, höhere Löhne bei gleichzeitig möglicher Leistungsreduzierung“. Das seien „Indikatoren für den Zustand des Seins, an dessen Ende der Übergang in den Zustand des Vergehens unausweichlich ist - das lehrt die Geschichte“, schreibt Reinhold Würth.
Er hat sein Unternehmertum schon immer im Zyklus des Werdens, des Seins und des Vergehens betrachtet, inspiriert vom Triptychon – dem dreiteiligen Werk – des Malers Giovanni Segantini. Was Würth damit meint? Werden steht dabei für Wachstum (also Märkte kennen keinen Stillstand, Fortschritt schafft neue Möglichkeiten), das Sein für Zufriedenheit, Stabilität und Sättigung. Wer darin zu lange verharrt, wird überholt und rutscht ins Vergehen.
Würths Credo: „Fördern wir das Werden.“ Im Vergleich Unternehmen und Staat gelte Gleiches, schreibt er. „Bürokratieabbau, Auflösung unnötiger Führungsebenen, Förderung des Wir-Gefühls, den Hilfsbedürftigen beizustehen und vor allem Vorbildfunktion zu übernehmen.“ Dann rücke auch der Zustand des Vergehens in eine weite Zukunft.