Manchmal scheint es die Eier legende Wollmilchsau doch zu geben. Zumindest für den Esslinger Christian Lempp (42) war sein Speed-Pedelec lange Zeit ein solcher Glücksfall. Dieses E-Bike, das eine Geschwindigkeit von bis zu 45 Kilometer in der Stunde fahren kann, brachte den Geo-Informatiker im Berufsverkehr schneller an seinen Arbeitsplatz im Stuttgarter Rathaus als das Auto oder die S-Bahn; die 15 ebenen Kilometer entlang des Neckars schaffte er meist in 25 Minuten. Über die Jahre gerechnet war das Bike auch das günstigste Verkehrsmittel, jedenfalls in den Zeiten vor dem Deutschlandticket. Und zudem trieb er unterwegs noch Sport und verbesserte seine Fitness.
Auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) ist geradezu verliebt in das Speed-Pedelec. Es sei 13-mal sparsamer als ein Auto, und man könne damit bequem Strecken zurücklegen, für die man bisher das Auto benutzt habe, so Anika Meenken vom VCD. Das bedeutet: Wer sein Auto komplett gegen ein S-Pedelec tauschen würde, spart 92 Prozent der autobedingten CO2-Emissionen ein. Da ein Benzinauto, mit dem man 15 000 Kilometer im Jahr fährt, je nach Klimarechner zwischen 2,1 und 3,7 Tonnen CO2 ausstößt, könnte man damit seinen gesamten ökologischen Fußabdruck um rund ein Fünftel senken. Auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt kam 2022 in einer Studie zu dem Ergebnis, dass S-Pedelecs tatsächlich bis zu 19 Prozent aller Auto-Kilometer ersetzen könnten (E-Motorräder schaffen 33 Prozent).
Christian Lempp bestätigt: „Man ist schnell genug, um im Stadtverkehr mitzuschwimmen. Und wenn man mit 35 Kilometer pro Stunde fährt, schwitzt man kaum und muss nicht erst duschen, bevor man sich an den Schreibtisch setzt.“ Er hat mehrere Jahre lang täglich, auch im Winter, das S-Pedelec benutzt. Und war begeistert: „Innerhalb eines 30-Kilometer-Radius ersetzt das S-Pedelec ein Auto.“ Erst ein Bandscheibenvorfall hat ihn jetzt notgedrungen kürzer treten lassen; er nutzt das Rad nun vorwiegend in der Freizeit.
Aber wenn das so ist, warum sieht man dann so wenige auf den Straßen in Baden-Württemberg? Lediglich 11 000 S-Pedelecs sind 2022 in Deutschland verkauft worden; das entspricht gerade 0,5 Prozent aller E-Bikes. Die Antwort: Im Gegensatz zu normalen E-Bikes dürfen diese Schnellräder nicht auf Radwegen fahren. Auch Feld- und Forstwege, über die man schönere und kürzere Strecken nutzen könnte, sind tabu. So muss man am Straßenrand entlangradeln und erlebt es öfters, dass Autos beängstigend knapp an einem vorbeirauschen oder dass man aus dem Fenster heraus sogar angepöbelt wird, man solle sich auf den Radweg trollen.
Ministerium befürchtet Kollisionen auf den Radwegen
S-Pedelecs gelten als Kleinkraftrad, sie müssen deshalb wie ein Mofa ein Kennzeichen haben, eigentlich müsste der Fahrer sogar einen Motorradhelm tragen – aber das macht kaum einer. In der Schweiz gelten diese Beschränkungen nicht: Dort ist deshalb der Anteil der S-Pedelecs mittlerweile auf 25 Prozent gestiegen. In einem Positionspapier des VCD heißt es deshalb: „S-Pedelecs können ihr Potenzial nur dann voll entfalten, wenn die Politik die passenden Rahmenbedingungen schafft.“
Das Bundesverkehrsministerium aber bleibt bei seiner bisherigen Position; eine Regeländerung sei weiter nicht geplant, teilt die Sprecherin Hanna Büddicker auf Anfrage mit. Hauptgrund: „Die Geschwindigkeiten von S-Pedelecs sind grundsätzlich nicht mit den Belangen des deutlich langsameren Rad- und Fußverkehrs vereinbar.“ Man fürchtet also Zwischen- und Unfälle, zumal wenn auf gemischten Wegen auch Fußgänger unterwegs wären. Immerhin soll derzeit in einer Studie gemeinsam mit Österreich und der Schweiz geklärt werden, welche „infrastrukturellen und techno-sozialen Lösungen“ es geben könnte für die Koexistenz dieser Verkehrsmittel. Ergebnisse lägen noch nicht vor.
Christian Lempp glaubt dagegen nicht, dass es zu Problemen käme – die meisten S-Pedelec-Fahrer seien rücksichtsvoll und würden ihre Geschwindigkeit anpassen, je nach Breite des Wegs und je nach Verkehr. Manche spitzen noch mehr zu: Nur weil ein Porsche 200 km/h fahren könne, verbiete man ihm ja auch nicht, in eine Tempo-30-Zone einzubiegen.
Ganz verloren ist die Sache für die Befürworter aber dennoch nicht. Denn jede Kommune darf selbst entscheiden, ob sie gewisse Radwege für S-Pedelecs freigibt. Tübingen war wieder einmal Vorreiter – dort fährt OB Boris Palmer nicht nur seit Jahren selbst ein solches Gefährt, sondern es stehen auch drei Dienst-S-Pedelecs für alle Mitarbeiter zur Verfügung. „Es gibt kein beliebteres Fahrzeug“, sagt der zuständige Verkehrsplaner Daniel Hammer. Schon vor fünf Jahren hat Tübingen ein rund 80 Kilometer umfassendes Netz an Rad- und Wirtschaftswegen ausgewiesen, über das die Schnell-Biker auch in die Innenstadt kommen. Ein Schild „S-Pedelec frei“ informiert darüber.
„Es funktioniert“, ist das Fazit von Daniel Hammer, alles sei unauffällig, es gebe keine erhöhten Unfallzahlen. Allerdings ist der Aufwand für eine Kommune relativ groß, jeder Weg müsse überprüft werden, ob er freigegeben werden kann oder nicht. Bisher habe deshalb in Baden-Württemberg nur Konstanz nachgezogen. Daniel Hammer findet das schade: „Wenn man die Mobilitätswende wirklich will, muss man alle Elemente mitdenken und fördern“, findet er.
VCD hält Beschränkungen innerorts für akzeptabel
Der VCD schlägt als Kompromiss vor, dass S-Pedelecs nur die außerörtlichen Radwege uneingeschränkt nutzen dürfen; innerorts soll es eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 25 Kilometer pro Stunde geben. Wo auch Fußgänger unterwegs seien, könne das Verbot bleiben. Auch darauf will die Politik bisher nicht eingehen.
Wer sich dennoch für ein S-Pedelec entschließt, dem rät Christian Lempp darauf zu achten, dass das Rad eine Nabenschaltung hat – angesichts der vielen Kilometer, die man fahre, benötige eine Kettenschaltung zu viel Wartung. Und wie bei den meisten Warengütern lohne es sich, in gute Qualität zu investieren; bei einem S-Pedelec wirkten große Kräfte auf das Rad. Sein Bike der Firma Riese & Müller hat vor einigen Jahren 6600 Euro gekostet. Damit ist er rund 9000 Kilometer im Jahr gefahren. „Ich habe den Kauf nie bereut“, sagt er: „Neben dem Umweltgedanke und der Zeitersparnis war ich auch immer wach, wenn ich im Büro ankam.“ Bei vielen S-Bahn-Dösern ist das nicht immer der Fall.
Die Unterschiede
Pedelec
Ein normales Pedelec, umgangssprachlich E-Bike genannt, kann bis zu 25 km/h fahren. Es ist rechtlich mit dem Fahrrad, umgangssprachlich Bio-Bike, gleichgestellt.
S-Pedelec
Dieses Rad fährt bis zu 45 km/h. Es muss eine Versicherung besitzen und ein Kennzeichen tragen, und es muss mit Rückspiegel und Hupe ausgestattet sein. Auch eine Helmpflicht besteht. Rad- und Wirtschaftswege dürfen nicht benutzt werden. fal