Uraufführung Oper Stuttgart Großer Jubel für „Station Paradiso“

Szene aus „Station Paradiso“ im Opernhaus Stuttgart Foto: Matthias Baus

Zwischen Stuttgart, Antalya und Neapel: Die Komponistin Sara Glojnarić hat im Stuttgarter Opernhaus „Station Paradiso“ uraufgeführt. Um was geht es bei der „Mixtape-Oper“?

In Stuttgart steigen sie in einen Bus, der sie nach Italien, ins ehemalige Jugoslawien, bis in die Türkei fährt, zunächst auf der früheren Europastraße 5, der „Gastarbeiterroute“: auf dem Sehnsuchtsweg nach Zuhause. In die vertraute, die fremde Vergangenheit. Also zumindest zu den familiären Wurzeln. Start und Ziel ist die Station „Paradiso“, selbstverständlich dekoriert mit einem Mercedes-Stern. Ob die Menschen ankommen? Wo, wie?

 

Und Cem Özdemir wird jetzt Ministerpräsident

„Station Paradiso“ heißt die „Mixtape-Oper“ von Sara Glojnarić über Erfahrungen von Migration in der schwäbischen Diaspora, in der ersten, zweiten, dritten Generation. Es geht auch um Integration, Identität, Selbstfindung. Und uraufgeführt wurde sie am vergangenen Sonntag in der Staatsoper, nur wenige Meter entfernt vom baden-württembergischen Landtag, wo am Mittwoch Cem Özdemir, Kind türkischer Einwanderer, zum Ministerpräsident gewählt werden will. Eine starke, erlebenswerte Opernproduktion – und eine applauswürdige Koinzidenz.

Diana Haller als „Yugo-Tochter“

Nur dass die Kroatin an ihrem Werk schon komponierte, als der Grüne noch gar nicht als Kretschmann-Nachfolger nominiert war. Glojnarić, 1991 in Zagreb geboren, hatte eine Tonkassette im Stuttgarter Stadtpalais entdeckt: besungen, aufgenommen von einer Großmutter im Jahre 1979 in Neapel. Sie schickte damit ihren in Deutschland arbeitenden Töchtern und ihrem Sohn ein Lebenszeichen, akustische Heimatszenen und -gefühle.

Diana Haller als Yugo-Tochter Foto: Matthias Baus

Die Komponistin führte dann viele Interviews mit Menschen, die oder deren Familien sich seit den 1960er Jahren in Stuttgart und Umgebung angesiedelt hatten. Die Autorin Tanja Šljivar sampelte aus dem Material ein Libretto. Aber diese Oper ist kein dokumentarisches Musiktheater, sie erzählt eine musikalische „oral history“: mit dem Soundtrack der Migranten, mit den Songs der Gastarbeiterfamilien, die sie zum Beispiel hörten, als sie in den Urlaub nach Hause fuhren. Keine Madeleines wie bei Proust – sondern Klangschnipsel.

Mixtape? Die Älteren wissen das noch: Auf Kassetten nahm man Songs auf, sehr persönlich ausgewählt, als Geschenk für Freunde. Und das ist dann auch die von Anika Rutkofsky bunt bis popartig im Bühnenbild von Christina Schmitt inszenierte Story eines auch in surreale innere Landschaften führenden Roadmovies: Der Busfahrer, so eine Art Fährmann der verstorbenen wie der sehr lebendigen Seelen, ein Electro-DJ mit Bandsalat-Flügeln, verlangt keinen Fahrschein von seinen Gästen, sondern ein Lied aus der Heimat.

Vom Gastarbeiterkind bis zur Anwältin

Aber in dieser Oper wird keine Playlist abgerufen, sie ist auch kein Migranten-ESC. „Paradiso“ könnte man allerdings auch mal als Para-Disco verstehen, wenn Diana Haller als „Yugo-Tochter“, die sie ja, im kroatischen Rijeka geboren, tatsächlich ist, zu rockigem Sound wild tanzt bis zur Erschöpfung. Diese Figur steht für das Gastarbeiterkind, das sich fleißig hocharbeitete bis zur Anwältin: „Mein Papa ist in Gedanken immer noch in Jugoslawien“, erklärt sie, seine proletarische Nostalgie ist ihr peinlich. Doch auch sie kann sich nicht lösen von ihren Wurzeln.

„Los, los, nach Neapel!“, fordert der Busfahrer, angemessen dämonisch von Goran Jurić, noch ein echter „Yugo“, gesungen. Und dann dröhnt auch Gianna Nannini mit „Bello e impossibile“ durchs Opernhaus, das sonst eher Donizetti, Verdi oder Puccini kennt. Unmöglich ist hier nichts: Glojnarić hat mit großem Aufwand eine experimentell-moderne Klangkulisse aufgebaut, eine 140-minütige Total-Ton-Spur mit Surround-Technik. Tonbandaufnahmen, auch Gesprächsfetzen, Samples, sehr viel Elektronik. Live gespielte Synthesizer.

Erinnerungen in Einweckgläsern

Aber im Graben agiert auch das von Peter Rundel dirigierte Staatsorchester; bei den Bläsern fast nur solistisch besetzt, großer Schlagzeugapparat, E-Gitarre. So geht die Reise ungefähr vom Popländ nach Donaueschingen, angetrieben auch von Minimal Music und Electro-House. Das Ensemble singt exponierte, oft in die Höhe geschraubte Arien. Die Komponistin selbst spricht von immersiver Wirkung: Eintauchen in eine künstliche Welt, das Reale verschwimmt. Das kann man sagen. Das kann aber auch problematisch irritieren: wenn das live agierende Staatsorchester nicht wahrnehmbar ist.

Goran Jurić als Busfahrer und DJ Foto: Matthias Baus

Wer da alles unterwegs ist im spielzeughaften Bus, der auch in zwei aufgeteilten Hälften kurvt, bewegt von Bühnenarbeiterinnen, in Video-Umgebung? Etwa der türkische Vater (Matthias Klink), ein heimwehtrauriger Rentner. Oder die süditalienische Tochter (Martina Mikelić), politisch engagiert, die ihrer Mutter Vorwürfe macht, dass sie sich nie wehrte gegen schlechte Arbeitsbedingungen. Solche Geschichten, Biografien. Dazu der Chor der drei „Tanten Mari(j)as“: In ihrer Küche kochen sie Erinnerungen in Einweckgläsern ein.

Der Bus fährt wieder zurück nach Stuttgart. Die Reisenden (ein beeindruckendes Ensemble) sitzen am Tisch zusammen, singen vielstimmig im Chor: „Diese Stadt strahlt Versprechen aus./ Diese Stadt sind alle unsere Städte, gestapelt, geschichtet, getürmt.“ Es ist nicht das Paradies, aber die Menschen sind zuversichtlicher angekommen. Auch in Stuttgart kann die Sonne aufgehen, nicht nur im Süden. Großer Premierenjubel.

Party im Stadtpalais Stuttgart

Vorstellungen
„Station Paradiso“ steht an der Staatsoper Stuttgart in dieser Saison auf dem Programm am 14., 17. und 24. Mai sowie am 1., 6. 11. und 21. Juni im Opernhaus Stuttgart.

Playlist
Zum Begleitprogramm gehört auch die Aktion „Party Paradiso“. Für jeden Kilometer der ehemaligen Europastraße 5 wird ein Song gesucht. Eine Playlist entsteht: Auf der Internetseite der Staatsoper kann man die Songs einreichen. Ein Best-of der Lieder wird bei „Party Paradiso“ am 16. Mai auf den Stufen des Stadtpalais zu hören sein.

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