Bei der Lagebesprechung berichtet Konrektor Timo Seifried. Foto: Langner
Fünf Kinder und acht Erwachsene haben leichte Atemwegsbeschwerden nach einem Großalarm wegen eines Reizstoffs an der Böblinger Eichendorffschule. Die Ursache ist noch immer unklar.
Es war wohl ein Reizstoff, aber kein Gefahrenstoff – diese Aussage der Polizei und die Information, dass es nach bisherigem Stand wohl keine schwer verletzten Personen gab, sind wohl die wichtigsten Erkenntnisse nach diesem Montagvormittag an der Böblinger Eichendorffschule. Denn: Was als ganz normaler Schultag begann, entwickelte sich nach der großen Pause plötzlich zu einem Großeinsatz von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst.
„Man hat ihn unter einem Schrank in einem Flur neben Lehrerzimmer und Kopierraum gefunden.“
Gianluca Biela, Pressesprecher der Stadt
„Möglicherweise Reizstoff in Schulgebäude ausgetreten“, so lautet die Erstmeldung der Polizei um kurz nach 10 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt ist der Herdweg entlang der Schule bereits gesperrt und das Schulgebäude geräumt. Auf einer Länge von rund 300 Metern stehen dicht aneinander gereiht zahlreiche Einsatzfahrzeuge mit eingeschaltetem Blaulicht. Timo Seifried, der stellvertretende Schulleiter der Grund- und Werkrealschule, hastet mit dem Handy am Ohr zu einer Ansammlung von Einsatzkräften, die sich um Oliver Zwölfer versammelt haben. Böblingens stellvertretender Feuerwehrkommandant hat die Einsatzleitung.
Vor einer Schautafel bringt Zwölfer alle Beteiligten auf den aktuellen Stand und fragt der Reihe nach die jeweiligen Leitungsverantwortlichen bei Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr, was zu diesem Zeitpunkt bekannt ist. Demnach war es nahe dem Lehrerzimmer zu einem Vorfall gekommen: Mehrere Personen hatten über Atembeschwerden und Hustenreiz geklagt. Schnell bestand der Verdacht auf Reizgas.
Zum Zeitpunkt dieser ersten Lagebesprechung ist von sieben Verletzten die Rede – allesamt Erwachsene. Eine Lehrkraft sei vorsorglich zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht worden. Schulleiter Seifried berichtet, dass die Evakuierung sehr zügig abgelaufen sei und alle Kinder betreut würden. Ein Feuerwehrmann mit dem Schriftzug „Messtechnik“ auf dem Rücken berichtet, man habe am vermeintlichen Ursprungsort – einem Kopierraum – keinen Reizstoff nachweisen können.
Nachricht von dem Einsatz verbreitet sich im Netz und in Chatgruppen
Direkt neben der Schule, auf dem Spielplatz des Kindergartens Herdweg, drängen sich ein paar Kinder auf einem Klettertürmchen, um möglichst viel von dem Spektakel mitzubekommen. In der Zwischenzeit verbreitet sich die Nachricht von dem Großeinsatz auch im Internet und in den Chatgruppen der Eltern. Vereinzelt sind schon Mütter mit besorgter Miene vor Ort. Sie wollen wissen, wie es ihren Kindern geht.
Feuerwehrleute im ABC-Schutzanzug auf dem Schulhof. Foto: Langner
Jetzt ist schnelle Kommunikation gefragt, damit hier nicht gleich hunderte Eltertaxis für ein Verkehrschaos sorgen. Neben Konrektor Seifried und seinem Sekretariatsteam ist besonders Gianluca Biela in seiner Doppelfunktion als Pressesprecher der Stadt und ebenso der Feuerwehr Böblingen gefragt. Kurzerhand nimmt er mit dem Handy zwei Videos auf – zunächst mit Oliver Zwölfer und Friedrich Seifried, danach ein weiteres mit Böblingens Erstem Bürgermeister Tobias Heizmann. Die Botschaften sind kurz und klar: Die Kinder sind in Sicherheit, die Lage stabil, die Verletzten werden versorgt.
Was laut Kreisbrandmeister Martin Amler als „U3 Umwelteinsatz/Gasaustritt“ mit entsprechendem Großaufgebot eingestuft worden war, löst sich mittags allmählich auf. Gegen 12 Uhr ziehen immer mehr Einsatzkräfte ab. Die Bilanz: Laut Polizeibericht erlitten acht Erwachsene, Lehrkräfte und weiteres Personal der Schule leichte Atemwegsbeschwerden und Hustenreiz. Auch fünf Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren seien betroffen, wobei zunächst unklar bleibt, ob dies unmittelbar auf den mutmaßlichen Reizstoff oder womöglich auf die allgemeine Aufregung rund um den Einsatz zurückzuführen ist. Alle Verletzten wurden vom Rettungsdienst versorgt. Drei der Kinder sowie ein Erwachsener kamen vorsorglich in ein Krankenhaus. Die Räumung der Schule betraf rund 350 Personen. Feuerwehr und Schulleitung betreuten die Schüler in angrenzenden Gebäuden.
Am frühen Nachmittag ist der Einsatz abgeschlossen. Die jungen Schulkinder wurden von ihren Eltern abgeholt, die älteren durften selbst nach Hause gehen. Zu dem Alarm wurden rund 150 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei gerufen.
Alle Verantwortliche betonen den professionellen Ablauf
Alle Verantwortlichen betonen, wie gut der Einsatz abgelaufen sei. „Die Schulgemeinschaft hat die Räumung des Schulgebäudes professionell und innerhalb kürzester Zeit durchgeführt“, lobt Einsatzleiter Oliver Zwölfer. Dem umsichtigen Handeln von Lehrpersonen und städtischen Beschäftigten sei es zu verdanken, dass nicht mehr Personen zu Schaden gekommen seien. „Die Zusammenarbeit zwischen Schule, Feuerwehr und Rettungsorganisationen hat hervorragend geklappt“, sagt auf städtischer Seite auch Tobias Heizmann und wünscht den Betroffenen eine schnelle Genesung.
Weiterhin unklar ist, um was für einen Reizstoff es sich gehandelt haben könnte. Das Landratsamt Böblingen hatte als Fachberater einen Chemiker der Firma Bosch in Renningen hinzugezogen, ein konkretes Ergebnis liegt aber bisher nicht vor.
Betroffener Raum bleibt abgesperrt, Schulbetrieb geht am Dienstag weiter
Laut dem Stadt- und Feuerwehrsprecher Biela ist aber mittlerweile klar, wo der Reizstoff herkam. „Man hat ihn unter einem Schrank in einem Flur neben Lehrerzimmer und Kopierraum gefunden“, sagt er. Damit seien anfängliche Theorien wie etwa ein abgerauchter Laptop-Akku oder ein kaputtes Gefäß in einem Chemieraum vom Tisch. Weiterhin nicht ausgeschlossen ist dagegen die Möglichkeit, dass tatsächlich jemand ein Reizgas versprüht haben könnte.
Der Raum sei nun bis auf Weiteres abgesperrt und werde gereinigt. Die Stadt prüft laut Biela noch, ob man dafür eine Spezialfirma hinzuziehen müsse. Die Schule sei weiter mit den Eltern im Austausch. Am Dienstag könne der Schulunterricht an der Eichendorffschule aber ganz normal weitergehen.