USA-Reise des Stuttgarter Balletts Wie Trumps Politik die Lust auf Crankos „Onegin“ verdirbt

Vom 8. Oktober an gastiert das Stuttgarter Ballett mit „Onegin“ (Szenenfoto mit Anna Osadcenko und Jason Reilly) in Washington – und gerät im Kennedy Center zwischen die Fronten der US-Politik. Foto: Stuttgarter Ballett/Imago xGentxShkullakux

Das Stuttgarter Ballett ist es gewohnt, auch bei Gastspielen vor vollen Rängen zu tanzen. Im Kennedy Center in Washington könnte es wegen Trumps Allmachtspolitik anders kommen.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Er ist überall. „Wir haben das Kennedy Center übernommen. Uns gefiel nicht, was sie dort zeigen“, so zitierte ARD-Korrespondent Ralf Borchard im Februar den US-Präsidenten Donald Trump. Der hatte kurz nach seinem zweiten Amtsantritt auch im Fall des Kulturzentrums in Washington getan, was er nicht lassen kann: Demokraten feuern, sich selbst zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats machen, einen Vertrauten als Geschäftsführer einsetzen. Das Ziel ist klar formuliert: Ein im Trumpschen Sinne „gutes“ Programm, also nichts „Wokes“, „Progressives“.

 

Vom 8. bis zum 12. Oktober gastiert das Stuttgarter Ballett im Kennedy Center, mit John Crankos „Onegin“ steht ein ziemlich unverdächtiger, moderner Klassiker auf dem Programm, sieben Vorstellungen sind geplant. Gebucht hat das Gastspiel, das nach mehr als 30 Jahren das Stuttgarter Ballett erstmals wieder zurück an diesen Ort bringt, noch das seinerzeit fürs Tanzprogramm zuständige Team.

Ein Tänzer mit „MAGA“-Visionen

Im August wurde es ebenfalls entlassen. Inzwischen ist mit Stephen Nakagawa ein ehemaliger Tänzer des Washington Ballet am Ruder, der die „MAGA“-Visionen Trumps in Tanz übersetzen will. Laut „New York Times“ hat er sich mit einem Schreiben beworben, indem er sich besorgt über die Richtung zeigte, die Ballett in den USA einschlage, nämlich die „radikal linker Ideologien“.

Tamas Detrich, Intendant des Stuttgarter Balletts Foto: lg/Julian Rettig

Besorgt sein muss ebenfalls der Stuttgarter Ballettintendant Tamas Detrich über die Entwicklungen am nächsten Gastspielort seiner Kompanie. Denn nicht nur die amerikanische Kulturszene protestiert gegen Trumps Einmischung in die Freiheit der Künste. Auch das Publikum äußert seinen Unmut - mit Buh-Rufen für Vizepräsident JD Vance bei einem Konzertbesuch etwa, aber auch mit dem Boykott der Veranstaltungen im Kennedy Center, sodass der Ticketverkauf laut einem Bericht des Magazins Washingtonian komplett eingebrochen ist. „Die Washingtoner Zuschauer stimmen mit den Füßen ab und bleiben fern“, schreibt Rebecca Ritzel in der Septemberausgabe des Magazins und gibt ein Beispiel: „Der Ticketverkauf ist so schlecht, dass das Stuttgarter Ballett bei seinem Auftritt im nächsten Monat in Washington vor einem Opernhaus auftreten wird, das zwischen 4 und 19 Prozent voll ist.“

Seit diesem Bericht sind zwar weitere Tickets für die „Onegin“-Vorstellungen geordert worden. Doch am Eröffnungsabend waren bei Abschluss dieses Beitrags noch rund 1300 Plätze frei, am Samstagabend sogar 1500 im über 2360 Sitze fassenden Opernhaus des Kennedy Centers.

Sieben Solisten tanzen in New York

Tamas Detrich, der die Verkaufszahlen ebenfalls im Blick hat, hofft auf die Agentur IMG Artists, den Vertragspartner des Stuttgarter Balletts für das Gastspiel im Kennedy Center. „Die Agentur will jetzt eine große Werbeaktion für unsere Vorstellungen in Washington machen“, sagt der Intendant. Zudem setzt er auf den anstehenden Auftritt von sieben Stuttgarter Solisten in New York, die beim Festival „Fall for Dance“ drei Ballette Hans van Manens tanzen werden und so ebenfalls auf die „Onegin“-Vorstellungen in Washington aufmerksam machen.

Vertrag wurde bereits vor zwei Jahren geschlossen

Der Vertrag für das Gastspiel in Washington, so Detrich, sei bereits vor zwei Jahren geschlossen worden. „Da war noch die Vorgängerregierung unter Joe Biden im Amt“, sagt der in New York geborene Ballettintendant, der sowohl die deutsche als auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt und sich eigentlich darüber freuen möchte, dass seiner Kompanie die Rückkehr in die USA gelungen ist. „Ich habe lange versucht, Kontakte aufzubauen, um wieder in den USA aufzutreten“, sagt er. Geglückt ist das nun in Zusammenarbeit mit IMG Artists, laut Detrich einer der weltweit größten Agenturen für darstellende Künste.

Einerseits versteht Tamas Detrich die Abwehrhaltung des Publikums gegenüber Trumps Übernahme des Kennedy Centers, andererseits hofft er auf die Vermittlung der Kunst, gerade in einer höchst gespaltenen Gesellschaft. „Ich bin Künstler, und besonders in schwierigen Situationen kann die andere Sprache der Kunst einen Dialog ermöglichen“, sagt er.

Stuttgarter Ballett steht zu Vertrag

Nach Rücksprache mit dem Ministerium, Sponsoren und Mitarbeitern kam eine Absage des Gastspiels nie in Frage. „Wir haben einen Vertrag. Abzusagen wäre für eine Institution wie das Stuttgarter Ballett nicht seriös, wir wollen Brücken aufbauen“, so Detrich. Auch anderen Kollegen würde er weiterhin zu Gastspielen in den USA raten: „Ich empfehle allen: Bringt Kunst in die Welt, auch wenn es schwierig ist.“

Eine Büste John F. Kennedys steht im Foyer des Kennedy Centers. Foto: IMAGO/Dreamstime

Finanziell entsteht dem Stuttgarter Ballett kein Schaden, sollte es in Washington vor spärlich gefüllten Rängen tanzen. Das Risiko liege beim Kennedy Center, so Detrich. Die letzte Finanzspritze für das Haus hatten die Republikaner übrigens mit einer Bedingung verknüpft. Das Center soll nach der Präsidentengattin in „First Lady Melania Trump Opera House“ umbenannt werden.

Info

Ort
Das Kennedy Center wurde in den 1960er Jahren in Washington als National Cultural Center geplant. Nach der Ermordung John F. Kennedys 1963 wurde es ihm zu Ehren umbenannt. Der 1971 eröffnete Veranstaltungsort verfügt über einen Konzertsaal (2465 Sitzplätze), ein Opernhaus (2362), das Eisenhower-Theater (1100). Daneben gibt es drei kleinere Säle mit jeweils zwischen 320 und 475 Plätzen sowie einen Jazz Club. Mehr als 2000 Aufführungen brachten bislang pro Jahr rund 2 Millionen Besucher ins Kennedy Center.

Gastspiel
1971 tanzte das Stuttgarter Ballett erstmals in Washington, damals im Wolf Trap. 1973, auf der letzten USA-Tournee unter John Cranko, gastierte die Kompanie erstmals im Kennedy Center und blieb dort häufiger Gast, zuletzt 1992 im Rahmen eines Deutschen Kulturfestivals. Damals tanzte das Stuttgarter Ballett ebenfalls „Onegin“, zudem Marcia Haydées „Dornröschen“ sowie Choreografien von John Neumeier und Jirí Kylián.

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