Veranstaltungen in Stuttgart Abschied von Andreas Kroll – der Herr des Volksfestes geht

Abschied vom Wasen: Andreas Kroll geht in den Ruhestand. Foto: Lichtgut/Philip Mallmann

Liederhalle, Volksfest, Frühlingsfest, Schleyerhalle, Porsche-Arena. Für all das war Andreas Kroll verantwortlich. Länger, als geplant. Nun verabschiedet er sich.

Er ging mit gutem Beispiel voran. Länger schaffen? Wie der Bundeskanzler das fordert? Da könnte man Andreas Kroll als Posterboy für eine Kampagne engagieren. Seine 67 Jahre sieht man ihm nicht an, als Model könnte er noch eine Alterskarriere starten und für die Aktivrente werben.

 

2024 nach der Fußball-EM wollte er als Chef der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart in Ruhestand gehen, doch der Gemeinderat suchte vergebens nach einem Nachfolger. So blieb er ein Jahr, dann noch ein Jahr, nun ist er nicht nur in Rente, sondern hat demnächst tatsächlich auch Freizeit und muss sich nicht mehr um Liederhalle, Frühlingsfest, Volksfest, Porsche-Arena, Schleyerhalle, Freilichtbühne, Weihnachtsmarkt und Easy Ticket Service kümmern. Und was sonst noch so anfällt, wenn man die Menschen in der Region unterhalten will.

Kroll und Alt-OB Wolfgang Schuster anno 2007 in der Schleyerhalle. Foto: Baumann

Wir treffen uns in seinen letzten Arbeitstagen in seinem Büro auf dem Wasen. Wie damals vor 21 Jahren. Als er aus Frankfurt nach Stuttgart gekommen war, um gemeinsam mit Co-Geschäftsführer Martin Rau die Veranstaltungen der Stadt in einer Hand zu bündeln. Damals hing allerdings noch nicht das Foto der Klitschkos an der Wand mit Widmung. Stellvertretend für all die Berühmtheiten und Sternchen, denen er begegnet ist. „Das ist natürlich ein Privileg“, sagt Kroll, aber meistens erschöpft sich das im kurzen Gespräch und professionellen Umgang.

Verhandlungen mit Don King

Doch wer ist ihm denn im Gedächtnis geblieben? Mit Billy Ocean war er im Besen, Steffi Graf wollte einstmals die Backstreet Boys sehen, er brachte sie zum Kameraplatz unterm Dach und war beeindruckt vom bescheidenen Auftreten der besten Tennisspielerin der Welt. „Sie wollte nicht in die Loge, Aufsehen mochte sie gar nicht.“ Ganz anders jene Burschen, die man in jedem Mafiafilm besetzen könnte. Ion Tiriac, der Boris Becker groß machte, und Don King, der Manager von Muhammad Ali. Gab man denen die Hand, musste man hinterher die Finger zählen. „Beeindruckend“, nennt sie Kroll, „sehr lehrreiche Verhandlungen waren das.“

Das Tagesgeschäft war allerdings nicht seine Aufgabe. Er wurde geholt, weil die Struktur mit dem Tatendrang von Messe-Geschäftsführer Rainer Vögele nicht Schritt gehalten hat. Die Veranstaltungen und Spielstätten in zu vielen Händen lagen. Bei Vögele hatte der Industriekaufmann und Betriebswirt Kroll 1988 als Assistent angefangen, ehe er nach Hamburg zog, um den Umbau des Volksparkstadions in die AOL-Arena zu verantworten. Von dort ging er nach Frankfurt ins Organisationskomitee der WM 2006. Und kam 2005 zurück in die Heimat, als neuer Veranstaltungsmanager.

Ohne Schonfrist. „Wir hatten einen extrem vollen Terminkalender, die Sanierung der Schleyerhalle, der Bau der Porsche-Arena, unser erstes Volksfest“, erinnert sich Kroll, „und aufrüsten konnten wir nicht: In der Kürze der Zeit hätten wir niemanden einlernen können.“ Man habe die WM zusätzlich schultern müssen. Er kannte sich natürlich aus mit dem Thema, hatte doch er das Pflichtenheft für die Städte mit entworfen und entwickelt, und baute die Außenstellen auf. „Ich war einer der Ersten, die das Organisationskomitee eingestellt hat.“ Kroll hat von der Pike auf an der WM gearbeitet.

Beim DFB sei man nicht erfreut gewesen, dass der Abteilungsleiter absprang, sagt Kroll. Doch die Chance, die sich ihm bot, wollte er nicht verstreichen lassen. „Die Stadt war in diesen Jahren im Aufbruch“, erinnert er sich. Heute ist die Stimmung ja eher mit dem Lied der Kleinen Tierschau beschrieben: „Älles lumpig! Älles liedrig!“ Die typisch schwäbische Selbstunterschätzung, die Wirtschaftskrise, eine wenig inspirierende Stadtpolitik verdichten sich zu einem Grauschleier, der sich über die Stadt gelegt hat.

Damals war mehr Aufbruch

Wie anders war das vor 21 Jahren. Man kam auch aus einer Krise, einer mit hoher Arbeitslosigkeit, einer mit so hohen Schulden, dass die Stadt zeitweise ihr Kanalnetz vermietet hatte, um an Geld zu kommen. Aber es war Aufbruch, 2005 wurde das Kunstmuseum eröffnet, die WM hatte man vor der Brust, die Porsche-Arena und das Mercedes-Museum wurden 2006 fertig. Parallel ordneten Kroll, Rau und ihre Mitarbeiter das Veranstaltungsgeschäft. Was heute selbstverständlich scheint, war damals umstritten und neu. Eine städtische Tochter ist fürs Vergnügen zuständig. Stilbildend alsbald für andere in Europa. Man erkannte erstmals an, dass das Geschäft mit Rummel, Pop, Rock, Klassik wichtig ist, wichtig nach außen hin, „aber auch für die Menschen in der Region“.

Deshalb hat Kroll bis zuletzt für einen Neubau der Schleyerhalle gekämpft. „Das schulden wir unserer Jugend“, sagt er, „sollen die woanders hinfahren, um ihre Idole zu sehen?“ Denn ein Konzert spült Geld in die Stadt, ist gut fürs Image, aber es ist mehr als nur Euros scheffeln. Kroll: „Wir haben doch alle diese Erinnerungen, diese Erlebnisse, die uns geprägt haben, die wir pflegen und uns unser Leben begleiten.“ Diesen Kampf muss vom 1. April nun sein Nachfolger Guido von Vacano führen.

Es wird nicht einfacher

Er macht keinen Hehl daraus, dass das Geschäft nicht einfacher geworden ist. Kein internationaler Flughafen, zu wenig Hotelbetten, miserable Zugverbindungen, die Umstände sind nicht leichter geworden, das Volksfest weiterzuentwickeln und große Veranstaltungen in die Stadt zu holen. Adele trat in München auf, die Backstreet Boys und Bad Bunny ziehen Düsseldorf vor.

Doch Ratschläge will er keine geben. Zumindest nicht in der Heimat. „Da kommen sie gut ohne mich zurecht.“ Aber sein Wissen, seine Kenntnisse und sein Erfahrung sind gefragt. Bei den Young Boys Bern soll er helfen, aber auch diverse Firmen haben schon gefragt, ober er mit Rat und Tat in Sachen Veranstaltungen zur Seite stehen könne. Aber binden will er sich nicht mehr, in Marbach will er wohnen bleiben, nicht dauernd durch die Republik jetten, Zeit zum Segeln muss bleiben, zum Konzerte und Sport besuchen – und zum Ausruhen. Er hat auch lange genug geschafft.

Weitere Themen