Verbindliche Grundschulempfehlung „Eltern angespannter als die Kinder“ – So lief der Potenzialtest an Stuttgarter Gymnasien

60 Minuten hatten die Schülerinnen und Schüler für den Potenzialtest Zeit. Foto: imago/Sven Simon

Kinder mit Realschulempfehlung, die aufs Gymnasium wollen, haben am Dienstag den Potenzialtest geschrieben. Ein Rundruf an Stuttgarter Schulen zeigt: Die meisten Kinder hatten genug Zeit für die Prüfung – und für einen Teil hat es sich offenbar gelohnt.

Schafft es das eigene Kind trotz Realschulempfehlung doch noch aufs Gymnasium? Oder bleibt doch „nur“ die Real- oder die Gemeinschaftsschule als mögliche Schulform? Die ersten Stuttgarter Eltern haben inzwischen Gewissheit. Am Dienstag dieser Woche wurde an den Gymnasien der Potenzialtest geschrieben – übrigens nicht an den expliziten Wunschschulen der Eltern und Kinder. Die Grundschulen waren Gymnasien fest zugeordnet. An ersten Gymnasien konnten die Eltern bereits das Testergebnis erfahren – darunter am Friedrich-Eugens-Gymnasium (FEG) im Stuttgarter Westen. Ein Drittel der Kinder habe den Potenzialtest erfolgreich abgelegt, berichtet Schulleiter Stefan Wilking.

 

Wilking hat selbst die Aufsicht am Dienstag übernommen. An seiner Schule haben zwölf Kinder den Test abgelegt – vergleichsweise viele. Trotz Grippewelle seien auch alle erschienen. Das war an anderen Schulen anders. Am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium zum Beispiel fehlten zwei von vier Potenzialtestkandidaten krankheitsbedingt. Einen Nachschreibetermin gibt es nächste Woche Dienstag. Einen zweiten nicht mehr. Aber automatisch ist damit der Traum vom Gymnasium noch nicht geplatzt: Wer nachweislich an beiden Terminen krankheitsbedingt gefehlt habe, dürfe eine Feststellungsprüfung an einem Gymnasium der Wahl ablegen. Das sei am Mittwoch bekannt gegeben worden, berichtet der Geschäftsführende Schulleiter der Stuttgarter Gymnasien, Manfred Birk.

Organisatorisch sei der Potenzialtest gut vorbereitet gewesen

Hintergrund des Potenzialtests ist, dass die Grundschulempfehlung seit diesem Schuljahr wieder verbindlich ist. Der Elternwille reicht nicht aus, um sein Kind an einem Gymnasium anzumelden. Wer die entsprechende Empfehlung nicht vorweisen kann, weil die Lehrkraft das Kind nicht auf dieser Schulform sieht und auch der Kompass-4-Test (wie bei den meisten Viertklässlern) schlecht gelaufen ist, kommt am Potenzialtest nicht vorbei.

„Die Eltern waren angespannter als die Kinder“, meint der Rektor des Dillmann-Gymnasiums, Manfred Birk. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Doch wie lief nun der Test am Dienstag an den Schulen? Vom Organisatorischen her sei alles nach Plan gelaufen, hört man aus verschiedenen Gymnasien. Das sei alles gut vorbereitet gewesen, meint auch Manfred Birk. Die Schwierigkeit des Tests sei zudem der Jahrgangsstufe Vier angemessen. „Das war schon machbar“, so der Rektor des Dillmann-Gymnasiums. Der Potenzialtest gliedert sich in drei Teile: Zuerst hatten die Kinder 20 Minuten Zeit für Aufgaben zum logischen Denken, dann waren jeweils 20 Minuten für einen Deutsch- und einen Matheteil vorgesehen. Dazwischen hatten sie eine kurze Pause.

Der Logik-Teil soll „richtig knackig“ gewesen sein

Norbert Edel, der Rektor des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums, fand den ersten Teil, in dem das logische Verständnis abgeprüft wurde, „richtig knackig“. Er habe deshalb den Kindern geraten, sich da nicht zu sehr zu „verbeißen“, um sich nicht selbst so zu stressen. Insgesamt lautet aber auch sein Fazit: „anspruchsvoll, aber schaffbar“. Der Rektor des Königin-Charlotte-Gymnasiums, Benjamin Köhler, fand die Aufgaben sogar „richtig gut“ – gemessen an dem, was mit dem Test erreicht werden solle: nämlich die beste Schule für das Kind zu finden. Die einhellige Meinung in seinem Kollegium: Der Test sei „bemerkenswert gut und professionell“ gemacht gewesen.

Am längsten hätten die Kinder am Mathe-Teil gearbeitet, berichtet Birk für seine Schule (fünf Prüflinge in dieser Woche, zwei Nachschreiber folgen Dienstag). Mit den anderen beiden Teilen seien sie früher fertig gewesen. Auch die meisten Prüflinge am FEG sind mit der Zeit zurecht gekommen. In der Regel hätten sie sogar noch mal über ihre Ergebnisse schauen können, berichtet Stefan Wilking.

Rektor „positiv überrascht“ von den Eltern

Die Stimmung unter den Kindern ist unterschiedlich wahrgenommen worden: Die Jungen und Mädchen seien „echt nervös“ gewesen angesichts dieser Sondersituation an einer anderen Schule, gibt Wilking seinen Eindruck wieder. „Für die Kinder ist das Stress“, sagt er. Andere Gymnasien berichten, dass die Viertklässler nicht sonderlich unter Druck gewirkt hätten: Die Prüflinge seien „positiv und guter Dinge“ gewesen, sie hätten sich „gut gelaunt und tapfer“ dem Test gewidmet, so Frank Bäuerle, Rektor des Vaihinger Hegel-Gymnasium. Auch Manfred Birk meint, die Eltern seien „angespannter als die Kinder“ gewesen. Die Kinder hätten sich sogar in den kleinen Pausen miteinander unterhalten. Benjamin Köhler  vom Möhringer Königin-Charlotte-Gymnasium (KCG) hatte auch nicht den Eindruck, dass die Eltern ihre Kinder besonders unter Druck gesetzt hätten. Stattdessen hätten sie den Test als Chance gesehen. „Den Eltern war klar, es gibt auch andere Wege“, sagt Köhler. Diese Haltung hat ihn „positiv überrascht“. An dem Möhringer Gymnasium haben sich sieben Kinder angemeldet, davon seien sechs erschienen, ein Kind schreibe nach.

Im Schnitt weniger Anmeldungen für Potenzialtest als erwartet

Die Zahl der Anmeldungen für den Potenzialtest sei niedriger gewesen als vom Kultusministerium für Stuttgart angenommen, so Birks erste Einschätzung. Das hatte mit zehn bis zwölf pro Schule in Stuttgart gerechnet – im Schnitt liege man aber offenbar deutlich unter diesen Zahlen. Auch am Hegel-Gymnasium hatte man mit deutlich mehr Anmeldungen gerechnet,  drei  waren  es an der Vaihinger Schule, aber nur zwei Kinder haben den Test geschrieben. In den vergangenen Jahren hätten durchschnittlich acht bis zehn Prozent der 100 bis 120 insgesamt bei ihnen angemeldeten Kinder keine Gymnasialempfehlung gehabt – nach dieser Statistik hätte es etwa zehn Anmeldungen geben müssen, so Bäuerle. Die Tests müssen spätestens bis zum 28. Februar korrigiert sein. Aber die Stuttgarter Schulen reizen das offenbar nicht aus. Der Korrekturaufwand sei nicht groß, heißt es.

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