Schüsse, Schwerverletzte und bestechliche Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft. Der Streit zweier Security-Firmen im Kreis Ludwigsburg reicht bis in die Justiz. Ein Überblick.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Am Freitag erreichte der Fall „Frost“ seinen vorläufigen Höhepunkt: Die Staatsanwaltschaft Heilbronn ermittelt gegen Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen Bestechlichkeit und Verletzung von Dienstgeheimnissen. Es ist wohl der außergewöhnlichste Kriminalfall im Kreis Ludwigsburg seit Jahren. Die Entwicklungen im Überblick.

 

26. April: Zwei Männer, 39 und 40 Jahre alt, stehen an einem Samstagabend an der Kreuzung Friedrich-/Oststraße in Ludwigsburg nahe ihres Mercedes, als sich laut Polizeibericht von hinten Unbekannte nähern. Zeugen hören gegen 21.45 Uhr mehrere Schüsse. Projektile beschädigen das Auto, verletzt wird niemand.

4. Mai: In der Dammstraße in Bietigheim-Bissingen steht ein BMW in Flammen – rasch ist klar, dass er absichtlich angezündet wurde.

12. Mai: In der Silcherstraße in Tamm wird ein Mann lebensgefährlich attackiert. Gegen 19.20 Uhr fährt ein Kleinwagen vor, ein Maskierter steigt aus und schießt mehrfach auf den 23-Jährigen. Zeugen berichten, das Opfer sei geflohen und vom Täterwagen verfolgt worden, bis es in einer Einfahrt zusammenbrach. Anwohner leisteten Erste Hilfe. Der Mann überlebt, verliert jedoch ein Bein.

13. Mai: Nach Recherchen dieser Zeitung hängen die drei Taten zusammen. Zwei unabhängige Quellen bestätigen Angriffe einer Gruppe auf die andere. Opfer und Verdächtige gehören jeweils einem Security-Unternehmen an und sind polizeibekannt.

Sommer: Es entsteht die Sonderkommission „Frost“, benannt nach der Kreuzung Friedrich-/Oststraße, wo die ersten Schüsse fielen. Die Ermittlungen laufen weitgehend im Hintergrund.

Parallel gibt es Hinweise, dass sich die Opfergruppe der Gefahr bewusst war und während der Wochen Ende April und Anfang Mai Kontakt zur Polizei hatte. Beispielsweise hatte das Opfer aus Tamm schon einige Tage vor dem mörderischen Angriff am 12. Mai maskierte Personen vor seiner Haustüre in Stuttgart gesehen und die Polizei verständigt. Daraufhin verließ das Opfer seine Wohnung in Stuttgart und schlüpfte in Tamm unter – wie er dort gefunden wurde, ist unklar.

1. Oktober: Im Herbst geht es dann Schlag auf Schlag – die Soko „Frost“ schlägt zu. Am 1. Oktober nehmen Sicherheitsbehörden aus den Niederlanden, Europol, dem BKA und dem LKA Baden-Württemberg zwei Männer fest – 26 und 27 Jahre alt, beide niederländische Staatsbürger. Die Staatsanwaltschaft Heilbronn hatte Haftbefehle wegen versuchten Mordes beantragt. Vieles deutet darauf hin, dass die beiden beauftragt wurden, den 23-Jährigen in Tamm zu töten.

Mitte Oktober: Durch Nachfragen dieser Zeitung wird ein weiteres Detail bekannt: Kurz nach seiner Entlassung aus der Klinik wurde das Opfer aus Tamm selbst in Untersuchungshaft genommen – offenbar wegen anderer Vorwürfe, die nichts mit den Schüssen zu tun haben.

4. November: Anfang November folgen die ersten Festnahmen im Fall der Schüsse in der Oststadt. Sechs Tatverdächtigen aus den Kreisen Ludwigsburg und Esslingen wird zur Last gelegt, am 26. April versucht zu haben, die beiden Männer zu töten. Am selben Tag durchsucht die Soko Objekte zur Brandstiftung in Bietigheim-Bissingen. Zwei Verdächtige sollen daran beteiligt gewesen sein.

12. November: Eine Woche danach griff die Soko „Frost“ erneut zu – diesmal wieder im Zusammenhang mit den Schüssen in Tamm. Wohnungen von vier Beschuldigten werden durchsucht. Sie sollen die mutmaßlichen niederländischen Täter beauftragt und unterstützt haben. Es geht um Anstiftung oder Beihilfe zum versuchten Mord.

14. November: Der wie ein Bandenkrieg wirkende Konflikt zweier Security-Firmen wird zum Korruptionsskandal. Die Staatsanwaltschaft Heilbronn teilt mit, dass sie gegen sieben Mitarbeiter der Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt, die unbefugt Daten weitergegeben haben sollen.

Gegen einen Mitarbeiter – nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ein Wachtmeister – sowie zwei mutmaßliche Auftraggeber wurden Haftbefehle erlassen, sie sitzen in Untersuchungshaft.

Welche Aufgaben die weiteren Verdächtigen in der Staatsanwaltschaft hatten, ist unklar – angeblich ist kein Staatsanwalt darunter, es handelt sich laut Aussage der Staatsanwaltschaft Heilbronn um Wachtmeister oder Verwaltungsmitarbeiter. Auch zu möglichen Zahlungen für Informationen und Verbindungen ins kriminelle Milieu fehlen Angaben.

Offene Fragen: Vieles bleibt unklar – etwa, was den Konflikt auslöste und was die Täter erreichen wollten. Doch eine andere Frage drängt sich auf: Die Vernetzung der Gruppen, der Einfluss bis in die Staatsanwaltschaft und das professionelle Vorgehen erinnern an den Bandenkrieg der Region Stuttgart.

Erste Hinweise zu Herkunft und Wohnorten von Tätern und Opfern stützen diesen Eindruck. Ob der Konflikt der Security-Unternehmen eine neue Welle dieses bekannten Bandenkriegs darstellt, ist offen.