Verblüffende Neckar-Geschichte Viele Erfinder am Neckar: Daimlers erstes Motorboot und geheime Tests

Alles im Fluss heißt die Ausstellung mit vielerlei spannenden Neckargeschichten im Ortsmuseum Rotenberg. Foto: Iris Frey

Am Stuttgarter Neckar gibt es besondere Ingenieurskunst, die die Welt veränderte: Daimler testete sein Motorboot und Porsche ein Amphibienboot. Acht Beispiele.

Lokales: Iris Frey (if)

Weltgeschichte am Neckar: Konstrukteur Gottlieb Daimler prüfte zwischen Bad Cannstatt und Untertürkheim seine Erfindung auf Alltagstauglichkeit: das Motorboot. Im Ortsmuseum Rotenberg ist dieser historische Moment des Technik-Pioniers zu sehen sowie zahlreiche weitere Histörchen, die Klaus Enslin vom Bürgerverein Untertürkheim zusammengetragen hat, unterstützt mit Bildern auch vom Historiker Ulrich Gohl. Der Neckar als Bühne für bahnbrechende Mobilitäts-Experimente.

 

Ein besonderer Pionier, Gottlieb Daimler, war Ende der 1880er Jahre mit seinem neu erfundenen Motorboot zur Testfahrt auf dem Neckar unterwegs. Die beiden Redakteure der heute 202 Jahre alten Cannstatter Zeitung und des Stuttgarter Neuen Tagblatts (1909 bis 1945) berichteten damals vom Ufer aus, wie Ronald Reng in seinem Buch „Er kenne Herrn Benz nicht, sagt Herr Daimler“ schreibt. Ein Foto in der Ausstellung zeigt die schwimmende motorisierte Erfindung mit fünf Gästen an Bord. Auch ist die firmeneigene Werft von Daimler in Bad Cannstatt am Ufer des heutigen Seilerwasen aus dem Jahr 1892 zu sehen sowie eine Zeitungsanzeige zu lesen, in der die Daimler-Motoren-Gesellschaft Cannstatt in Württemberg Vertreter sucht, die die Motorboote verkauft, welche sich bereits zu mehreren Hundert in Betrieb befinden.

Die schwimmenden Auto 2005 hat Klaus Enslin im Stuttgarter Hafen erlebt. Foto: Iris Frey

Auch Amphibienboote schreiben Geschichte. So gastierte im Jahr 2005 das „Theater der Welt“ am Stuttgarter Neckarhafen. Das Ufer war dicht gesäumt von Zuschauern. Es gab ein Hafenkonzert mit 500 Sängern. Für ein besonderes Spektakel schwammen im Neckar verschiedene Amphibienfahrzeuge. „Es war ein besonderes Ereignis“, erinnert sich Enslin, der die besonderen Fahrzeuge damals im Hafen fotografierte.

Militärerprobung im Max-Eyth-See

Sogar eine Militärerprobung gab es mit einem Amphibienfahrzeug. Sie fand in den 1940er Jahren im Max-Eyth-See statt. Dort testete der Autokonstrukteur Ferdinand Porsche kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs zwischen 1940 und 1942 verschiedene Amphibienfahrzeuge des Typs 128, wie der Ortshistoriker Wolfgang Zwinz berichtet. Ab 1934 hatte das Konstruktionsbüro des Autopioniers auf Wunsch des NS-Diktators Adolf Hitler ein Volksauto entworfen, den späteren VW-Käfer. Im Zuge der Aufrüstungspolitik hat dasselbe Büro ab 1938 für das Militär einen Kübelwagen entwickelt.

Fährbetriebe in Hofen und Münster

Als es noch keine Brücken gab, waren auf dem Neckar Fährbetriebe gefragt, etwa in Hofen und Münster. In Hofen gab es bis 1933 eine Fährverbindung. Dort setzte sogar einst der Dichter Ludwig Uhland über und schrieb 1823 das Gedicht „Auf der Überfahrt“, welches auch in Japan bekannt ist. Auch in Münster gab es einen Fährbetrieb, bis 1930/31 der Rathaussteg gebaut wurde. Postkartenansichten erzählen davon, dass in Münster der Fährmann und Fischer Gottlieb Keefer mit seinen Gehilfen mit Ruder- und Stocherkähnen Menschen über das Wasser beförderte.

Segelschiff und Raddampfer auf dem Neckar

Sogar ein riesiges Segelschiff fuhr einst auf dem Neckar. Ein alter Kupferstich zeigt: Die Esslinger Sänger, der Liederkranz Esslingen, reisten 1840 mit einem großen Zweimaster auf dem Neckar nach Heilbronn zum großen Heilbronner Liederfest mit einem Segelschiff, als es noch keine Eisenbahn gab. Und ein Raddampfer gab sich auf dem Neckar gleichfalls die Ehre. Das war im Jahr 1841. Es war das erste Neckardampfschiff und war in der Maschinenfabrik Esslingen nach Plänen aus dem französischen Nantes gebaut worden.

Bootsausflüge und Lukullisches

In der Geschichte des Schiffverkehrs von der SSB über den Neckar-Käpt’n, der dieses Jahr 70-jähriges Bestehen feiert, gab es auch schon in den 1970er Jahren Kulinarik auf dem Wasser. So im Jahr 1967 beispielsweise auf dem Schiff Lukullus, welches am Neckarknie in Bad Cannstatt fest verankert war und dort die Besucher mit festlich gedeckten Tafeln lockte.

Die Karte zeigt, wieviele Badeplätze es am Neckar 1925 gab. Foto: Iris Frey

Während vor 90 Jahren im Stausee Hofen, dem Max-Eyth-See-Vorläufer, schwimmen erlaubt war, war das auch an anderen Stellen des Neckars zwischen Bad Cannstatt und Untertürkheim so. Es gab nämlich verschiedene Badeplätze am Neckar. Vielerlei Sportvereine hatten dort ihren eigenen Badeplatz. Einen interessanten Überblick gibt eine Karte aus dem „Stuttgarter Wirtschaftsbericht“ von 1926. Dort sind zahlreiche Badeplätze aufgelistet vom Turnerbund Cannstatt bis zu Schwimmverbünden- und Turnvereinen. Sie befanden sich alle am Neckarufer – nicht weit voneinander entfernt, wie die Karte zeigt.

Bilder von Hochwasser in Untertürkheim und die Kanalisierungspläne. Foto: Iris Frey

Spektakuläre und unverwirklichte Pläne

Nicht nur die Probleme des Hochwassers beschäftigte die Anrainer am Neckar über viele Jahre. Verschiedenste Brückenbauten, die Neckarkanalisierung und letztendlich auch der Bau des Stuttgarter Neckarhafens, veränderten die Landschaft. Zu den kuriosesten Plänen zählte der eines Schiffshebewerks im Rahmen des Neckar-Donau-Kanals im Bereich der Schwäbischen Alb.

Doch die Großschifffahrtsstraße wurde nicht verwirklicht, die Planung 1938 gestoppt, der Main-Donau-Kanal wurde als schnellere Verbindung priorisiert. Dafür eröffnete Bundespräsident Theodor Heuss 1958 den Stuttgarter Hafen mit Bauingenieur Otto Konz, der nach vier Jahren Bauzeit 35 Millionen Mark gekostet hat. Der Brückenentwurf von Heinrich Schickhardt hingegen von 1622 für Untertürkheim für 12280 Gulden wurde aus Geldmangel nie gebaut, ist aber als Modell im Ortsmuseum Rotenberg, jeden ersten Sonntag im Monat bis zum 4. Oktober von 14 bis 16 Uhr in der Württembergstraße 312 in Rotenberg zu sehen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Neckar Gottlieb Daimler