Vereinskultur in Ruit Die Geselligkeit lebt – Turnen und Bier trinken im Waldheim

Jochen Bender, Thomas Hüsson-Berenz, Mathias Sendelbach und Stefanie Sekler-Dengler (von links) erinnern an die Arbeiterkultur. Foto: Roberto Bulgrin

Mit Festen, einem Lokal und kulturellen Angeboten hält der Waldheimverein in Ruit die Erinnerung an die Arbeiterkultur wach. Kinder und Familien bleiben eine wichtige Zielgruppe.

Reporterin: Elisabeth Maier (eli)

Nicht nur an sonnigen Tagen ist in der Waldheimgaststätte in Ruit viel los. Bald beginnt da wieder die Biergartenzeit. Das ehemalige Filderdorf Ruit ist von der Arbeiterkultur des 19. Jahrhunderts geprägt. Diese Tradition hält der Waldheimverein am Leben. Mit dem Kinderfest, Stadtteilführungen und kulturellen Angeboten ist die Tradition aus der Stadt Ostfildern nicht wegzudenken.

 

„Der Waldheimverein Ruit bereichert das Leben in unserer Stadt seit über 100 Jahren“, verweist Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay auf die Geschichte. „Ursprünglich wurde er gegründet, um den Arbeiterinnen und Arbeitern einen Ort zu geben, wo sie sich begegnen und erholen können.“ Später wurde er nach Boleys Worten zum Dachverein zahlreicher Ruiter Vereine. „Bis heute ist er ein lebendiges Bindeglied unserer Stadtgesellschaft“, sagt der OB, der selbst Sozialdemokrat ist.

Wie wichtig der Verein, der aus der Arbeiterkultur gewachsen ist, für das Filderdorf Ruit war, zeigt Bolay die Geschichte: „Der Waldheimverein hat ja auch die erste Turnhalle in Ruit gebaut.“ Diese wurde als Veranstaltungszentrum genutzt. „Der Waldheimverein fördert Gemeinschaft, kulturelles Engagement und hat von Beginn an bis heute alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt im Blick.“

Eine Turnvorführung auf dem Waldheimgelände, vermutlich 1912. Foto: Stadtarchiv Ostfildern

Besonders ist für Bolay die Zusammenarbeit von Vereinen wie dem Sängerbund, dem Turnerbund und dem SPD-Ortsverein. „Deren Mitglieder sind automatisch Mitglieder des Waldheimvereins“, erklärt Mathias Sendelbach die Organisationsform. Der Begriff „Bund“ verweist nach seinen Worten auf die Wurzeln in der Arbeiterkultur. Gemeinsam mit dem Stadtarchivar Jochen Bender, der kürzlich in den Ruhestand verabschiedet wurde, hat der gebürtige Bayer einen Aufsatz über die 100-jährige Geschichte des Waldheimvereins von 1912 bis 2012 verfasst.

Den Arbeitenden eine eigene Identität in der Dorfgemeinschaft geben

„Weil das Erbe der Eltern gleichmäßig auf alle Kinder verteilt wurde, gab es immer mehr kleine Höfe“, erinnert Bender an die Geschichte. Da Ruit ohnehin ein relativ armes Dorf war, zog es im Zuge der Industrialisierung immer mehr Leute in die Fabriken nach Esslingen. Ziel des Waldheimvereins war es nach Benders Worten, den Arbeitenden eine eigene Identität in der Dorfgemeinschaft zu geben. Bender und Sendelbach schreiben im Text von einer „eigenen Arbeiterkultur, die sich selbstbewusst von der bürgerlich-bäuerlichen Kultur abhob.“ Da Ruit auf der anderen Seite sehr stark von der kirchlichen Tradition des Pietismus geprägt war, gab es Anfang des 19. Jahrhunderts nach Benders Worten große Spannungen im Dorf. Schon 1906 hatte der damalige Pfarrer Martin Mörike sich darüber beklagt: „Die Sozialdemokratie breitet sich rege aus und sucht das kirchliche Leben zu schmälern.“

Der Waldheimverein verstand sich nach Sendelbachs Worten immer als ein Dachverein der Ruiter Vereine. Besonders habe man da die Familien in den Blick genommen. Ihnen nach der harten Arbeitswoche „zwanglose Geselligkeit, Bewegung und Erholung in freier Luft zu ermöglichen“, war das Ziel des Vereins. Für den langjährigen Vorsitzenden, der seit 2009 im Amt war, gilt das noch immer. „Mit dem Kinderspielfest wollen wir weiterhin die Familien in Ruit erreichen.“ 1912 hatte der Verein das Waldheim am Zinsholzwäldchen gebaut, das nach dem Krieg erweitert wurde und eine Halle bekam.

„Mit dem Kinderspielfest wollen wir weiterhin Familien in Ruit erreichen. Wichtig ist auch die Erinnerung an die lange gewachsene Arbeiterkultur.“

Mathias Sendelbach, Waldheimverein Ruit

Wichtig ist Sendelbach, die Erinnerung an die Arbeiterkultur wach zu halten. Nach der Machtergreifung 1933 liquidierten die Nationalsozialisten die Arbeitervereine auch in Ruit. 1947 gründete sich der Verein wieder. „Diese dunklen Jahre dürfen wir nicht vergessen.“ Der Senior will gerade der jungen Generation die Verbrechen der Nazizeit vermitteln, „damit sich diese dunkle Geschichte nie wiederholt.“

Das Waldheim am Zinsholzwäldchen mit der Gaststätte. Foto: Roberto Bulgrin

Dass er nun mit Thomas Hüsson-Berenz einen jüngeren Nachfolger gefunden hat, freut den langjährigen Vereinschef. Für den neuen Vorsitzenden ist es wichtig, „die junge Generation weiterhin anzusprechen und zu begeistern.“ Nicht nur beim Kinderspielfest treffen sich Familien aus Ruit und aus Ostfildern. Die Waldheimgaststätte ist nicht nur in der Biergartenzeit ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt. Stefanie Sekler-Dengler, die Fraktionschefin der SPD im Gemeinderat Ostfilderns, engagiert sich auf vielen Ebenen in der Jugendarbeit. Sie unterstützt die Aktivitäten des Waldheimvereins. Dass sich unter diesem Dach Ruiter Vereine organisieren, betrachtet die Kommunalpolitikerin als eine Chance: „So erreichen wir viele Menschen.“

Das Waldheim in Ruit

Geschichte
Die bewegte Historie des Waldheimvereins haben Jochen Bendfer und Mathias Sendelbach in dem Aufsatz „Helle Begsieterung lag auf allen Gesichtern. 100 Jahre Waldheimverein Ruit 1912 bis 2012“ zusammengefasst. Er ist erschienen in der Schriftenreihe der Stadt Ostfildern, Band 9. Das rund 250 Seiten starke Buch mit vielen historischen Bildern und Dokumenten ist beim Stadtarchiv im Klosterhof Nellingen zu beziehen.

Das Lokal
Die Waldheimgaststätte Ruit am Zinsholzwäldchen leitet Neamat Abdulhakim seit 2025. Der Schwerpunkt liegt auf einer großen Auswahl an schwäbischer Küche. Es gibt aber auch mediterrane Tapas wie Bruschetta und Guacamole. Weitere Informationen: www.waldheimruit.de

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