Das Gebäude an der Lenzhalde 35 im feinen Stuttgarter Norden wirkt wie ein Lost Place. Doch das täuscht. An dem Ort, der so verlassen aussieht, wohnt Pflegepersonal des Klinikums.
Das Gebäude stehe leer. Und das direkt an der Lenzhalde, einer schicken Villengegend in Stuttgart-Nord. Ein Unding. Dem solle man doch mal nachgehen. Bei der Recherche finden sich verschiedenste Informationen zu dem Gebäude an der Lenzhalde 35. Zuletzt diente es als Personalwohngebäude des Klinikums Stuttgart.
In einer Beschlussvorlage des Gemeinderats vom 11. September 2017 ist dann aber zu lesen, dass die Geschäftsführung und der Personalrat des Klinikums die Zahl der Appartements und Wohnungen – anstelle von nur Zimmern – für Personal erhöhen solle. Dazu wurden bauliche Konzepte und Maßnahmen für verschiedene Orte erarbeitet. Von der Generalsanierung bis zum Weiterbetrieb bis zum Abriss und Neubau war alles dabei.
Das Gebäude, so hieß es 2017, solle an die SWSG gehen
Für die Lenzhalde kam man zu folgendem Urteil: „Eine Generalsanierung des Gebäudes Lenzhalde 35 ist wegen der ineffizienten Grundrisse und dem dadurch zu hohen Anteil an Verkehrsflächen sowie wegen des schlechten Gesamtzustands des Objekts nicht zielführend. Es wird (...) vorgeschlagen, das Gebäude bis zum Abschluss der Baumaßnahmen in den anderen Personalwohngebäuden weiter zu betreiben und danach durch eine Bebauungsplanänderung eine Wohnbebauung durch die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) zu ermöglichen.“
Das Gebäude in der Lenzhalde 35 ist etwas runtergekommen
Da werde einer draus schlau. Letzteres zumindest ist augenscheinlich noch nicht geschehen – die SWSG antwortet auf Nachfrage, dass „das Grundstück Lenzhalde 35 nicht zum Bestand der SWSG zählt. Auch ist die SWSG nicht mit der Projektentwicklung des Areals beauftragt“.
Das Gebäude an der Lenzhalde 35 in Stuttgart-Nord. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Doch wohnt in der Lenzhalde nun jemand oder nicht? Es ist ein grauer Morgen, das Gebäude steht scheinbar verlassen im Nieselregen da. Braune Wandschindeln verkleiden die Fassade, nur in dem Teil, in dem der Haupteingang liegt, ist die Fassade mit blauen Platten verkleidet, daraus erheben sich in weiß eingefasste Fensterreihen. Ein Wasserrohr tropft unablässig vor sich hin, alles ist dunkel, etwas runtergekommen, nicht gerade einladend.
Im Fenster neben der Eingangstür hängt ein Plakat: „Denke nicht zu viel, lebe lieber“. Auf dem Sims darunter steht eine wohl unechte Rose in einer Vase. Die gefühlt 100 Klingelschilder sind teils kaum lesbar, teils überklebt und mit einem neuen Namen beschrieben. Wohnt hier doch jemand? Da, ein Licht. In einem Zimmer des riesigen Gebäudes brennt eine Glühbirne. An der rückwärtigen Seite des Gebäudes ist ein Fenster nett hergerichtet, dort steht eine Grünpflanze auf dem Sims. Zeichen von Leben.
Auf Spurensuche
Gelebt wurde an diesem Ort einst allemal. Das sagt die Diakonisse Hannelore Graf. Sie ist 81 Jahre alt und längst im Feierabend, wie der Ruhestand bei den Schwestern genannt wird. Dennoch ist sie ehrenamtlich für das Archiv der Diakonissenanstalt zuständig – und sie kann darüber hinaus auch aus dem eigenen Erleben heraus berichten.
Am 9. April 1893 wurde der Diakonissenanstalt – speziell dem Marthaverein – als „hochherzige“ Schenkung der Marthagarten an der Lenzhalde übergeben. Der Geber, dessen Schenkung einen Goldwert von 20 000 Mark hatte, was einem Wert von 162 000 Euro entspricht, wollte ungenannt bleiben.
Ein Erholungsort für Schwestern
Der Marthagarten sollte der Erholung der Schwestern dienen, insbesondere – so in der Schenkungsurkunde bestimmt – der evangelischen Jugend. Es sollten sich hier allsonntäglich während der warmen Jahreszeit evangelischen Jungfrauenvereine Stuttgarts versammeln dürfen, um „geistliche und leibliche Erquickung zu genießen“. Außer Ruhebänken wurde auch eine Halle darin gebaut, damit die jungen Frauen auch bei ungünstiger Witterung zusammen sein konnten.
Die Diakonissen wohnten in ihrer Berufszeit in der Regel an ihrem Arbeitsplatz. Schwestern, die in zahlreichen Krankenhäusern oder Heimen eingesetzt waren, wohnten in unmittelbarer Nähe zum Arbeitsort, vielfach war die Unterbringung direkt im Krankenhaus oder Heimgebäude selbst. Als die starken Jahrgänge in den Feierabend kamen, wurde mehr und mehr Wohnraum benötigt.
Das Maria-Eckert-Haus wurde an dem Ort 1973 eröffnet
Dies führte auch zum Bau des Maria-Eckert-Hauses und der Einweihung 1973. Das Haus trug den Namen der ersten Oberschwester der Schwesternschaft. Es entstand auf dem Gelände des Marthagartens und wurde gezielt zum Wohnen für die Schwestern im Feierabend, also für Schwestern im Ruhestand gebaut. In vielen Jahresberichten wurden von Aufnahmen von bis zu 80 Schwestern pro Jahr berichtet.
Hannelore Graf war bei der Eröffnung des Hauses am 31. Mai 1973 dabei. Es war der Tag ihrer Einsegnung. „Wir fünf Einsegnungsschwestern saßen ganz vorne, inmitten all der Blumen“, sagt sie. Doch auf diese reagierte sie „furchtbar allergisch“. Es musste ein Arzt kommen, damit sie danach noch auf den Folgetermin in die Stiftskirche gehen konnte. „Die Medikamente haben mich sehr müde gemacht.“
Maria-Eckert-Haus wurde als Feierabendhaus der Diakonissen genutzt
Die offizielle Einweihung des Maria-Eckert-Hauses fand am 30. November 1973 statt, dazu wurden etwa 60 Vertreter der Stuttgarter Behörden, der Kirchenleitung, der Baufirmen und auch die Nachbarn eingeladen, so steht es in einem Eintrag aus der Mutterhauschronik vom 30. November 1973. Nach zweieinhalbjähriger Bauzeit war das Projekt fertig, das 87 Plätze für Feierabendschwestern bot. Seine innere Mitte ist der Andachtsraum. Architekt Hübner sprach davon, dass die Anlieger einen Park verloren haben, aber dafür eine gute und stille Nachbarschaft gewonnen haben. Das Gelände sei 33 Ar groß mit einer Höhendifferenz von sechs Metern. Die geometrische Ordnung des Bauentwurfs verfolge nicht nur rechtwinklige Teile. In fünf Geschossen wurden die Appartements in Vierergruppen angeordnet. Jeweils ist ein Flur vorgelagert. Es ist kein „Alterssilo“!, betonte Hübner. Dieses Haus sei auch wohnungsmedizinisch ein positiver Beitrag. Jede Wohneinheit umfasst 23 Quadratmeter ohne Balkon. Aber die Dachterrassen ersetzen diesen weithin.
Das Maria-Eckert-Haus wurde bis 2001 als Feierabendhaus der Diakonissen genutzt. Die Diakonissenanstalt baute damals direkt am Mutterhaus Unterkünfte und holte alle Diakonissen zurück. Eine damalige Bewohnerin, die inzwischen längst verstorbene Schwester Hedwig Rath, schrieb damals: „Am 17. September war eine Abschiedsfeier mit Stehimbiss von unserem schönen Haus. Das Kofferpacken war nun Alltag, für einige Schwestern war es ein Umzug nach über 20 Jahren von dem nun so lieb gewordenen Feierabendhaus mit der Aussicht über Stuttgart. Am 8. November sind die letzten zwei Schwestern ins Mutterhaus umgezogen.“
Die Stadt Stuttgart kaufte das Maria-Eckert-Haus 1971
Im Juli 2001 meldete sich das Studentenwerk, angeblich protegiert von OB Wolfgang Schuster, mit besonderem Interesse in akuter Wohnungsnotlage. Wenig vorher hatte sich die Stadt Stuttgart selbst gemeldet und Bedarf für das Katharinen-Hospital wegen dortiger Neubaupläne angemeldet. Ein sich abzeichnender Konflikt konnte durch den Vorschlag gelöst werden, dass die Stadt Stuttgart das Gebäude erwirbt und an das Studentenwerk befristet vermietet.
Aber wie wird das Gebäude derzeit genutzt – und wem gehört es? Auf Nachfrage gibt das Liegenschaftsamt der Stadt die Auskunft, dass das Gebäude Lenzhalde 35 nicht brach liegt, sondern seit Jahren vom Klinikum als Personalwohnheim genutzt wird. „Dem Amt sind keine Planungen bekannt, das diese Nutzung beendet werden soll“, heißt es.
In dem heutigen Wohnheim wohnt Pflegepersonal des Klinikums
Das bestätigt Stefan Möbius, der Sprecher des Klinikums. Ihm zufolge bietet das Klinikum Stuttgart Wohnraum für rund 1000 Mitarbeitende (von gesamt etwa 9500 Mitarbeitenden) an, darunter viele erst jüngst fertiggestellte Wohnungen am Standort Bad Cannstatt.
Im Wohnheim in der Lenzhalde wohnen insbesondere Auszubildende des Klinikums Stuttgart, darunter viele angehende Pflegekräfte. Insgesamt gibt es dort 80 Apartments und einige weitere Zimmer, die zu günstigen Konditionen vermietet werden. „Dieser Wohnraum ist und bleibt für unsere Mitarbeitenden und insbesondere die Auszubildenden ein entscheidender Faktor. Es gibt keine Pläne seitens des Klinikums, auf das Wohnheim in der Lenzhalde zu verzichten. Im Gegenteil, der Wohnraum wird auch zukünftig benötigt“, sagt Möbius.
Das Gebäude an der Lenzhalde 35, als es noch ein Feierabendheim für Diakonissen war. Foto: Diakonissenanstalt
Warum aus den Plänen, dass das Gebäude an die SWSG gehen sollte, nichts wurde, dazu konnte oder wollte niemand Stellung beziehen. Aber freilich ist die Hauptsache, dass es nicht leer steht, sondern von Pflegekräften genutzt werden kann – die bezahlbaren Wohnraum dringend benötigen. Trotzdem bleibt die Frage offen, warum das Haus inmitten dieser schönen Gegend auf viele wirkt wie ein Lost Place, ein verlorener Ort.
Vielleicht liegt es an der tristen, schmutzigen Fassade, den vielen heruntergelassenen Rollläden, dem tropfenden Wasserrohr, den Grashalmen, die zwischen den Bodenplatten hervorsprießen und fehlenden Blumen auf der Dachterrasse. Hier kümmert sich niemand, sagt das Gebäude so stumm wie laut. Und dann wundert man sich, dass es zu wenig Pflegekräfte gibt? Menschen, die sich um andere kümmern, sollten in einem Haus leben, um das sich ebenfalls jemand kümmert. Denn dieses soll schließlich nicht nur ein Gebäude sein, sondern ein Zuhause.
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