Neonazis in Baden-Württemberg Verfassungsschutz über neue Gruppen: Extremisten werden immer jünger

Rechtsextreme Gruppen bei einer Demo in Stuttgart im März Foto: IMAGO/Daniel Kubirski

Extrem jung und extrem radikal: Im Land bilden sich neue Neonazigruppen. Der Verfassungsschutz hat sie im Blick. Wer sind diese Gruppen und was treibt sie an?

Sie sind extrem jung und extrem rechts: Im ganzen Land scheinen derzeit neue Gruppen aus dem Boden zu sprießen, die mit „Neue Rechte“ nur unzureichend beschrieben sind. „Das sind richtige Neonazis“, sagt ein Sprecher des Landesamts für Verfassungsschutz. Wie diese Gruppen sich gerieren, wie sie aussehen, welche Parolen sie kundtun, davon hat man in der Landeshauptstadt im März einen Eindruck bekommen: Bei einer Demo aus dem „Querdenker“- Umfeld traten rund 150 Personen dieses Spektrums auf. Sie heißen „Unitas Germanica“, „Zollernjugend Aktiv“ oder „Der Störtrupp“. Dass sie ausländerfeindlich und nationalistisch sind, machten sie ohne Umschweife deutlich.

 

Kommt diese Entwicklung aus dem Nichts? Seither, so hat man den Eindruck beim Blick in die sozialen Medien, tauchen bald täglich neue Gruppen dieser Art auf. Im Sommer des vergangenen Jahres seien die ersten entstanden, sagt ein Sprecher des Landesverfassungsschutz’ und man habe zeitnah öffentlich vor dieser Entwicklung gewarnt. Unter anderem davor, dass die Gruppen ein neues Thema gefunden haben: die Queerfeindlichkeit. Beim CSD in Albstadt zum Beispiel trat im vergangenen Herbst eine Gruppe der Zollern-Jugend Aktiv mit einer Gegendemo in Erscheinung.

Das Landesamt für Verfassungsschutz hat die Gruppen seit Sommer 2024 im Visier. Foto: dpa/Christoph Schmidt (Symbolbild)

Was die Experten beim Verfassungsschutz beunruhigt, ist das extrem junge Eintrittsalter der Jugendlichen – überwiegend seien es Jungs: Sie stoßen mit 14, manche schon mit 13 Jahren zu den Neonazigruppen. „Und sie radikalisieren sich extrem schnell, ohne einen rechten Vorlauf, ohne Vorgeschichte. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung“, so der Sprecher. Das erlebe man derzeit auch in anderen extremistischen Bereichen, etwa bei jungen Islamisten. Mädchen und junge Frauen seien schon auch dabei, aber immer noch die Ausnahme.

Wer die Jungs sind und warum sie sich so schnell radikalisieren, das ist den Verfassungsschützern noch ein Rätsel. Die Antworten liegen vermutlich – wie so oft – im Internet, in Telegramgruppen und in der Lebenswelt: Sie beobachten die Zuwanderung und die zunehmende Sichtbarkeit und Akzeptanz queerer Gruppen – und schaffen sich eine radikale Gegenwelt. Was man aber weiß: Zu anderen Gruppen, etwa jenen, die man als „Neue Rechte“ bezeichnet wie die Identitären, haben sie keinen Kontakt, nur wenig auch zu rechten Parteien.

Der erste Kontakt kommt meist über die Sozialen Medien zustande

Der Erstkontakt zu Anwärtern und Neuzugängen erfolge online. „Sie werben proaktiv“, erläutert der Sprecher. Es sei eine Mischung aus Werbung und „gefunden werden“. So heißt es etwa auf dem Instagram-Profil der Zoller-Jugend Aktiv: „Du kommst aus dem Zollernalbkreis und willst politisch aktiv für dein Volk und Vaterland werden? Dann melde dich bei uns per DM.“

Protest gegen die Demo in Stuttgart Foto: red/Christoph Müller (Archiv)

Solche Profile mit geografischen Bezügen sprießen in jüngster Zeit auf Instagram massenhaft aus dem Boden: Kurz vor und vor allem nach der „Querdenker“-Demo Ende März in Stuttgart war das zu beobachten. Plötzlich gab es scheinbar in zig Orten Gruppen mit Namen wie „Ostalb Revolte“, „Balingen Revolte“ oder „Rottweil Revolte“. Offenbar orientieren sich die an der schon länger bestehenden rechtsextremistischen Gruppe „Pforzheim Revolte“.

Reale Treffen sind oft mit Wandern oder Kampfsport verbunden

Ob da aber immer jemand an den einzelnen Schauplätzen dahintersteckte oder ob es nur eine große Zahl von wenigen, an anderen Orten wohnenden Aktiven gibt? Die Gruppierungen würden zumindest versuchen, den Eindruck zu erwecken, als ob sie flächendeckend aktiv seien, so der Sprecher. Und das ohne großen finanziellen Aufwand. Weder für die Onlineaktivitäten, noch für reale Treffen brauche man große Summen: Die Gruppen veranstalten Wanderungen mit Grillen, ein paar Würstchen und Bier reichten dafür. Auch die Trainingstreffen, bei denen Kampfsport und Boxen geübt werde, kosteten nicht viel.

Das Training ist etwas, was die neue Neonazi-Bewegung von anderen Gruppen vor ihr unterscheidet: „Sie machen sich bereit für Angriffe und Auseinandersetzungen mit gegnerischen Gruppen“, sagt der Pressesprecher der Behörde. In den zurückliegenden Jahren seien gewalttätige Konfrontationen zwischen Rechts- und Linksextremisten in der Region Stuttgart vornehmlich von linksextremistischer Seite gesucht worden. „Aber nun zeigen die jungen Rechtsextremisten, dass sie bereit sind, sich solchen Auseinandersetzungen aktiv zu stellen“, das sei neu. Im Oktober des vergangenen Jahres etwa seien Vertreter von „Unitas Germanica“ bei einem Antifa-Treffen im Rems-Murr-Kreis aufgetaucht und hätten eine „Störaktion“ durchgeführt. Für die Verfassungsschützer ein Beweis, dass sie auch die direkte Konfrontation nicht scheuen.

Bislang sei es bei dieser Art von Provokation geblieben, „aber es liegt was in der Luft“, dessen sind sich die Beobachter des Verfassungsschutzes sicher. Der politische Gegner muss dabei kein Extremist sein: Schon die demokratische Mitte sei den jungen Neonazis zu weit entfernt von ihren Vorstellungen.

Neue Demos an diesem Wochenende in drei Städten im Land

Noch etwas ist neu und erschreckend: „Sie zeigen Gesicht“. Während sich andere Gruppen nur verpixelt präsentiert hätten, würden die neuen jungen Gruppen keine Scheu haben, erkennbar zu sein. Auch das sah man in Stuttgart vor ein paar Wochen: Die Gruppen suchten die Kameras, gingen von der Versammlung weg, um auch von jenseits der Polizeiabsperrung erkennbar zu sein. Sie trugen Banner und Kleidung mit den Logos ihrer Gruppe und provozierten damit auch die Teilnehmenden der linken Gegendemos.

Überhaupt die Demos: „Die Anschlussfähigkeit ist ein Problem“, so die Experten. In Stuttgart demonstrierten Personen mit Bezügen zum heterogenen Spektrum der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates, die sich nicht von den anwesenden Rechtsextremisten distanzierten, obwohl die Veranstaltenden der Demo immer wieder betont hatten, dass sie unter dem Motto „Gemeinsam für Deutschland“ unpolitisch seien.

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