Der Oberbürgermeister von Kirchheim (Kreis Esslingen) bittet mit weiteren Amtskollegen das Verkehrsministerium um Unterstützung. Warum ihm die Ortskennung so am Herzen liegt.
Die Bürgermeister von 17 baden-württembergischen Städten werben beim Verkehrsministerium um Unterstützung für eigene Autokennzeichen. Einer der Unterzeichner des gemeinsamen Briefes ist Pascal Bader. Der Rathauschef von Kirchheim unter Teck macht sich für die Ortskennung „KIT“ an Kraftfahrzeugen stark.
Ihre Aktion greift einen Vorschlag von Ralf Bochert, Professor für Volkswirtschaftslehre und Destinationsmanagement an der Hochschule Heilbronn, auf: Er hatte im Oktober 2024 ein Forschungsprojekt zur Kennzeichenliberalisierung vorgestellt, das 320 Städten und Gemeinden mit über 20 000 Einwohnern ein eigenes Kennzeichen ermöglichen würde. Inzwischen fordern schon 70 Stadtoberhäupter aus mehreren Bundesländern, eine rechtliche Änderung über eine Bundesratsinitiative herbeizuführen.
Warum ihm das Thema so am Herzen liegt? „Ein eigenes Autokennzeichen würde Kirchheim unter Teck als eigenständige Stadt deutlicher hervorheben und die Identifikation mit unserer Stadt stärken“, ist Bader überzeugt. Es böte die Möglichkeit, „das Besondere und Einzigartige Kirchheims nach außen zu tragen“. Und könnte dazu beitragen, das Image und die Bekanntheit Kirchheims mit seinen rund 42 300 Einwohnern zu steigern. „Es wäre somit ein zusätzliches Mittel, ein positives Bild sowohl innerhalb der Bevölkerung als auch über die Stadtgrenzen hinaus zu vermitteln“, erläutert der Oberbürgermeister.
Bislang bleibt den Bewohnern der geschichtsträchtigen Teckstadt der Heimatstolz an Front und Heck ihres fahrbaren Untersatzes verwehrt. Denn Kirchheim steht nach jetziger Rechtslage kein sogenanntes Unterscheidungskennzeichen zu. Die Vergabe wäre nur möglich, wenn die Stadt früher schon mal ein eigenes Ortskennzeichen gehabt hätte. So wie das benachbarte Nürtingen.
Altkreise erhalten Autokennzeichen zurück
Das „NT“ für den Altkreis Nürtingen, das im Zuge der Kreisreform vor über 50 Jahren abgeschafft wurde, wurde im Zuge der letzten Kennzeichenliberalisierung 2012 wieder eingeführt. Seither erfreut sich die neben dem „ES“ zweite mögliche Buchstabenkombination im Kreis Esslingen großer Beliebtheit: Nach Angaben des für die Kfz-Zulassung zuständigen Landratsamtes sind knapp 70 000 Autos, Lastwagen, Motorräder, Busse und landwirtschaftliche Maschinen mit einem NT-Kennzeichen angemeldet – bei insgesamt rund 418 000 registrierten Kraftfahrzeugen.
Bader glaubt, dass „KIT“ für Kirchheim/Teck in der Bevölkerung gut ankommen würde: Eine spontane, gleichwohl nicht repräsentative Umfrage über seinen Social-Media-Kanal im Herbst vergangenen Jahres habe ergeben, dass mehr als die Hälfte der rund 320 Teilnehmenden ein eigens Kennzeichen für Kirchheim befürwortet. Denkbar wäre aber auch das formal richtigere „KUT“ für Kirchheim unter Teck.
Beide Buchstabenkombinationen seien nach aktuellem Kenntnisstand derzeit verfügbar, teilt eine Sprecherin der Stadtverwaltung mit. „Sollte es zu einer Kennzeichenliberalisierung kommen, müsste der Gemeinderat entscheiden, ob Kirchheim ein eigenes Kennzeichen beantragt und, falls ja, welches Kürzel es in diesem Fall werden soll“, erläutert Doreen Wackler. Aus Sicht der Stadtverwaltung habe „KIT“ den besseren Klang als „KUT“.
Die Zahl der Städte mit mehr als 20 000 Bewohnern ist im Kreis Esslingen eher überschaubar. Für ein eigenes Ortskennzeichen kämen nur noch Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen und Ostfildern infrage. Bochert führt in seiner Liste die entsprechenden Kennzeichenvorschläge „FIL“, „LE“ und „OFI“ auf. Doch in den betreffenden Städten hält sich die Begeisterung in Grenzen.
Andere Kreisstädte sind zurückhaltend
In Leinfelden-Echterdingen deshalb, weil „LE“ bereits an die Stadt Lemgo in Nordrhein-Westfalen vergeben sei und man „allenfalls an dieser Buchstabenkombination Interesse hätte“, räumt Thomas Krämer, der Sprecher der Stadtverwaltung, ein. Ostfildern verfolge die Initiative zwar aufmerksam, sagt Pressesprecherin Tanja Eisbrenner, der Stadt seien aber „aus der Bürgerschaft keine Rückmeldungen zugegangen, die auf einen konkreten Wunsch nach einem eigenen Autokennzeichen hindeuten würden“. Und in Filderstadt, erläutert der Leiter des Ordnungsamtes, Jan-Stefan Blessing, würde man sich „mit Blick auf den Verwaltungsaufwand“ schwer tun mit einem eigenen Ortskennzeichen. Man sei zwar „grundsätzlich nicht abgeneigt, aber wir forcieren das aktuell nicht.“
Für die Einführung neuer Autokennzeichen wäre eine Änderung der Kraftfahrzeugzulassungsverordnung erforderlich, die das Land beim Bund beantragen müsste. Die Neigung dazu scheint jedoch gering zu sein: Das baden-württembergische Verkehrsministerium hat auf das Schreiben der Bürgermeister ablehnend reagiert.
Kennzeichenliberalisierung
Altkreiskennzeichen
Ralf Bochert war es auch, der 2012 die Änderung der Kraftfahrzeugzulassungsverordnung anstieß. Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums haben seither mehr als 300 Städte und Gemeinden in Deutschland die Wiedereinführung ihrer Altkreiskennzeichen durchgesetzt.
Buchstabenkombinationen
Die 35 Landratsämter und neun kreisfreien Städte in Baden-Württemberg vergeben insgesamt 60 unterschiedliche Ortskennzeichen. Ein weiteres – BWL – tragen Polizei-, Regierungs- und Landtagsfahrzeuge. In ganz Deutschland gibt es mehr als 700 ein- bis dreistellige Buchstabenkombinationen für Orte.