Operator Ringo Krimmling an seinem Arbeitsplatz in der Verkehrsleitzentrale: An seinen Monitoren hat er den Überblick über das Strecken- und Tunnelnetz. Foto: Simon Granville
Die Verkehrsleitzentrale der Autobahn GmbH hat ihren Sitz am Stuttgarter Pragsattel. Von dort aus wird unter anderem geregelt, was im Leonberger Engelbergtunnel passiert.
So stellt man sich die Kommandobrücke eines Raumschiffs aus dem 25. Jahrhundert vor. Oder die Zentrale der Videoüberwachung eines großen Geheimdienstes. Nur bekommt man weder das eine noch das andere wohl jemals zu Gesicht. Auch der Besuch in dem Gebäudekomplex an der Heilbronner Straße in Stuttgart ist eine große Ausnahme. Dort, fast direkt am Pragsattel, befindet sich die Verkehrsleitzentrale der Autobahn GmbH Niederlassung Südwest. Ein Team aus 22 Personen hat in dem großen Raum mit unzähligen Monitoren rund um die Uhr einen Blick auf 1050 Streckenkilometer in Baden-Württemberg und kleineren Teilen von Rheinland-Pfalz und Hessen – und auf 19 Tunnel. Darunter befindet sich, natürlich, auch der Engelbergtunnel unter Leonberg, der aktuell saniert wird.
Flair wie auf der Brücke eines Raumschiffs
Schichtwechsel am frühen Nachmittag. Drei sogenannte Operatoren lassen sich an den Arbeitsplätzen nieder, an denen sie neben dem Blick auf ihre eigenen Bildschirm-Massen auch direkte Sicht auf die große Videowand haben. Zwei weitere Tische mit unzähligen Monitoren befinden sich links daneben. Würde in Kürze jemand im Stile von Raumschiff-Enterprise-Captain Jean-Luc Picard den Befehl „Energie!“ geben, es wäre nicht verwunderlich. Doch Gas gegeben wird vor allem auf den Bildschirmen, über die Autobahnen rauschen täglich abertausende Fahrzeuge. Und das Team in der Verkehrsleitzentrale sorgt dafür, dass dies möglichst flüssig und sicher vonstatten geht.
Einer der Operatoren ist Ringo Krimmling. „Wichtig ist, die Bildschirme immer im Blick zu haben“, sagt der 40-Jährige, der eigentlich ausgebildeter Kfz-Mechatroniker ist, sich dann jedoch fortgebildet hat. Dass eine technische Ausbildung quasi als Voraussetzung für die Tätigkeit in der Verkehrsleitzentrale gilt, bestätigt auch Marion Mayer-Kreitz. „Idealerweise in einem Bereich, der mit Straßenverkehr zu tun hat“, fügt die Abteilungsleiterin Telematik bei der Autobahn GmbH Niederlassung Südwest hinzu. Bereitschaft zum Schichtdienst und zur Teamarbeit sind außerdem wichtig. „Generell kann hier jeder alles“, sagt sie.
Auch viele weitere Informationen müssen verarbeitet werden
Doch nicht nur das ständig wachsame Auge ist unabdingbar. Täglich gehen eine Menge Anfragen bei der Zentrale ein. „Oft ist es so, dass zum Beispiel die Staatsanwaltschaft noch Informationen für ein Verfahren braucht“, berichtet Krimmling, „oder es geht um verkehrsrechtliche Anordnungen bei Baustellen.“ Gerade sei aber ein ganz normaler Nachmittag – alles im Rahmen also, obgleich auf der großen Videowand zu sehen ist: Vor einem Tunnel auf der Schwäbischen Alb gehen die ersten Schneeflocken nieder.
Blick auf die Videowand mit den Autobahntunneln: Teamleiter Alen Kolarec Foto: Simon Granville
Etwa eineinhalb Stunden vorher: Der Verkehr auf der A81 bei Ludwigsburg wird dichter, was die Verkehrssensoren in die Leitzentrale melden. Abhilfe schafft ein Kollege von Ringo Krimmling. Mit den Kameras entlang der Strecke kontrolliert er, ob die Seitenstreifen frei sind, bevor er mit einem passwortgeschützten Befehl die sogenannten „Prismenwender“ aktiviert. Diese eben noch grauen Tafeln verkünden den Verkehrsteilnehmenden nun, dass sie ab jetzt auch die Seitenstreifen befahren können. „Was uns sehr freut: Dass das auch angenommen wird“, sagt der Operator und widmet sich wieder einem anderen Bildschirm.
„Prismenwände“ und viele weitere Fachbegriffe
„Prismenwender“, „Streckenbeeinflussungsanlagen“, „Netzbeeinflussungsanlagen“, „Nebelwarnanlagen“. . . mit diesen und vielen weiteren Begriffen haben Marion Mayer-Kreitz und Teamleiter Alen Kolarec täglich zu tun – wobei sie eigentlich fast nur Abkürzungen benutzen. All das umfasst die Anzeigen zum Beispiel der Schilderbrücken, aber auch die digitalen, umschaltbaren Schilder am Fahrbahnrand. Was sie anzeigen, steuern die Operatoren in der Verkehrsleitzentrale.
Auch für den Engelbergtunnel ist man am Pragsattel zuständig. Löst dort zum Beispiel die Brandmeldeanlage aus, wird der Tunnel automatisch gesperrt – natürlich unter den Augen der Operatoren. Auch die Meldung an die Feuerwehren und die Integrierte Einsatzleitstelle geht selbsttätig raus. In der Verkehrsleitzentrale wird dann auf die Kamera geschaltet, die dem ausgelösten Sensor am nächsten ist. Das, was dort zu sehen ist, geben die Operatoren telefonisch an die Rettungskräfte weiter. „Sie benachrichtigen auch die Autobahnmeisterei, die sich dann auf den Weg macht“, fügt Alen Kolarec hinzu.
Dass bei Vorfällen in Tunneln alle Abläufe funktionieren und ineinandergreifen, ist laut Marion Mayer-Kreitz von allerhöchster Bedeutung. „Wenn in einem Tunnel etwas passiert, ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel höher, dass viele Menschen zu Schaden kommen als auf freier Strecke“, sagt sie. Deshalb sei auch die Überwachung an 24 Stunden, an sieben Tagen die Woche und damit das ganze Jahr über wichtig. Im Engelbergtunnel beinhaltet die Sanierung derzeit übrigens auch die Kompletterneuerung der Technik: Systeme wie Videoüberwachung, Brandmeldeeinrichtungen, Kennzeichnung von Fluchtwegen, Beleuchtung, Belüftung, Schranken, all das wird und wurde bereits auf den neuesten Stand gebracht.
Eine von zehn Leitzentralen der Autobahn GmbH bundesweit
Vom Tunnel zurück in die Verkehrsleitzentrale. Sie ist eine von insgesamt zehn in Deutschland, die sich untereinander abstimmen und auf gleiche Prozesse verständigen. Allerdings wird sich für die Niederlassung Südwest der Autobahn GmbH in den kommenden Jahren einiges ändern. Die Verkehrsleitzentrale wird umziehen. Sie befindet sich am Pragsattel, weil das bundeseigene Unternehmen im Jahr 2021 die Aufgabe des Verkehrsmanagements auf Autobahnen von der Landesregierung übernommen hat. Derzeit befinden sich die Planungen für den neuen Standort in Ludwigsburg in der heißen Phase. Die Grafiken, die Marion Mayer-Kreitz präsentiert, zeigen: Dort soll es dann noch futuristischer und moderner aussehen als in der Heilbronner Straße.
Die Autobahn GmbH
Bundesweit Die Autobahn GmbH des Bundes ist die größte Autobahnbetreiberin Europas. 14 500 Mitarbeitende sind bundesweit zuständig für 13 000 Kilometer, 28 000 Brücken und 550 Tunnel. 2018 gegründet, übernahm sie Anfang 2021 Planung, Bau, Betrieb, Erhaltung, Finanzierung und vermögensmäßige Verwaltung der Autobahnen.
Niederlassung Südwest Bundesweit gibt es zehn Niederlassungen. Zur Niederlassung Südwest mit Sitz in Stuttgart-Untertürkheim gehören unter anderem die Verkehrsleitzentrale, ein Fachcenter in Ludwigsburg sowie 15 Autobahnmeistereien.