Verkehrsversuch in Stuttgart Superblock spaltet Anwohner –„Place to be“ oder „falsche Prioritäten“?

Fabian Holley und Lola Merz-Robinson sind große Fans des Superblocks – im Gegensatz zu einigen anderen Anwohnern. Foto: Schwarz

Den Superblock in Stuttgart-West gibt es inzwischen mehr als ein Jahr. Wie denken die Menschen vor Ort über das umstrittene Projekt?

Volontäre: Valentin Schwarz (vas)

Langfristig gesehen sollen Klimaprojekte wie der Superblock im Stuttgarter Westen dazu beitragen, die Temperaturanstiege im Kessel etwas abzumildern. Bislang erhitzt der Verkehrsversuch aber vor allem die Gemüter. Auf kommunalpolitischer Ebene ist rund um das Thema ein regelrechter Kulturkampf entbrannt.

 

Wie blicken die Menschen in den zehn Häuserblocks zwischen Schwab-, Rotebühl-, Silberburg- und Reinsburgstraße auf das Modellprojekt, mehr als ein Jahr nach seiner Einrichtung?

Wenige Menschen und wenige Autos im Superblock in Stuttgart

Bei einem spätsommerlichen Spaziergang durch die Augustenstraße – das Herz des Superblocks – herrscht eine friedliche Stimmung. Dies unterstreicht eine Momentaufnahme, die aus einem Werbefilm für ein familienfreundliches Wohngebiet stammen könnte: Während sich ein Vater und sein Sohn mit Fußball in der Hand auf den Weg zum nächsten Bolzplatz machen, gleitet ein rotes Lastenrad an ihnen vorbei. Ein paar Meter weiter genießen kleine Gruppen im Außenbereich der Cafébar Auszeit die Sonnenstrahlen.

Das Superblock-Modell: weniger Verkehr, mehr Freiflächen, zusätzliche Begrünung. Foto: Schwarz

Doch abgesehen davon ist auf der Straße nicht viel los. Das mag zur Mittagszeit an einem Werktag nicht überraschend sein. Jaap Vogel zufolge ändert sich das allerdings auch abends oder am Wochenende kaum. „Der Superblock wird nicht wirklich aktiviert“, sagt der 51-Jährige. Er kennt das Quartier gut, läuft er doch zweimal am Tag mitten hindurch. Vogel wohnt an der Silberburgstraße und arbeitet in einem Architekturbüro an der Augustenstraße.

Entlang seines Weges sollen mit Pflanzen dekorierte Sitzgelegenheiten den Aufenthalt im Freien attraktiv machen. Darauf springe allerdings kaum jemand an, erzählt Vogel. „Man sieht hier selten Leute.“ Auf einem anderen Feld bescheinigt er dem Superblock dagegen einen deutlich größeren Effekt: „Man spürt, dass der Verkehr weniger geworden ist.“

Superblock als Anlaufstelle für junge Leute aus Stuttgart

Für Fabian Holley ist das ein guter Grund, die Augustenstraße aufzusuchen. Der 26-Jährige wohnt zwar in einer anderen Ecke des Suttgarter Westens, doch in den Superblock zieht es ihn immer wieder. „Viele Leute aus meinem Umfeld verbringen hier gerne ihre Zeit, weil so wenige Autos vorbeifahren“, sagt Holley, während er mit einer Freundin, der Schauspielerin Lola Merz-Robinson, vor dem Kulturzentrum Merlin abhängt. „Das ist der Place to be“, schwärmt die 29-Jährige aus dem Jungen Ensemble Stuttgart, „es ist richtig super hier“.

Holley hofft, dass das Superblock-Modell – weniger Verkehr, mehr Freiflächen, zusätzliche Begrünung – Schule macht: „Ich würde mir so etwas auch an anderen Orten wünschen.“ Allerdings ist noch nicht einmal klar, wie es in der Augustenstraße weitergeht. „Ich habe gar keine Lust darauf, dass dieser Versuch endet“, sagt Holley.

Stuttgarter Anwohner kritisiert Prioritäten im Superblock

Das geht Stephan Kluge genau umgekehrt. Der 61-Jährige bezeichnet sich als Gegner des Superblocks. Dieser sei von oben herab beschlossen worden und entspreche nicht den Vorstellungen von Anwohnern wie ihm. „Hier wurden Prioritäten verschoben und falsch gesetzt“, kritisiert Kluge, der in der Senefelderstraße zu Hause ist. Ihn stört besonders, dass in seinem Quartier Parkplätze wegfielen und sich die Zufahrt mit dem Auto nun deutlich komplizierter gestaltet. Das passe nicht zum dicht besiedelten Stuttgarter Westen.

Immerhin einen positiven Aspekt kann er dem Projekt abgewinnen: die Pflanzen. Hier würde sich Kluge sogar noch mehr wünschen. Denn: „Eine grüne Insel im Stadtteil hätte mit Blick auf den Klimawandel durchaus Charme.“

Verkehrsversuch in Stuttgart Herausforderung für ältere Menschen

Charme haben für Birgit Röhmer-Wolf auch die gehäkelten Figuren, die die hölzernen Sitzgelegenheiten verzieren. „Die sind sehr liebevoll gestaltet und ein nettes Gimmick“, sagt die 60-Jährige. Davon abgesehen mache der Superblock jedoch einen eher lieblosen Eindruck. Ebenso wie Jaap Vogel und Stephan Kluge erzählt auch Röhmer-Wolf, sie beobachte kaum Menschen, die die Sitzbänke tatsächlich nutzen.

„Nettes Gimmick“: gehäkelte Figuren im Superblock. Foto: Valentin Schwarz

Die Stuttgarterin arbeitet in einer psychologischen Beratungsstelle der Evangelischen Kirche an der Augustenstraße 39. Die Klienten kämen von überall her aus dem Stadtgebiet; viele von ihnen hätten deshalb zu Beginn des Verkehrsversuchs über die schwierige Anreise mit dem Auto und fehlende Parkplätze geklagt, sagt Röhmer-Wolf. „Gerade für ältere Menschen war das wirklich unangenehm.“

Inzwischen habe sich das aber eingespielt. Und leiser sei es dadurch geworden im Viertel. Allerdings war die Lärmbelastung laut Röhmer-Wolf hier schon zuvor kein großes Problem. Insgesamt resümiert sie mit Blick auf den Superblock: „Ein durchschlagender Erfolg scheint er nicht zu sein.“

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