Ein kleines Schild ist der einzige Hinweis auf den Verlag Das Beste im Bürohaus an der B14 neben dem Hotel Le Méridien. Foto: aik
Seit 78 Jahren gibt es die deutsche Ausgabe der US-amerikanischen Zeitschrift „Reader’s Digest“. Nun droht „Das Beste“ das Aus: Der Verlag in Stuttgart ist insolvent.
Wer in den 1970er oder 1980er Jahren in einer deutschen Arztpraxis saß, kannte sie ebenso wie die Besucher von Abonnenten, die die Zeitschrift im DIN-A5-Format auf ihre Wohnzimmertische drapierten: „Das Beste aus Reader’s Digest“ hieß das Erfolgsmodell aus den USA, das in seinen besten Zeiten eine Auflage von mehreren hunderttausend Exemplaren schaffte. Seit 1948 wurde der deutsche Ableger in Stuttgart herausgegeben.
Doch nun ist „Das Beste“ akut in seiner Existenz gefährdet. Am 1. März hat das Amtsgericht Stuttgart das Insolvenzverfahren über den Verlag Das Beste GmbH eröffnet. Am Montag trat der vom Gericht bestellte Insolvenzverwalter Philipp Grub vor die noch 86 Köpfe zählende Belegschaft im Gebäude an der B14 neben dem Hotel Le Méridien, gegenüber dem Landesinnenministerium und erläuterte den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, was Sache ist. Der heutige Sitz ohne großes Werbedisplay ist bereits ein Indiz für die schwindende Bedeutung des Verlags, der einst prominent am Rotebühlplatz und später kaum weniger stadtbildprägend an der Augustenstraße, Ecke Paulinenstraße thronte.
Auflage ist auf 132.000 Exemplare pro Monat gesunken
Die Titelseite der ersten deutschsprachigen Ausgabe von 1948 und eine Ausgabe aus diesem Jahrtausend. Foto: dpa
Philipp Grub berichtet unserer Zeitung von den Schwierigkeiten von „Das Beste“, dessen deutsche Auflage 2025 auf 132.000 Stück pro Monat gesunken ist. Gleichzeitig grassierte die Kaufzurückhaltung unter den Kunden der anderen Produkte. Der Umsatz, der im Corona-Jahr 2021 noch 42 Millionen Euro betragen hatte, habe im vergangenen Jahr bei weniger als der Hälfte gelegen: 19 Millionen Euro. Das Minus betrug 750.000 Euro. „Das Problem ist, dass während dieser Entwicklung die Kosten nicht angepasst wurden“, sagt der Insolvenzverwalter – und „die Prognose ist negativ“.
Das bedeutet, dass der deutlich gesunkene Umsatz mit dem ungefähr gleich großen Personal erzielt wurde, das in der Verlagsbranche stets den Löwenanteil der Kosten benötigt. „Ein typischer Fall drohender Zahlungsunfähigkeit“, sagt Philipp Grub, „die Geschäftsführung hat den Insolvenzantrag gestellt, bevor die Gehälter und Löhne nicht mehr gezahlt werden können.“
„Das Beste“ gehört seit 2017 zu spanischem Direktmarketingunternehmen
Das Heft, das einst gestartet war, mit dem Untertitel „Artikel und Buchauszüge von bleibendem Wert“ das Bildungsbürgertum zu locken und mit dem aktuellen März-Titel „Sauber genug?“ Hygiene-Mythen auf den Prüfstand stellt, gehört seit 2017 zum spanischen Direktmarketing-Unternehmen CIL. Daneben gibt es noch die Zeitschrift „daheim“ (Auflage: 22.000), die „Deutschlands schönste Seiten“ vorstellen will.
Das Direktmarketing eröffnet dem Unternehmen laut Grub nun Chancen. Wie die spanische Mutter verschickt auch der Verlag Das Beste Werbebriefe (aus Papier) in deutsche Briefkästen und verkauft aus seinem Lager in Ostdeutschland heraus von Nahrungsergänzungsmittel über Cremes bis zu CDs, Schmuck und Outdoor-Klamotten so ziemlich alles an seine Kundschaft vorwiegend gehobenen Alters. Das Ganze garniert mit Gewinnspielen.
Was wird aus der Zeitschrift „Das Beste aus Reader’s Digest“?
Genau dieser Teil der GmbH ist im laufenden Verfahren nun offenbar von Interesse, berichtet der Insolvenzverwalter: „Wir sind mit drei ernsthaften Interessenten in intensiven Verhandlungen.“ All drei seien aus der Direktmarketingbranche aus Deutschland und wollen den Verlag Das Beste oder zumindest Teile davon übernehmen. „Ich habe der Belegschaft gesagt, dass ich sehr zuversichtlich bin, einen Investoren zu finden“, berichtet Grub von der Versammlung am Montag. „Ich habe aber auch gesagt, das wird mit Einschnitten verbunden sein.“ Einschnitten beim Personal, versteht sich.
Bis Ende Mai, Anfang Juni soll klar sein, was aus dem Verlag wird. „Beide Titel werden auch im Insolvenzverfahren im Rahmen der Betriebsfortführung weiter produziert“, sagt Philipp Grub. Ob das einstige Erfolgsmodell „Das Beste aus Reader’s Digest“ 104 Jahre nach Erscheinen der US-amerikanischen Erstausgabe in Deutschland darüber hinaus eine Zukunft hat, wird sich im Frühjahr weisen.