Weil ein Spürhund eine Fährte zum Sindelfinger Klostersee aufgenommen hatte, wurde dort im Januar 2015 mehrfach gesucht – auch mit Tauchern. Foto: Kreiszeitung Böblinger Bote/Archiv
Ende Dezember 2014 verschwindet der Magstadter Armin Lauter. Bis heute wurde der Gebrauchtwagenhändler nicht gefunden. Wurde dem damals 49-Jährigen ein Autogeschäft zum Verhängnis?
28. Dezember 2014, 10.30 Uhr am Vormittag: Ein 1,90 Meter großer Mann mit grauen Haaren, schwarzer Jacke, blauer Jeans und schwarzen Schuhen verlässt nach Besuch des Bäckers den Edeka-Markt in der Maichinger Straße in Magstadt. Eine Überwachungskamera hält den Moment fest. Der Mann ist Armin Lauter, ortsansässiger Gebrauchtwagenhändler. Die Aufnahme ist das letzte bekannte Lebenszeichen des damals 49-Jährigen. Seither fehlt von ihm jede Spur.
Ob der Magstadter aus freien Stücken sein Umfeld verlassen hat oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, ist bis heute unklar. Unzählige Stunden Ermittlungsarbeit investierte die Kriminalpolizei Böblingen in den Fall, mehr als 60 Hinweisen aus der Bevölkerung und 730 Spuren gingen die Ermittler in der Dekade seit dem Verschwinden nach. Polizisten durchkämmten mehrere Waldstücke, tauchten unter anderem den Klostersee in Sindelfingen ab und schickten Spürhunde auf Fährten in das plötzlich aufgefundene Auto – alles ohne Erfolg. Auch der Beitrag in der ZDF-Fernsehsendung „Aktenzeichen XY-ungelöst“ im August 2015 lieferte keinen entscheidenden Hinweis.
Chronologie eines Verschwindens
Wie Armin Lauter genau seine letzten Tage verbracht hat, ist nicht vollends bekannt. Mit seinen Eltern soll der 49-Jährige laut „Aktenzeichen XY“ am 24. Dezember ein letztes Mal telefoniert und ihnen seine Absicht mitgeteilt haben, zum Geburtstag der Mutter am 30. Dezember zu Besuch in deren Wahlheimat, das Allgäu, zu kommen. Am 26. Dezember soll Lauter noch geschäftlich in Remshalden (Rems-Murr-Kreis) und Köngen und Wendlingen am Neckar (beides Kreis Esslingen) tagsüber unterwegs gewesen, bevor er gegen Abend über die Raststätte Sindelfinger Wald zurück nach Magstadt gefahren sein soll.
Armin Lauter zum Zeitpunkt des Verschwindens. Foto: Polizei
Am 28. Dezember 2014, dem Tag seines Verschwindens, könnte Lauter, nachdem er im Magstadter Edeka eingekauft hatte, nach Sindelfingen gefahren sein. Dafür sprechen zwei Indizien: Erstens war Lauters Handy am Nachmittag des 28. Dezember in einer zu Sindelfingen gehörenden Funkzelle eingeloggt. Auch seine Tage später, genauer am 7. Januar 2015, in der Gartenstraße gefundene graue Mercedes G-Klasse weist auf einen eventuellen Aufenthalt in der Daimlerstadt hin. Das Auto stand unverschlossen und im Halteverbot nur einen Katzensprung entfernt von der dortigen Polizeiwache.
Die Frage aber, ob Lauter selbst nach Sindelfingen gefahren ist und dann sein Fahrzeug unabgeschlossen und im Halteverbot stehen ließ, kann die Polizei bis heute nicht sicher beantworten. Vielleicht hat auch ein möglicher Täter Lauters Handy und dessen Mercedes zu diesem Zeitpunkt bereits im Besitz gehabt. Möglich sind laut der Polizei drei Szenarien: „Armin Lauter ist selbst nach Sindelfingen gefahren, ein Dritter fuhr an den Abstellort, oder Lauter könnte mit einer oder mehreren weiteren Personen dorthin gefahren sein. Letztlich wissen wir nicht, wer das Fahrzeug dort abgestellt hat und wie lange es dort stand, bevor es festgestellt wurde“, heißt es von den Ermittlern auf Nachfrage.
Keine Informationen darüber, ob es DNA-Material gibt
Wie die Polizei auf unsere Anfrage bestätigt, hatten Spezialisten das Auto auf Spuren untersucht. Aber auch hier: „Die kriminaltechnische Untersuchung des Mercedes hat hier keine weiteren Erkenntnisse gebracht“, lautet die Antwort. Ob Fremd-DNA-Material zum Beispiel am Autositz oder am Lenkrad gefunden wurde, wollte die Polizei „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht sagen.
Immer wieder kommt es bei Vermissten- oder Tötungsfällen zu sogenannten Spur-Spur-Treffern. Dann tritt die DNA eines Unbekannten zeitversetzt an zwei unterschiedlichen Tatorten auf. Wird der Täter nach Begehung des zweiten Falls gefasst, könnte aufgrund der gespeicherten Spur in der DNA-Datenbank auch eine andere, länger zurückliegende Tat nachgewiesen werden.
Die Überwachungskamera dieses Edeka-Marktes filmte das letzte bekannte Lebenszeichen. Foto: Dudenhöffer
Armin Lauter war zum Zeitpunkt des Auftauchens seiner G-Klasse bereits mehrere Tage als vermisst gemeldet. Eine besorgte Nachbarin und ein Mitarbeiter Lauters hatten am Jahresende 2014 die Polizei über das auffällig lange Fortbleiben Lauters in Kenntnis gesetzt. Das Polizeipräsidium Ludwigsburg veröffentlichte daraufhin zusammen mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart am 8. Januar 2015 die erste Pressemitteilung samt Zeugenaufruf. Nahezu gleichzeitig wurde mittels eines Fahndungsplakats die Bevölkerung informiert. Außerdem richtete die Kripo die Sonderkommission „Garten“ ein, „um eine komprimierte Abarbeitung der vorhandenen Spuren und eingehender Hinweise zu gewährleisten“, wie die Polizei schreibt.
Wurde dem 49-Jährigen ein Autogeschäft zum Verhängnis?
Was könnte mit dem Autohändler passiert sein? Welches Szenario hält die Kripo heute für wahrscheinlich? Könnte seine berufliche Tätigkeit als Gebrauchtwagenhändler Grund für das Verschwinden oder gar eines gewaltsamen Todes sein? Da in der Branche Geschäfte häufig mit größeren Mengen Bargeld abgehandelt werden, spielte die Kripo auch diese Version durch: Armin Lauter könnte im Rahmen eines Autokaufes oder -verkaufes auf die falsche Person getroffen, ausgeraubt und getötet worden sein.
„Es kann nicht ausschlossen werden, dass Lauter in eine Falle gelockt wurde. Er trug immer viel Geld bei sich. Dieser Umstand könnte ein Motiv für ein Tötungsdelikt sein. Letztlich bewegen wir uns hier aber im Bereich der Spekulation“, so die Polizei. Vor genau zehn Jahren, als der ermittelnde Kripobeamte Volker Zaiß in der Sendung zu Gast war, sagte dieser in aller Klarheit: „Es gibt kaum noch Zweifel, dass Lauter Opfer eines Verbrechens geworden ist.“
Hier in der Blumenstraße, im Magstadter Gewerbegebiet, war Lauters Autohandel angesiedelt. Foto: Dudenhöffer
Für andere Optionen, die das Privatleben Armin Lauters betreffen, gab und gibt es offenbar keinerlei Anhaltspunkte. Für eher ausgeschlossen hält die Polizei eine andere Theorie, die in Online-Foren umhergeistert und auf einer wahren Begebenheit beruht: Am frühen Morgen des 3. August 2014 war ein Unbekannter in Lauters Wohnung eingebrochen, Lauter wurde dadurch aus dem Schlaf gerissen. Mithilfe einer Wasserflasche soll der Magstadter den Einbrecher in die Flucht geschlagen haben.
Erst drei Monate später meldete Armin Lauter den Vorfall der Polizei. „Herr Lauter hat diesem Einbruch offensichtlich keine besondere Bedeutung beigemessen und die Tat erst im November 2014 angezeigt“, schreibt die Polizei und fügt an: „Gemäß den Ermittlungen dürfte der Einbrecher mit dem Verschwinden nichts zu tun haben.“
Betroffenheit im Ort war groß
Für viele Menschen in der 9500-Einwohner-Gemeinde war das plötzliche Verschwinden Lauters nur schwer fassbar. Der damalige Bürgermeister Magstadts, Hans-Ulrich Merz, erinnert sich: „Im Ort war die Betroffenheit einerseits groß. Andererseits war das Thema tagelang Ortsgespräch und die wildesten Spekulationen wurden diskutiert.“ Diese Spekulationen wollte Merz unkommentiert lassen, denn für diese habe es „weder Belege noch Zeugen gegeben.“ Stattdessen hebt der ehemalige Rathauschef die Mühen der Kripo hervor: „Seitens der Polizei blieb nichts unversucht, Herrn Lauter zu finden. Selbst die Tümpel im Wald wurden abgesucht – letztlich erfolglos.“
Auch wenn seit Jahren keine neuen Ermittlungsansätze bestehen und weder ein Lebenszeichen noch eine Leiche des vermissten Magstadters gefunden wurden, ist die Akte nicht geschlossen, wie die Polizei versichert. „Das Ermittlungsverfahren ist bislang nicht abgeschlossen. Derzeit sind nur alle Ermittlungsmöglichkeiten ausgeschöpft. Verfahren, die als ‚Cold Case’ behandelt werden, werden systematisch auf neue Ermittlungsansätze geprüft. Sobald sich eine neue Ermittlungsmöglichkeit ergibt, wird dieser nachgegangen.“
Den Autohandel Lauters in der Blumenstraße im Gewerbegebiet gibt es heute nicht mehr. An derselben Adresse sind jetzt zwei andere Firmen registriert. Damit ist nicht nur der Mensch Armin Lauter von der Bildfläche verschwunden, auch von seinem Hauptlebensinhalt – dem Handel mit hochwertigen Autos – ist zehn Jahre und acht Monate später nichts mehr zu sehen.
Spurlos verschwunden
Beschreibung Armin Lauter war zum Zeitpunkt des Verschwindens Ende Dezember 2014 49 Jahre alt. Er war ledig, hatte keine Kinder und lebte alleine in seinem Elternhaus in Magstadt. Seine Eltern lebten im Allgäu. In Magstadt unterhielt Lauter einen Autohandel vor allem mit Marken wie Mercedes und Porsche. In Nufringen betrieb er außerdem eine Werkstatt.
Cold Case Der Fall ist ein Cold Case, also ein ungeklärter Kriminalfall. In Baden-Württemberg sind laut Landeskriminalamt von 2024 derzeit mehr als 1000 Menschen vermisst.