Die Stuttgarter Innenstadt ist stark versiegelt. Einige Viertel stechen besonders hervor. Foto: imago//Arnulf Hettrich
Stuttgart ist eigentlich eine Großstadt mit recht vielen Grünflächen. Doch für fünf Stadtteile kann man das so gar nicht sagen. Wo sie liegen – und wo es zumindest etwas grüner geworden ist.
So schnell wird es nicht kommen: In einer Stellungnahme vom November erklärte der zuständige Bürgermeister Peter Pätzold, dass dieses Konzept wegen Personalmangels erst zum Jahresende beauftragt werden könne, in der zweiten Jahreshälfte 2025 könne die Verwaltung dann Konkretes sagen.
Weniger drängend wird das Problem deshalb freilich nicht, wie eine Analyse des auf Satellitendaten spezialisierten Start-ups Vertical52 im Auftrag des Recherchenetzwerks Correctiv zeigt. Demnach ist das Europaviertel der am stärksten versiegelte Stuttgarter Stadtteil. Ausgerechnet das Viertel, das unter dem Eindruck eines bereits spürbaren Klimawandels geplant und bebaut wurde, scheint am wenigsten geeignet, zumindest während der absehbar häufigeren sommerlichen Hitzetage einen erträglichen Aufenthalt zu ermöglichen.
In diesen Stadtteilen gibt es am wenigsten Grün
92 Prozent der Fläche im Europaviertel sind laut der Analyse versiegelt. Gemeinsam mit der Gegend um das Rathaus und dem Heusteigviertel nimmt das Europaviertel damit den unrühmlichen Spitzenplatz ein. Am anderen Ende des Rankings finden sich, wenn man im Wesentlichen unbebaute Stadtteile wie die Solitude ausblendet, Wohngegenden wie Rohracker, Büsnau oder, nahe an der Innenstadt, Bopser.
Die Tabelle zeigt das Versiegelungs-Ranking der Stuttgarter Stadtteile:
Vergleichbare Zahlen hat die Stadtverwaltung nicht, wie sie auf Anfrage mitteilt – solche Werte werden schlicht nicht ermittelt. Die von Correctiv verbreiteten Zahlen können also nicht mit amtlichen Daten abgeglichen werden. Seine Methode sei aber etabliert und habe eine Genauigkeit von 90 Prozent, sagt der Vertical52-Gründer Marcus Pfeil.
Der berechnete Versiegelungsanteil hat natürlich auch mit der Größe der Stadtteile zu tun. Beispielsweise am Stadtrand wird Stadtteilen häufig ein größeres Stück Wald oder Naturfläche zugeschlagen. Die Karte zeigt das deutlich:
Deshalb ist es umso interessanter, wie sich der Versiegelungsgrad verändert hat – auch das hat Vertical52 ausgerechnet, nämlich über einen Vergleich von Satellitenbildern aus den Jahren 2018 und 2024. Die positive Nachricht: In den allermeisten der besonders stark versiegelten Stadtteile ist in den vergangenen sechs Jahren Grün dazugekommen – auch im Europaviertel, wo vor sechs Jahren noch 97 Prozent Versiegelungsgrad errechnet wurden und seither einige Bäume nachgepflanzt wurden.
Wo wirklich neu versiegelt wurde
Netto ist in Stuttgart seit 2018 rund ein Quadratkilometer Fläche neu versiegelt worden – eine Fläche so groß wie der Bereich innerhalb des Cityrings. Das ist allerdings deutlich weniger als in Leipzig (plus 5 Quadratkilometer) oder Hamburg (plus 13 Quadratkilometer), den beiden anderen von Vertical52 untersuchten Großstädten.
Besonders viel neu bebaute Fläche kam in Stuttgart-Freiberg dazu, unter anderem durch ein Neubauprojekt an der Balthasar-Neumann-Straße. Detaillierte Zahlen zu der neu versiegelten Fläche kann die Stadtverwaltung auf Anfrage nicht nennen. Deshalb kann für die Suche nach den Gründen für die Versiegelung nur der Fotovergleich mit bloßem Auge helfen.
Neu gebaute Häuser in Stuttgart-Freiberg Foto: Stadtverwaltung/Stadtmessungsamt
Wo nicht ganze Wohnblöcke neu entstanden, werden aber auch methodische Grenzen sichtbar. Rund um den Bismarckturm errechnet der Algorithmus den zweitstärksten Zuwachs an versiegelter Fläche.
Neben einem für die gewünschte Nachverdichtung neu errichteten Mehrfamilienhaus fließt aber offenbar auch ein Ersatzhabitat für Eidechsen sowie ein um Gartenwege und einen Pool ergänztes Grundstück in diesen Wert ein. „Diese Fläche ist aber gar nicht versiegelt“, erklärt eine Sprecherin der Stadtverwaltung. Versiegelt seien Flächen nur, wenn Böden „durch nicht durchlässige Materialien wie Asphalt, Beton oder Pflastersteine“ abgedeckt werden.
Zur Versiegelungsrecherche
Zusammenarbeit Diese Recherche ist Teil einer Kooperation unserer Zeitung mit Correctiv und Vertical52. Das Lokaljournalismus-Netzwerk Correctiv.Lokal recherchiert zu verschiedenen Themen, darunter in einem Schwerpunkt über die Klimakrise. Weitere Infos unter correctiv.org/klima.
Vertical52 Das Start-up macht laut eigenen Angaben Satellitenjournalismus. Man liefere Bilder – und Unterstützung, „diese zu verstehen, zu analysieren, zu visualisieren“, heißt es auf der Unternehmenswebsite.